Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet, als Vision und neues Denkmodell für Kunst, Handwerk und nicht zuletzt Gesellschaft. Die revolutionären Ideen von damals haben auch heute noch Gültigkeit und sind in zahlreichen Designs und Entwürfen manifestiert. So auch im Bauhaus-Gebäude in Dessau, das der Berliner Fotograf Stefan Berg mit analoger Fotografie erkundet und dabei die Kunst der Komposition spürbar macht.

Als Walter Gropius das Bauhaus im Jahr 1919 in Weimar als Kunstschule gründete, war die Zeit reif für einen Wandel. Die traumatischen Erlebnisse des Ersten Weltkriegs waren noch allzu präsent, die Menschen suchten nach einem Neubeginn, der vom Glauben an eine bessere Zukunft geprägt ist. Auch das Design und die Architektur steckten in einer Krise: Man hatte seit über einem halben Jahrhundert des sich an älteren Stilrichtungen bedienenden Historismus hinter sich, der als Eklektizismus die formale Gestaltung zum reinen Ornament degradierte. Der Architekt war in dieser Zeit oft nur eine Art lebender Formenkatalog, dessen Aufgabe es war, Bestehendes sinnvoll und auftraggebergerecht zusammenzuwürfeln. Jugendstil, Reformarchitektur, Art Déco und schließlich die vom Deutschen Werkbund propagierte Richtung des Neue Bauens sowie die Neue Sachlichkeit führten Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem gänzlich neuen Denken dessen, was das Bauen, Design und Handwerk künftig sein sollen.

Im Jahr 1925 zog das Bauhaus nach Dessau, nachdem es in Weimar auf zunehmend von rechten Kräften dominiertem politischen Druck hin schließen musste. Dieser sicherlich nicht ganz einfache Schritt war dennoch für die Architekturhistorie ein bedeutender, denn in Dessau wurde nicht nur eine Architekturabteilung neugegründet, sondern auch nach den Plänen von Walter Gropius und in einer Bauzeit von nur rund 14 Monaten (von September 1925 bis Dezember 1926) das neue Schulgebäude errichtet, das zur identitätsstiftenden Ikone diese Stilepoche werden sollte. In seiner ursprünglichen Form ist der Gebäudekomplex, der seit 1996 in der Liste des UNECO-Weltkulturerbes eingtragen ist, bis heute erhalten und hat lediglich einige notwendige Restaurierungen und Erneuerungen erfahren.

Das Bauhaus-Gebäude in Dessau ist vielleicht mehr als viele andere Bauten geprägt von den Umständen, unter denen es errichtet wurde. Noch heute lässt sich das in seiner Architektur und in unzähligen Details ablesen. Die Art und Weise, wie Farben, Formen und Funktionen im Raum gefügt sind, ist geprägt von einem Glauben in den technischen Fortschritt und der gleichzeitigen Suche nach der Ästhetik einer neuen Sachlichkeit, mit der eine unbedingte Abstraktion und eine Konzentration aufs Wesentliche einhergeht. Es ist der Drang, sich von alten, verkrusteten Strukturen zu befreien und den Blick auf eine helle, klare Zukunft zu richten, nicht nur in Gestaltung, Handwerk und Architektur, sondern auch als Gesellschaft. Das Bauhaus-Gebäude in Dessau ist Abbild und Artikulation dieses Denk- und Lebensmodells, dieser Vision einer neuen Welt. Nicht zuletzt deshalb ist das Bauhaus und seine Idee heute, da sich unsere Gesellschaft erneut im Umbruch befindet, wieder hochaktuell.

In der Ausstellung „Die Kunst der Komposition“ unternimmt der Berliner Fotograf Stefan Berg einen zunächst wertfreien, fotografischen Streifzug durch das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Es ist, wie er selbst sagt, die „Suche nach der Idee Bauhaus und deren Manifestation“. Seine einzige Begleiterin dabei ist die analoge Hasselblad-Kamera, ein hochentwickeltes mechanisches Gerät, eine Mittelformatkamera, mit der sich auch ohne Stativ aus der Hand fotografieren lässt. Die Festbrennweite zwingt dabei zur Bewegung und zur Entscheidung. Stefan Berg setzt bewusst auf Entschleunigung und reduziert durch die Entscheidung gegen die Farbe das Gesehene auf Grauwerte und Kontraste. Die Fläche wird durch das Licht strukturiert, der Raum temporär konstruiert. „Berg spielt mit Ähnlichkeit und Wiederholung, mit dem leicht versetzten Blick, und erzählt auf diese Weise Geschichten über den Raum“, beschreibt Prof. Wiebke Loeper von der FH Potsdam. Die Bilder berichten von der Betonung des Materials, des Technischen, des Funktionalen, von Proportion, Bezügen und Kompositionen. In der Architektur wie auch in deren Abbildung durch die Fotografie.

DIE KUNST DER KOMPOSITION
STEFAN BERG
Vernissage: Mittwoch, 2. Oktober 2019, Einlass ab 19 Uhr
Das Raumgeflüster: mit Stefan Berg und Thomas Geuder
Im Anschluss: Get-together bei Getränken und Fingerfood
Anmeldung: erbeten per Facebook
Dauer der Ausstellung: bis 16. November 2019
Ort: Die Raumgalerie, Ludwigstraße 73, 70176 Stuttgart

Fotogramm-Kreativ-Workshop mit Stefan Berg: Do it like Moholy-Nagy
Lichtspuren legen, entdecken, auf den Spuren des Unsichtbaren – László Moholy-Nagy ging es in seiner Lehre darum, das Unsichtbare ans Licht zu bringen. Kreativ, experimentell sollten mit Licht Spuren auf und durch Materialien hinterlassen werden. In dem Kreativ-Workshop legen Sie selbst Hand an, unter Anleitung von Stefan Berg. Sie erfahren mehr über die Durchscheinbarkeit der Dinge, die Komposition von Flächen sowie die Poesie durch Erzählrhythmus und komponieren selbst ein kleines Kunstwerk.
Das Material wird gestellt, es wird mit Chemikalien gearbeitet.

Termin: Donnerstag, 3. Oktober 2019, 13:30 Uhr
Ort: Die Raumgalerie
Unkostenbeitrag für Material und Getränke: 40 EUR
Anmeldung: erbeten per Formular
Der Workshop findet ab 4 Teilnehmern statt (Stichtag Sonntag, 29.09.19)

Die dem Ausstellungsprojekt zugrundeliegende Publikation „bauhaus – gesehen von Stefan Berg“ ist in Zusammenarbeit mit dem Berliner Kurator Harald Theiss im Distanz-Verlag erschienen:

bauhaus
gesehen von Stefan Berg
Harald Theiss (Hrsg.)
Erschienen 2018 beim DISTANZ Verlag, Berlin
128 Seiten, 90 s/w-Abbildungen, 25×16,5×2 cm, Hardcover
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-95476-231-6

Das Buch kann in der Raumgalerie erworben werden.

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