Wie dreht man auf dem Meer?

Alle, die ich gefragt habe, haben uns abgeraten. Das funktioniert nicht, das ist die Hölle, das ist Horror. Man kann das Meer nicht kontrollieren, es macht was es will. Das war auch tatsächlich so. Es war katastrophal. Wir haben vor Malta gedreht – und es war der schlimmste Herbst des Jahrzehnts. Es gab nur Orkanstürme. Wir sind dann zwischen Malta und Sizilien 16 Stunden am Stück gesegelt und haben wirklich real beim Segeln die Geschichte erzählt. Letztlich war das die wichtigste Entscheidung. Das Projekt ist gelungen, weil wir uns alle selbst dieser Welt ausgesetzt haben. Wir haben quasi dokumentarisch gedreht. Acht Leute auf dem Boot, alle mussten sich verstecken, um nicht im Bild zu sein. Nur die Sturmszenen haben wir in Malta in einem Becken gedreht – mit horrorlauten Wellenmaschinen und Wasserkanonen, die 600 Liter Wasser aufs Boot geschmissen haben. Die Idee war, so lange Einstellungen wie möglich zu drehen, um nicht über den Schnitt zu manipulieren, und diesen körperlichen Tanz, den die Figur vollzieht, als physischen Kraftakt zu zeigen.

Die Hauptfigur erfährt eine „Verwandlung“ und Erschütterung…

Mich interessieren Figuren, die sich eine große Aufgabe stellen und an dieser Aufgabe abarbeiten müssen. Eine zentrale Vorstellung in dieser Geschichte ist die Reise zum individuellen Paradies. Genau die unter- nimmt die Hauptfigur, die sich dafür diesen Naturgewalten aussetzt und tagelang allein auf einem 11-Meter langen Segelboot ist – weil sie den Wunsch hegt, nach Ascension-Island zu fahren. Sie beherrscht die Segelkunst. Es ist spannend zu wissen, wie das praktisch funktioniert, wenn man alleine auf einem Segelboot mitten im Atlantik ist: Wie klappt dieser Kraftakt? Die meisten Einhandsegler schlafen eine halbe Stunde, und sind dann wieder eine halbe Stunde wach. Das ist ein klar strukturierter Ablauf, der physisch und psychisch ungemein anstrengend ist – keine Urlaubsreise, sondern ein Abenteuer. Das finde ich das Starke an dieser Geschichte: Dass wir dieser Frau folgen, während sie ihr Abenteuer bestreitet.

Der Film beginnt mit Bildern von Affen in Gibraltar, gewissermaßen am Ende Europas. Diese Affen gibt es wirklich, aber am Beginn dieses Films wirkt das Bild auch besonders eindrucksvoll. Wie ein Symbol. Was sind Deine Gedanken dazu?

Der Affe ist ja zuallererst ein Bild des Chaos. Dieser Eindruck wird dadurch noch verstärkt, dass wir die Affen hier nicht in ihrer natürlichen Umgebung sehen. Es sind Affen in der Stadt, mitten im Alltag der Men- schen. Man sieht damit schon zu Beginn eine Welt, die aus dem Lot ist.

Mythen spielen im Film eine gewisse Rolle: Gibraltar, das sind auch die „Säulen des Herkules“. Der Filmtitel bezieht sich auf den Totenfluss der griechischen Mythologie. Es gibt diverse Verweise auf mythologische Motive…

Ursprünglich hatten wir, Ika Künzel und ich, einmal die Grundidee, den ganzen Film nach der „Göttlichen Komödie“ von Dante aufzubauen. Darin geht es auch um eine Reise ins Paradies und den Versuch, das Vergangene wiederzuholen. Der Fluß „Styx“ trennt in der Unterwelt die Lebenden von den Toten. Die Hauptfigur Rike begibt sich mit einem Boot in diese Zwischenwelt, die sehr gefährlich ist, und in der es keine Sicherheiten mehr gibt. Dabei erlebt sie tatsächlich eine Höllenfahrt. Wie in Dantes „Inferno“ steigt sie am Schluss des Films hinab in ein dunkles Totenreich.

Was stand am Anfang dieses Films, was für Gedanken?

Wir wollten in jedem Fall einen sehr körperlichen, physischen Film machen, mit wenig Dialogen. Ein Mensch, der sich in eine menschenfeindliche Natur begibt, die man nie komplett beherrschen kann, in der man Experte sein muss. Dies stand im Vordergrund: Man begibt sich in diese Welt und setzt sich mit den Elementen in Beziehung und versucht, die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Einsamkeit auszuhalten ist ein wichtiges Thema: Wer kann das heute noch? Ohne Handy, ohne Internet- Empfang bricht sie auf, um wochenlang alleine auf diesem Boot zu sein – und sie liebt es. Das reizte uns. Rike braucht kein Gegenüber, um Freude zu erleben. Aber sie ist ein sehr sinnlicher Mensch. Wir sehen sie im offenen Meer schwimmen und wenn sie dann das erste Sonnenlicht in ihrem Gesicht spürt, oder wenn der Wind in die Segel bläst, dann sehen wir sie lächeln. Oder wenn sie von ihrem Traum erzählt, dem Paradies, in das sie reisen möchte.

Dein Film entfaltet ein moralisches Dilemma… Könnten wir alle in die Lage der Hauptfigur kommen?

Ich glaube das unbedingt. Nehmen wir ein alltägliches Beispiel: In der U-Bahn wird neben uns jemand an- gegriffen. Wir suchen uns das nicht aus, aber wir müssen uns verhalten. Auch wegzusehen ist ein Verhalten. Man muss sich entscheiden. Das kann jedem von uns passieren. Es ist etwas Universelles. Es verändert das Leben. Als Notärztin kennt Rike die Regel: Schütze zuerst Dein eigenes Leben. Dieser Regel folgt sie. Aber natürlich bleibt die Frage, ob sie richtig entschieden hat.

Wagst Du eine Antwort auf die Frage: Was würdest Du tun an ihrer Stelle?

Ich kenne Segler, denen Ähnliches passiert ist. Die haben versucht, so schnell wie möglich wegzukommen. Weil sie wussten: Das schaffen wir nicht. Das kann ich nachvollziehen. Die Figur der Rike ist auch deshalb als Ärztin eingeführt, weil sie nicht handelt, wie Du und ich, sondern weil sie durch den hypokratischen Eid eine stärkere Verpflichtung empfindet. Wir haben im Zuge der Recherchen mit vielen Hilfsorganisationen gesprochen. Ein wichtiger Gesprächspart- ner war Rupert Neudeck. Neben seiner Idee des Weltbürgertums, hat er dringend für mehr Mut geworben.

Wie fiel die Wahl auf Susanne Wolff für die Hauptrolle?

Sie ist eine feinfühlige, aber auch sehr physische Schauspielerin, die ihren Körper gut einsetzen kann. Sie schwimmt täglich eine Stunde, sie hat einen internationalen Segelschein, das Element Wasser ist ihre Welt – deswegen war ganz klar, dass sie es spielen musste.

Von langen Einstellungen hast Du bereits gesprochen. Was war sonst Eure Ideen zur Bildgestaltung? Wie hast Du mit Benedikt Neuenfels gearbeitet?

Wir haben ein eigenes System entwickelt, wie man auf dem offenen Meer drehen kann. Es ist grundsätzlich sehr behäbig. Wenn man am Tag fünf Einstellungen schafft, ist man schon richtig gut. Das war eine Riesen- herausforderung – man darf nicht nervös werden. Es ist sehr viel vor Ort entstanden. Man muss reagieren, die Natur diktiert Dir, was Du drehen kannst. Wir sind zwar dem Drehbuch gefolgt, aber unser Regieassistent hat glaube ich 40 Drehpläne geschrieben, da war eine extreme Flexibilität von allen gefordert. Am Ende ist der Film trotzdem genau das Buch geworden. Du hast mit Monika Willi geschnitten

Ihr Rhythmusgefühl ist phantastisch. Was sie kombiniert, wie sie Konventionen bricht und dabei der Emo- tion treu bleibt. Die Montage war Verdichtungsarbeit. Es war für uns die Herausforderung, in den einzelnen Situationen die Spannung zu halten und einer Figur beim Denken zuzusehen.

Der Film ist kurzweilig…

Es ist ein Tanz auf dem Boot geworden. Susannes Körper, ihre Bewegungen sollten den Schnitt setzen. Das Set war als Parcours angelegt. Wir haben sehr viel gedreht. Man braucht sehr viele Versuche dazu.

Dies ist ein politischer Film. Aber Ihr habt den Stoff entwickelt, bevor die Flüchtlingssituation 2015 ins Bewußtsein rückte…

Dieses Thema beschäftigt uns seit Jahren – aber es gibt keinen politischen Ansatz, es zu lösen. Wenn von der „Schließung der Mittelmeerroute“ die Rede ist, dann bedeutet das keine Lösung. Es führt nur dazu, dass die Menschen dort sterben, wo es keine Kameras gibt.

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