Colette, wie ist damals der Fall von Eleanor Riese auf Ihrem Tisch gelandet? War das reiner Zufall?

Gemeinsam mit Mort Cohen habe ich damals eine Klage vorbereitet, in der es um Patientenrechte ging, und zu diesem Zweck hatten wir eine Art Profil erstellt, dem potentielle Kläger idealerweise entsprechen sollten. Wir hatten viele Hilfsorganisationen und Beratungsstellen für Psychiatriepatienten abgeklappert, damit sie im Zweifelsfall Patienten an uns verweisen. Eines Tages bekam ich den Anruf, dass sich eine Eleanor Riese an das Büro für Patientenrechte gewandt habe, weil sie zur Einnahme von Medikamenten gezwungen werde, die sie nicht nehmen wolle. Sie wollte einen Anwalt, aber keinen Pflichtverteidiger. Deswegen machte ich mich auf ins St. Mary’s Hospital, um sie zu treffen.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Eindruck, den Sie von ihr hatten?

Oh ja, sehr gut sogar. Ich machte mir Sorgen um ihren körperlichen Zustand, denn sie hatte immer wieder Krampfanfälle. Sie kam nicht zur Ruhe und zitterte fürchterlich. Sie litt ja, wie ich dann erfuhr, an einer Krankheit namens Akathisie, bei der man das Gefühl hat, seinem eigenen Körper entkommen zu müssen. Davon abgesehen war sie großspurig, ein bisschen fordernd, beißend sarkastisch und sehr unverblümt. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie enorm klug und sich sehr bewusst war, welche Nebenwirkungen ihre Behandlung auf sie und ihren Körper hatten. Ich war ausgesprochen überrascht davon, dass es ihr physisch unübersehbar sehr schlecht ging, sie aber trotzdem so klar und wortgewandt war. Eine bemerkenswerte Frau, daran bestand von Anfang an kein Zweifel.

Im Film sagt die Figur Colette Hughes zu Eleanor Riese: Ich halte immer mein Wort. Waren Sie damals wirklich so sicher, dass Sie ihr würden helfen können?

Nun, ich war zumindest sicher, dass ich meinen Pflichten als Anwältin würde nachkommen können. Eleanor sagt immer: „Tue einfach Dein Bestes.“ Und genau das tat ich, dieses Versprechen konnte ich halten. Aber ich hatte auch immer das Vertrauen, dass wir letztlich den Fall würden gewinnen können. Wobei die Gewinner in diesem Fall nicht Mort und ich, sondern Eleanor und die anderen Patienten waren.

Wussten Sie von Anfang an, was auf Sie zukommt? Wie viel Kraft dieser Fall kosten würde?

Mir war von Beginn an klar, dass es hart werden würde. Ich hatte noch nicht allzu viele Erfahrungen mit Fällen dieser Art, aber Mort warnte mich vor. Außerdem war mir klar, dass das Thema kontrovers war. Aber selbstverständlich gab es auch ein paar Momente, in denen ich mich überfordert fühlte. Zum Beispiel bekam ich einige sehr unerfreuliche, übergriffige Anrufe von Psychiatern, nicht zuletzt als ausgerechnet in San Francisco die American Psychiatric Association für eine Tagung zusammenkam. Da wurde ich mit Worten beschimpft, die ich hier niemals wiederholen könnte. Das war hart, und ich war zu jung und naiv, um so etwas zu erwarten. Heute weiß ich, dass das leider dazugehört, wenn man für Menschenrechte kämpft.

Auch zeitlich forderte der Fall Ihnen viel ab, nicht wahr?

In der Tat. Anfang der Achtziger Jahre nahmen Mort und ich uns des Falles an. 1985 sah es dann so aus, als kämen wir nicht weiter, weil man uns einige Steine in den Weg legte, als den bestehenden Gesetzen neue Statuten hinzugefügt wurden. Als wir schließlich doch gewannen, waren wir von Januar 1990 bis in den November 1991 damit beschäftigt dafür zu sorgen, dass das Urteil auch im kalifornischen Recht umgesetzt wird. Das war für uns natürlich der Knackpunkt. Das war nicht unanstrengend, zumal ich gerade ein neues Büro in Oakland eröffnet hatte und mehrfach nach Sacramento pendeln musste.

Erzählen Sie ein wenig über Ihre Zusammenarbeit mit Cohen …

Wir lernten uns kennen, weil es damals in der Bay Area nicht viele Anwälte gab, die auf dem Gebiet psychischer Krankheiten tätig waren. Wir hatten das gleiche Ziel: ein speziell für Kalifornien geltendes Recht, das Patienten ihre körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung garantiert, wenn es um die Medikation geht. Mort lehrte Verfassungsrecht, deswegen kümmerte er sich vor allem um diese Seite von Eleanors Fall. Und er führte auch den Prozess und hielt auch das Plädoyer, das ich für ihn mitvorbereiten durfte. Ich widmete mich außerdem dem Entwurf des Gesetzes. So teilten wir uns die Arbeit, was natürlich ein Segen war. Ihn an meiner Seite zu haben, all die Jahre, war großartig, und wir haben hervorragend zusammen gearbeitet. Ich bewundere und respektiere ihn sehr, bis heute.

Eleanor Riese war sehr religiös. Hatte das in irgendeiner Weise Einfluss auf den Fall?

Das würde ich definitiv so sagen. Zunächst einmal war es ihrem Glauben zu verdanken, dass sie nie daran zweifelte, dass der Fall gewonnen werden kann und würde. Sie war fest davon überzeugt, dass Gott ihr helfen würde, weil es hier um eine gerechte Sache ging. Aber auch ganz praktisch hatte ihre Religion Auswirkungen, auf unser Verhalten ihr gegenüber und die Schwierigkeiten, mit denen sie und wir es zu tun bekamen. Das Krankenhaus etwa betrachtete ihre Religiosität als Teil ihrer Krankheit, als Wahnvorstellung. Was natürlich nicht stimmte. Immer wieder wurde ihr verwehrt, ihren Priester anzurufen oder Rosenkränze zu machen.

Hatten Sie persönlich einen Bezug zu diesem Glauben?

Ja, ich habe sie in dieser Hinsicht verstanden, denn ich bin selbst katholisch erzogen worden. Und viele der Glaubensinhalte teile ich auch heute noch. Nur als Eleanor mich bat, die Katholische Kirche zu verklagen, habe ich mich geweigert. Sie wollte verhindern, dass ihre gute Freundin, eine ältere Nonne, in ein Heim der Kirche ziehen muss, außerhalb der Stadt. Doch diese Nonne schien gar nicht an einer Klage interessiert, genauso wenig wie ich. Außerdem wäre das gar nicht in meinen Zuständigkeitsbereich gefallen.

Sie selbst haben, das wird in ELEANOR & COLETTE erwähnt, auch indianische Wurzeln. Wie sehr spielen diese für Sie eine Rolle?

Ich glaube, dass meine Herkunft einen Einfluss darauf hat, wie ich diesen und andere Fälle betrachtet habe. Wir Indianer haben einen großen Gemeinschaftssinn und stellen oft das Wohl der anderen über unser eigenes. Außerdem sind wir – Klischee hin oder her – häufig von einer gewissen Sturheit geprägt. Eleanor Riese konnte auch unglaublich stur sein, und es war hilfreich, dass ich damit umgehen konnte. Aber auch meine Art der Kommunikation hat mit meinen Wurzeln zu tun. Wenn in der Kultur meines Vaters jemand nichts sagt, kann man das nicht automatisch als Zustimmung deuten. Es gab durchaus einen Punkt, an dem Mort und ich über das Vorgehen im Fall nicht ganz einer Meinung waren. Er glaubte, er habe sich durchgesetzt, weil ich nicht mehr widersprach. Doch ich habe mich nicht von meiner Überzeugung abbringen lassen und das getan, was ich für richtig hielt. Mit Erfolg, wie Sie ja im Film sehen können.

War Eleanor Riese am Ende für Sie eigentlich mehr als eine Klientin?

Das, was sich über die Jahre zwischen uns aufbaute, war auf jeden Fall eine sehr tiefe, sehr persönliche Bindung. Ich habe von ihr gelernt, über das Leben, über Würde und Mut. Doch sie war nicht nur weise, sondern auch unglaublich lustig. Und das war so wichtig für mich, denn ich brauchte es, zwischendurch auch immer mal wieder herzhaft zu lachen. Wie nah sie mir wirklich war, habe ich mir erst bewusst gemacht, als sie immer kranker wurde und regelmäßig ins Krankenhaus musste. Ich wollte damals lange nicht wahrhaben, dass sie sterben würde. Ich glaube nicht, dass ich nach ihr nochmals eine solche Verbindung zu einem anderen Menschen hatte. Das war schon etwas sehr Besonderes.

Welche Spuren hat diese Beziehung bei Ihnen hinterlassen?

Ich glaube, dass ich durch die Begegnung mit Eleanor sanfter und offener geworden bin. Und definitiv mutiger. Sie hat meinen Glauben darin bestärkt, dass ein einzelner Mensch Großes bewirken kann. Denn genau das hat sie getan. Diese eine Person veränderte das Leben von 150.000 anderen Patienten. Lassen Sie uns noch konkret über ELEANOR & COLETTE sprechen.

Wann wurden Sie erstmals wegen einer Verfilmung der Geschichte angesprochen?

Das ist schon lange her. Der Drehbuchautor Mark Rosin kontaktierte mich bereits 1991, wenn ich mich richtig erinnere. Er hatte einen Kollegen von mir im Radio gehört, der ihn dann an mich verwies, damit ich ihm die Geschichte von Eleanor Riese erzähle. Das tat ich, und wir blieben all die Jahre in Kontakt.

Haben Sie sich mit Hilary Swank getroffen, die Sie nun im Film verkörpert?

Leider nicht. Aber wir haben miteinander telefoniert. Ich war beeindruckt, was für gute Fragen sie mir in dem Gespräch stellte. Sie war ganz wundervoll. Für ein paar Tage haben sie und das Team ja sogar in San Francisco gedreht, doch da konnte ich leider nicht dabei sein. Denn ich war gerade mit meinem Mann auf Hochzeitsreise. Waren Sie nervös, als Sie den fertigen Film schließlich sahen? Nicht nervös. Aber meine Sorge war, ob Eleanor auch wirklich als dreidimensionaler, komplexer Mensch mit allen Ecken und Kanten, aber eben auch mit ihren Emotionen und Gedanken dargestellt wird. Zum Glück war das unbegründet, denn der Film macht genau das. Ich finde ELEANOR & COLETTE ausgesprochen gelungen und wunderschön. Alle Beteiligten haben großartige Arbeit geleistet.

Sie haben den Film erstmals anlässlich der Weltpremiere beim Filmfestival in Toronto 2017 gesehen, nicht wahr?

Ja, und das war eine wundervolle Erfahrung. Das Publikum war fantastisch, sehr gerührt und es spendete tosenden Applaus. Am Tag darauf gab es eine weitere Vorführung, mit anschließendem Q&A. Die Fragen, die uns gestellt wurden, haben mich sehr beeindruckt. Danach kamen die unterschiedlichsten Menschen zu mir und sprachen mich an. Eine Frau war selbst Psychiatrie-Patientin, andere Sozialarbeiter oder Psychologen. Mit diesen Menschen zu sprechen hat mich sehr bewegt. Und ich bin mir sicher, dass der Film dazu führen wird, ähnliche Gespräche auf der ganzen Welt auszulösen und das Thema in den Fokus zu rücken.

Quelle: Warner Bros.

Print Friendly, PDF & Email

Ähnliche Beiträge: