DIRECTOR´S STATEMENT

Täglich sterben Frieden suchende Menschen an den europäischen Außengrenzen bei dem Versuch, sich über den Seeweg auf unseren Kontinent zu retten. Die Konfrontation eines Sportbootes mit einem überladenen, havarierten Flüchtlingsschiff mitten im Ozeanist unter Seglern ein viel diskutiertes Horrorszenario, das immer häufiger Wirklichkeit wird.Waspassiert, wenn eine Einhandseglerin (eine Sportseglerin, allein an Bord einer Jacht) in diese Situationgerät?

STYX geht dieser Frage fiktional nach und zeigt, angelehnt an reelle Vorfälle, wie dabei wirtschaftliche Interessen mit humanitären Grundsätzen konkurrieren, Überforderung Mitgefühl verdrängt und Desinteresse jede Hoffnung zerstören kann.

Der Film behandelt den individuellen Traum vom Paradies und umkreist die zentrale Frage nach der Bestimmung der eigenen Identität: Wer wollen wir sein, wer sind wir oder wer müssen wir sein?

STYX ist ein Kammerspiel auf hoher See, das dokumentarisch-realistisch die Heldenreise der weiblichen Hauptfigur erzählt.

Die Heldin verbringt die Hälfte des Films allein an Bord einer 11 Meter Jacht auf hoher See. Dementsprechend spielen Dialoge mehrheitlich keine tragende Rolle. Vielmehr übernehmen die Geräusche und Rythmen der überbordenden Natur Rikes Counterpart, unterbrochen und strukturiert durch das regelmäßige Fiepen technischer Geräte. Während der entscheidenden Wendepunkte herrscht völlige Stille.

Der Film ist größtenteils unter reellen Bedingungen auf offenem Meer gedreht worden. Das Set begrenzt sich auf die tatsächliche, unveränderte Grundfläche einer 11 Meter Jacht. Ton und Geräusche sind original. Die Kamera hat durchwegs die Protagonistin im Fokus. Lediglich Anfang und Ende zeigen eine kontextuelle Verortung, in der die Hauptfigur verschwindender Teil eines sozialen Gefüges wird.

In diesen Phasen wird Susanne Wolff schauspielerisch von Kollegen unterstützt, alle zusätzlichen Figuren spielen sich selbst: Polizisten, Feuerwehrleute und Militärs gehen auch im realen Leben diesen Berufen nach.

In der zweiten Hälfte des Films ergänzt internationales Sprachengewirr die konstante Geräuschkulisse. Auch die Darsteller der Besatzung des havarierten Fischerbootes haben in der Realität ähnliches erlebt und sind über den Seeweg nach Malta geflüchtet.

Der Film ist durchgehend linear erzählt und gliedert sich in drei Hauptphasen:

Phase 1
Wir beginnen in Köln auf sicherem Terrain. Die Heldin beherrscht die Szenerie. Sie kann ihre Fähigkeiten einsetzen und sich auf die unbedingte Hilfe aller Beteiligten, sowie auf den reibungslosen Ablauf der Sicherungssysteme verlassen.

Phase 2
Mittlerweile ohne festen Boden unter den Füßen, ist die Heldin beim Segeln immer noch Herrin der Lage. Sie hat das Boot auch bei schwierigen Bedingungen unter Kontrolle. Sie steht auch mitten auf hoher See weiterhin über Funk in Verbindung mit ihrer Welt und kann mit deren Hilfsbereitschaft uneingeschränkt und jederzeit rechnen. Kleinere Hindernisse räumt sie selbst aus dem Weg.

Phase 3
Erst bei dem Zusammentreffen mit den Schiffsbrüchigen und der ausbleibenden Unterstützung durch Andere, verliert die Heldin sukzessive die Kontrolle über die Situation.

Die Hauptfigur ist eine selbstbestimmte, erfolgreiche Frau mit Lebenserfahrung und zudem eine passionierte Wassersportlerin. Die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin, Susanne Wolff, vereint die zentralen Eigenschaften der Hauptfigur in sich und ist selbst Blauwasserseglerin mit internationalen Segelschein. Hauptdarsteller Gedion Odour Wekesa geht noch zur Schule. Er lebt mit seiner Familie in Kibera, einem Slum in Nairobi. Im Drama Department des Förderprogramms von ONE FINE DAY e.V. erhält er Schau-
spielunterricht und hat sich für die Rolle des Kingsley unter 40 Jungen durchgesetzt. STYX ist sein Filmdebut.

TEAM STATEMENTS

BENEDICT NEUENFELS, DOP

STYX ist eines der herausragendsten Projekte, an denen ich teilhaben konnte. Wir benötigten Jahre der Vorbereitung, bevor wir die Kenntnis und den Mut hatten, auf offener See einen Film zu drehen.

Wir haben spezielles Equipment entwickelt, um die Kamera – unseren erzählerischen Standpunkt – zu manövrieren oder zu stabilisieren, ausgerichtet entweder an der Bewegung des Bootes, dem wogenden Meer, dem ruhigen Himmel oder den Schauspielern. Jede dieser Entscheidungen bewirkt eine andere Wahrnehmung. Um ein klassisch wohlgefälliges, mediterranes Aussehen zu vermeiden und in der Lage zu sein, verschiedene Atmosphären zu schaffen, die die Reise von Rike erzählen können, entschieden wir uns im Herbst zu drehen, wenn die raue Wettersaison beginnt.

Wind, Wellen und Dünung wurden zu unseren brothers in mind, Seekrankheit für viele zum Feind. Die Szenerie des Meeres selbst ist auf den Kern reduziert, lässt keine Ablenkung zu und wirkt archaisch – was für eine einzigartige Bühne, um eine solche Geschichte zu erzählen.

GEDION ODUOR WEKESA

In the beginning being on a boat was really the worst thing. I´ve never been by the sea before and least of all on, yet in it! I never swam. I was never abroad. There were many firsts for me with this film. I learned to be disciplined, patient and tolerant. But it was fun and everybody became family. For the people watching this film I wish there hearts are open for other people.

SUSANNE WOLFF

STYX war die intensivste Erfahrung im Film, die ich je gemacht habe – in jeder Hinsicht. Angefangen bei einer Reise mit Wolfgang Fischer nach Nairobi, um dort meinen jungen Schauspielkollegen zu casten, Trainingsstunden mit Notärzten und Profiseglern und dann natürlich der permanenten Konfrontation mit der Unberechenbarkeit des Wetters, des Meeres, der damit verbundenen nötigen Geduld und zusätzlich noch permanenter Seekrankheit ausgesetzt zu sein.

Das Spannungsfeld zwischen der Darstellung der Professionalität einer Notärztin und Soloseglerin und der Freiheit der extrem langen Takes, empfand ich als die größte Herrausforderung.

ANDREAS TURNWALD

Bei STYX sind Wellen und Wind unentwegte Begleiter. Wolfgang Fischer sah das Meer als dritte Hauptrolle in seinem Film, und so war es mir eine Herzensaufgabe, auch die Geschichte des Wassers im Ton zu erzählen. Das Meer sollte als gewaltiges Niemandsland mit viel Horizont, aber kaum Auswegen, erfahrbar werden.

Da der Film nicht viel Dialog enthält, sind die Geräusche des Bootes ein beständiger akustischer Kommentar zur Handlung.

Ich selbst bin begeisterter Segler und höre sofort, wie sich das Boot in seinem Element gerade „fühlt“. Um diese Stimmungen einzufangen und in die Tonspur hineinzubringen, verbrachte ich nach Drehschluss noch einige Tage auf dem Meer, um dem Boot mit vielen Mikrofonen die Seele zu entlocken, die Tobias Fleig später in die 3D-Tonmischung eingeflochten hat.

MONIKA WILLI

STYX – ein Film, der uns auf vielen Ebenen mit unseren Grenzen konfrontiert, ein Film der uns im besten Sinn dazu zwingt, uns mit unseren eigenen, ganz persönlichen Haltungen auseinanderzusetzen. Wie unterschiedlich diese sein können, wie sehr diese Postionen selbst innerhalb eines Menschen, eines Körpers miteinander ringen, erfahren wir auf dieser Reise, die wir mit dieser außergewöhnlichen Frau unternehmen dürfen.

Die Kräfte der Natur erfahren in einem sehr physischen Kino eine innere Spiegelung. Stille und Stillstand spürbar zu machen – das war die große Herausforderung.

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