Die „Matisse – Bonnard“ Ausstellung im Frankfurter Städel ist eine Gegenüberstellung zweier Künstler, die zu ihren Lebzeiten befreundet waren, obwohl sie als Konkurrenten in ihrem Gebiet auftraten. Henri Matisse, der viel mehr Aufsehen um seine Kunst machte, als dies Pierre Bonnard tat. Bonnard lebte zurückgezogen und arbeitete in kleineren Räumlichkeiten als der extrovertierte Matisse. Diese Haltung drückt sich auch im unterschiedlichen Duktus der beiden Künstler aus, während Matisse den großzügigen Umgang mit Farbe und Linie bevorzugt, spricht aus Bonnard mehr Innerlichkeit. Er wird immer auch gern als der letzte Impressionist bezeichnet, der er nicht ohne weiteres war. Denn Seine Kunst war zeitgemäß und verstand sich stets im Kontext mit Werken wie die von Matisse.

„Es lebe die Malerei“ klingt beinahe unzeitgemäß und passt wörtlich genommen gar nicht mehr so recht in die Gegenwart. Viele Gegenwartskünstler arbeiten mit technischen Mitteln wie Fotografie oder Offsetdruck, um ihre Kunstwerke zu produzieren. Gerhard Richter verfügt über eine technisierte Arbeitsweise, um seine spektakulären großformatigen Abstraktionen zu konzipieren. Deshalb mag der Ausruf schon etwas verwegen sein, so als ginge es darum etwas zu glorifizieren. Wer malt heutzutage noch nach alter herkömmlicher Tradition mit Farbe, Pinsel und Leinwand? In einer Epoche in der „Ready Mades“ a là Marcel Duchamp gerade erst ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert haben. Solche Kunst ist viel einfacher und genauso effektiv heutzutage. Auf dem Kunstmarkt und den internationalen Messen steht die herkömmliche Malerei auf untergeordnetem Level. Sie wird nicht vergessen, aber sie ist nicht der Hauptakteur. Eine besondere Bedeutung hat die französische Malerei, die viel Einfluss auch auf deutsche Künstler ausübt. Die Kreativität der Franzosen ist legendär, aber sie führt immer wieder auch zu Widersprüchen in der Diskussion.

Kat. 54 Pierre Bonnard, Die Familie Terrasse, um 1902, Staatsgalerie Stuttgart

Die Ausstellung Matisse – Bonnard erinnert vielleicht an ein Sommerspektakel, doch dafür ist es im September und Oktober fast schon zu spät geworden. Was will diese Ausstellung mit ihrem aufrührerischen Ausruf „Es lebe die Malrei“? Will sie anstiften den Pinsel zu ergreifen und endlich loszulegen? Meist ist gar kein Platz da, um die Staffelei aufzustellen. Das Malerwerkzeug, die Farben aus den Tuben verursachen bei unsachgemäßer Handhabung eine Sauerei, die niemand haben will. Die Ausstellung wird in Frankfurt überwintern und Sehnsüchte wecken nach sonnigen Jahreszeiten und das trotz der Gegenüberstellung so unterschiedlicher Charaktere, wo das Gespür zählt mit all ihren Feinheiten und Unfeinheiten. Das betrifft auch die große Auswahl an Frauenakten, die in der Ausstellung gezeigt werden.

Eine Ausstellungsrezension von Kulturexpress

Der Titel der Ausstellung, „Es lebe die Malerei!“, beruht auf dem programmatischen Ausruf, mit dem Matisse seinen Freund Bonnard am 13. August 1925 grüßte. Die wenigen Worte auf einer Postkarte aus Amsterdam waren der Beginn eines über 20-jährigen Briefwechsels, der von tiefer gegenseitiger Wertschätzung zeugt. Beide verlegten ihren Lebensmittelpunkt aus der Kunstmetropole Paris an die Côte d’Azur und behaupteten von dort ihren Ruf als führende Protagonisten der europäischen Kunstszene. ln der Malereigeschichte werden die Kollegen trotz ihrer markanten zeitlichen Nähe oft zwei entgegengesetzten Strömungen zugerechnet: Bonnard, mit seinem luftigen, lockeren Pinselduktus und dem Einsatz zarter, flirrender Pastellfarben als letzter großer Erbe des Impressionismus; Matisse, mit seinem Interesse an grellen Farben und flächigen, stark konturierten Bildkompositionen als ein weit ins 20. Jahrhundert weisender Pionier der Abstraktion.

Pierre Bonnard, Le Cannet, la route rose,
um 1934/35, Kunstmuseum Winterthur

Vom 13. September 2017 bis 14. Januar 2018 zeigt das Frankfurter Städel Museum zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867–1947). Im Mittelpunkt der Sonderausstellung „Matisse – Bonnard. ‚Es lebe die Malerei!‘“ steht die über 40 Jahre andauernde Künstlerfreundschaft der beiden französischen Maler. Beide setzten sich intensiv mit den gleichen künstlerischen Sujets auseinander: Interieur, Stillleben, Landschaft und besonders auch mit dem weiblichen Akt. Anhand von rund 120 Gemälden, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken eröffnet die Schau einen Dialog zwischen Matisse und Bonnard und bietet damit neue Perspektiven auf die Entwicklung der europäischen Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Bereichert wird die Werkauswahl durch eine Reihe von Fotografien Henri Cartier-Bressons, der die beiden Maler 1944 in ihren Landhäusern an der französischen Riviera besuchte.

Foto (c) Kulturexpress

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