Zahlreiche s/w Fotos zeigen Anschauungsmaterial, in denen das Haus als Ganzes Wirkung hat. Schematische Darstellungen helfen bei der visuellen Ortung der Objekte. Schautafeln liefern einen Abriss über das historische Gebäude. Letztlich gehört die Publikation in den Bereich wissenschaftlicher Sekundärliteratur, die eine weitreichende Diskussion darüber anstoßen will, welche Bedeutung das Einfamilienhaus in einer bürgerlichen Gesellschaft noch haben kann. Und warum mit aller Vehemenz daran festgehalten wird.

Was der Band nicht liefert, sind architektonische Gegenentwürfe, wie diese aus Sicht des Architekten Gestaltung finden. Vielmehr findet eine kritische Auseinandersetzung auf kulturpolitischer Ebene statt, die sich mit Gegebenheiten befasst, wie sie gewachsen und langsam herangereift sind und woran kaum zu rütteln ist in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Mit der Zeitschrift ZK soll eine Debatte ausgelöst werden, denn es besteht grundlegender Handlungsbedarf nach Veränderung. Die Zielsetzung sollte deshalb nicht nur den Ruf nach Instandhaltung wecken, sondern auch Entwicklung erkennbar einfließen lassen. Ökonomische wie ökologische Anforderungen und technische Innovationen üben Druck auf die Gesellschaft aus, so dass ein Überdenken der alten Klischees und die des Einfamilienhauses immer wahrscheinlicher gemacht werden.

Eine Buchrezension von Kulturexpress

Leseprobe…

Einfamilienhäuser am Rande der Stadt sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts “suburban constellations”. Die Herausgeber der Ausgabe 1/ 2017 der Zeitschrift für Kulturwissenschaften ZK fragen sich, weshalb das Einfamilienhaus immer noch an erster Stelle beim Bauen steht? Welche kulturellen Interessen werden damit von Städten und der jeweiligen Regionalplanung verfolgt? Selbst die staatliche Förderung versucht Weichen zu setzen in dieser Richtung? Insbesondere in ländlichen Bereichen und im suburbanen Raum wird das Eigenheim als eine Grundform der Existenzgründung betrachtet.

Dieses Themenheft bietet Beiträge zum eigenen Haus vor einem kulturellen und historischen Hintergrund: Wo ist das suburbane Einfamilienhaus der Nachkriegsmoderne überhaupt zu lokalisieren? Erläutert werden gesellschaftliche und theoretisch-fachliche Gedankengänge einer neuen Architektur, die zugleich anonymer ist. Was bezwecken bürgerliche Hauseigentümer mit dieser Strategie eigentlich?

Der Historiker Michael Hecht analysiert dazu das frühneuzeitliche Adels-Haus, ein dynastisches Konzept, in dem sowohl das Haus als auch die Familie materiell und sozial bestimmt waren. Wie hat die Baukunst im Umbruch von der ständischen zur kapitalistisch-demokratischen Gesellschaft auf die soziale Frage reagiert? Warum erkoren moderne Architekten ausgerechnet das Bauernhaus zum Vorbild für das Wohnen im Industriezeitalter?

Die Kunsthistorikerin Jeannette Redensek erläutert die Positionierung des bäuerlichen Hauses als Garant für den Sozialtypus der “Gemeinschaft” am Ende des Kaiserreichs. Wie ging man in der drängenden Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg um? Welche städtebaulichen Alternativen zum Einzelhaus boten sich an? Das gilt insbesondere in Bezug auf das Hochhaus.

Die Architekturhistorikerin Alexandra Staub analysiert dazu am Beispiel Westdeutschlands das Kräftefeld zwischen amerikanischem Traum und bundesdeutsche Wiederaufbaujahre. Wie kommt es, dass das neu gebaute Einfamilienhaus zwar von der Soziologie als kleinbürgerliche Investition definiert wird, aber von der Architekturwissenschaft als eine durch den Markt bloßgestellte Fertigbauweise beschrieben wird?

Der Historiker Jonathan Voges erläutert auf der Grundlage von Do-it-yourself-Ratgebern rund um das eigene Haus den nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Umschwung vom Heimwerken als Notbehelf zum Selbermachen als konstitutives Element.

Was bewegt in der Gegenwart Ehepaare, wenn sie ein Einfamilienhaus am Stadtrand erwerben, während andere sich einer innerstädtischen Baugruppe anschließen? Die Transformation des Einfamilienhauses das als ländlicher Pol der Stadtwohnung gegenübersteht, spürt der Stadtsoziologe Marcus Menzl in den Metropolen auf. Er setzt damit auf Stadtkritik. Adapter zwischen Kunst und Forschung zeigt eine Arbeit der Sala-Manca Group aus Jerusalem, die religiöse und politische Artikulationen des Hauses zwischen Sesshaftigkeit, Vertreibung, Flucht und Exil in Bewegung bringen und damit den Gedanken einer Musealisierung von Häusern und der musealen Repräsentation aufwirft.

Zum Inhalt:

Editorial
Karin Harrasser und Elisabeth Timm

THEMA
Zu diesem Heft
Sonja Hnilica und Elisabeth Timm

Das Einfamilienhaus als neue anonyme Architektur: Bestand und Begehren
Sonja Hnilica und Elisabeth Timm

Das Adels-Haus in der Frühen Neuzeit. Genealogisches Konzept, verwandtschaftliche Ordnung, architektonische Gestalt
Michael Hecht

Zur Rezeption des Bauernhauses durch die Architekten der Moderne in Deutschland um 1900
Jeannette Redensek

Von Stunde Null bis Tempo 100. Das Einfamilienhaus und die »Amerikanisierung« westdeutscher Wohnideale in der Nachkriegszeit
Alexandra Staub

»Mit Geschmack und wenig Geld«. Heimwerken als Aneignungspraxis des Einfamilienhauses von den 1950er bis in die 1980er Jahre
Jonathan Voges

Das Eigenheim im Grünen. Kontinuität und Wandel eines Sehnsuchtsortes
Marcus Menzl

ADAPTER
The Eternal Sukkah
The Sala-Manca Group

DEBATTE
Altbauten in der Vorstadt: eine Debatte zu Gestaltungsrealität und Nutzungsutopien
Sonja Hnilica und Elisabeth Timm

Diskrete Stadtlandschaften
Christoph Luchsinger

Repliken
Das Zukunftspotenzial von bestehenden Einfamilienhaus-Siedlungen im ländlichen Raum Julia Lindenthal und Gabriele Mraz | Das Einfamilienhaus – (un)auffällige Hauslandschaften Christina Simon-Philipp | Wo steht das Haus? Zum Strukturwandel des Eigenheims in »diskreten Stadtlandschaften« Berthold Vogel | Mehr als ein Familienhaus – mehr Kontext, Stadt, Politik Gabu Heindl | Zum Ideal der Auflockerung Nikolai Roskamm | Alleinstehend, nicht mehr ganz jung, sucht Anschluss. Raumplanerische Gedankensplitter aus der oberösterreichischen Provinz zum Thema Einfamilienhaus Walter Werschnig

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