Der Rundgang erstreckt sich über 2000 qm² Ausstellungsfläche in den Gartenhallen des Städel Museums und ist in drei Kapitel gegliedert: Mythos, Wirkung, Malweise. Die Kapitel beschäftigen sich nacheinander mit der Entstehung des Mythos um die Person Vincent van Gogh, mit seinem Einfluss auf die deutsche Künstlerschaft und schließlich mit seiner besonderen Malweise, die für viele Künstler der nachfolgenden Generationen so faszinierend war.

KAPITEL 1: MYTHOS

 

Van-Gogh-Ausstellungen in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg

Zehn Jahre nach seinem Tod war van Gogh in Deutschland noch ein Unbekannter. Erste Ausstellungsprojekte entstanden ab 1901 auf Initiative des Berliner Kunsthändlers Paul Cassirer. In Zusammenarbeit mit van Goghs Schwägerin und Nachlassverwalterin Johanna van Gogh-Bonger richtete Cassirer Wanderausstellungen aus, die u. a. in Berlin, Hamburg, Dresden, München und auch Frankfurt gastierten. Der erste Raum präsentiert eine Auswahl herausragender Arbeiten van Goghs, die damals in Deutschland zu sehen waren, darunter Die Arlesienne (1888, Musée d’Orsay, Paris), Segelboote am Strand von Les Saintes- Maries-de-la-Mer (1888, Van Gogh Museum, Amsterdam/Vincent van Gogh Foundation) oder Die Hafenarbeiter in Arles (1888, Museo Nacional Thyssen- Bornemisza, Madrid). Bis zum Ersten Weltkrieg waren van Goghs Werke hierzulande in fast 120 Ausstellungen vertreten. Einen Höhepunkt bildete die Kölner Sonderbund- Ausstellung 1912, in der van Gogh die ersten fünf Säle mit über 125 Arbeiten gewidmet waren. Diese Schau festigte van Goghs Ruf als Vorreiter der Moderne.

Van Gogh in deutschen Museen

Die steigende Präsenz der Werke van Goghs in Ausstellungen wirkte sich auch auf die Ankaufspolitik der deutschen Museen aus. Diese zählten international zu den ersten Institutionen, die Werke des Niederländers erwarben, lange bevor dies in Frankreich, England und den USA geschah. Den Anfang machte das vom Privatsammler Karl Ernst Osthaus gegründete Museum Folkwang in Hagen (später Essen). Es folgten Museen in Bremen, Dresden, Frankfurt, Köln, Magdeburg, Mannheim, München und Stettin. Die Städel Ausstellung versammelt repräsentative Beispiele früher Erwerbungen, u. a. van Goghs Porträt des Armand Roulin (1888, Museum Folkwang, Essen), Rosen und Sonnenblumen (1886, Kunsthalle Mannheim), Blick auf Arles (1889, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München) oder Quittenstillleben (1887/88, Albertinum/Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden). In konservativen Kreisen wurde schon früh Kritik an dieser Entwicklung laut. 1911 initiierte der Worpsweder Landschaftsmaler Carl Vinnen eine Protestschrift gegen den Erwerb eines Van- Gogh-Gemäldes für die Kunsthalle Bremen. Insgesamt 123 Künstlerinnen und Künstler kritisierten an diesem Vorgang die vermeintliche Vormachtstellung des französischen Impressionismus in deutschen Museumssammlungen und die Verschwendung von Steuergeldern. Zahlreiche Künstler, Museumsdirektoren und Kritiker verteidigten in einer Gegenschrift den Ankauf und betonten die Wichtigkeit einer zeitgenössischen internationalen Ausrichtung für die Ankaufspolitik der deutschen Museen.

Van Gogh im Städel

Der erste Ankauf eines Van-Gogh-Gemäldes für ein öffentliches Museum gelang1908. Der Städel Direktor Georg Swarzenski erwarb durch den Städelschen Museums-Verein das Gemälde Bauernhaus in Nuenen (1885) sowie die Zeichnung Kartoffelpflanzerin (1885) für die moderne Sammlung des Städel. 1911 folgte der Kauf des Hauptwerks Bildnis des Dr. Gachet (1890), das zum Aushängeschild des Museums wurde. Dieses letzte von van Gogh gemalte Porträt markierte die Schnittstelle zwischen der Kunst des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne. 1937 wurde das Gemälde von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und gegen Devisen auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft. Die Städel Ausstellung zeigt den leeren Bilderrahmen, der sich bis heute im Depot des Museums befindet – das Gemälde selbst ist Teil einer Privatsammlung und für die Öffentlichkeit unzugänglich.

Van-Gogh-Sammler in Deutschland

Die Popularität von van Gogh in Deutschland spiegelt sich in der Vielzahl privater Sammlerinnen und Sammler wider, die seine Kunst bereits zu einem frühen Zeitpunkt erwarben. Zu den wichtigsten Protagonisten zählten Thea und Carl Sternheim, Adolf Rothermund, Paul von Mendelssohn-Bartholdy, Harry Graf Kessler sowie Willy Gretor und Maria Slavona. Auch einige Kunsthändler wie Alfred Flechtheim und Paul Cassirer erwarben Werke für ihre Sammlungen. Die Ausstellung zeigt Van-Gogh- Werke, die sich ehemals in deutschen Sammlungen befanden, wie Bauernhaus in der Provence (1888, National Gallery of Art, Washington D. C.), Die Schlucht (Les Peiroulets) (1889, Kröller-Müller Museum, Otterlo) oder Die Pappeln in Saint-Rémy (1889, The Cleveland Museum of Art). Ein Großteil der Privatsammler entstammte dem jüdischen Bildungsbürgertum, das die moderne Kunst in Deutschland etablierte. Die Inflation in den 1920er-Jahren, die Weltwirtschaftskrise und die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger im Nationalsozialismus führten dazu, dass sich heute nur noch eine Handvoll Werke van Goghs in deutschen Privatsammlungen befindet.

Vom Künstler zum Romanhelden: Julius Meier-Graefe

Van Gogh wurde in deutschen Sammlerkreisen vor dem Ersten Weltkrieg zu einem populären Gesprächsthema. Entscheidend dazu beigetragen haben die Schriften von Julius Meier-Graefe. Der Kunstkritiker und Galerist hatte in den 1890er-Jahren in Paris gelebt und dort beobachtet, wie van Gogh von französischen und niederländischen Autoren posthum zu einer Art „Kunst-Apostel“ gemacht wurde, der in der Nachfolge Christi für seine Malerei lebte und litt. Er griff die beginnende Mythenbildung um den Künstler auf und bereitete sie für das deutsche Publikum auf. Seine dreibändige Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst (1904) und die daraus ausgekoppelte Monografie Vincent van Gogh (1910) wurden in Deutschland zu Beststellern. Im Laufe der Jahre schmückte Meier-Graefe die Geschichten rund um den Künstler sukzessive aus. 1921 erschien sein zweibändiger Roman Vincent, dessen erklärtes Ziel es war, die Legendenbildung zu fördern.

Fälschungen

Dass van Gogh vor 1914 einer der populärsten Künstler in Deutschland war, zeigte sich auch in den auf dem Kunstmarkt kursierenden Fälschungen. Die in den 1920er- Jahren durch den Galeristen Otto Wacker in Umlauf gebrachten rund 30 Van-Gogh- Fälschungen führten 1932 zum ersten Kunstfälscher-Prozess in Deutschland. Involviert waren auch zahlreiche Experten. Der Prozess endete mit der Verurteilung Otto Wackers zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe. Dass nicht jede Fälschung als solche beabsichtigt war, lässt sich an der Kopie eines berühmten Selbstbildnisses von van Gogh nachvollziehen. Das in der Ausstellung präsentierte Gemälde wurde 1897 von der jungen französischen Malerin Judith Gérard angefertigt. Ohne ihr Wissen gelangte es wenig später in den Kunsthandel und wurde dort als echter van Gogh verkauft. Ihre Signatur war zuvor mit einem Blumendekor übermalt worden. Erst Jahrzehnte später wurde die Künstlerin als eigentliche Schöpferin des Werkes anerkannt.

KAPITEL 2: WIRKUNG

 

Vom einfachen Leben: Bauernmotive

Ein großer Teil der Kunst van Goghs beschäftigt sich mit dem Leben auf dem Land und der mühevollen Tätigkeit der Bauern. Sein Vorbild war der französische Maler Jean-François Millet, dessen Motive er in seine eigene Bildsprache übertrug, wobei er ihnen eine Farbigkeit nach seinem persönlichen Empfinden gab. Van Goghs Gemälde hinterließen wiederum bei zahlreichen Künstlern Eindruck. Sie orientierten sich an ihm, versuchten bei der Übernahme aber gleichwohl ihre eigene Handschrift zu entwickeln. Die Städel Ausstellung veranschaulicht dies durch Gegenüberstellungen von Werken van Goghs wie Kartoffelsetzen (1884, Von der Heydt-Museum Wuppertal), Bauern bei der Feldarbeit (1889, Stedelijk Museum Amsterdam) oder dem Porträt Augustine Roulin (La Berceuse) (1889, Stedelijk Museum Amsterdam) mit Arbeiten von Paula Modersohn-Becker (Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen, 1907, Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen), Gabriele Münter (Murnauerin [Rosalia Leiß], 1909, Schloßmuseum Murnau) oder Heinrich Nauen (Grabender Bauer, 1908, Galerie Ludorff, Düsseldorf).

Selbstbildnisse

Die Selbstporträts van Goghs regten jüngere Künstler dazu an, sich in einer ähnlichen Form wie das Vorbild zu präsentieren. Van Gogh galt als „tragischer Held“, als ein von der Gesellschaft unverstandener und leidender Künstler, der sich für seine Malerei aufgeopfert hatte. Dieses Image hatte vor allem auf männliche Künstler eine starke Anziehungskraft. Die Ausstellung verdeutlicht dies am Beispiel von Selbstbildnissen u. a. von Cuno Amiet (um 1907), Max Beckmann (1905), Peter August Böckstiegel (1913), Ludwig Meidner (1919) und Heinrich Nauen (1909).

Zeichnungen und Reproduktionen

Van Goghs Werk besteht zu einem großen Teil aus Zeichnungen. Zu Beginn seiner Laufbahn schulte sich der Künstler überwiegend durch das Kopieren von Vorlagen, bevor er sich an eigene Motive wagte. In späteren Jahren stehen seine Zeichnungen in enger Verbindung zu seiner Malerei. Sie dienten ihm zur Vorbereitung einer Komposition oder wiederholen und verdichten ein in der Malerei gefundenes Motiv.

Da es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur eingeschränkte Möglichkeiten gab, Werke farbig zu reproduzieren, waren es anfänglich vor allem van Goghs Zeichnungen, die in Publikationen erschienen. Ihre graphisch klare Struktur war für die Übertragung in Strichätzungen (Radierungen) und die Vervielfältigung besonders gut geeignet. Van Goghs in Zeitschriften und Büchern reproduzierte Zeichnungen lieferten deutschen Künstlern erstes Anschauungsmaterial und inspirierten sie zu eigenen Versuchen. In der Städel Ausstellung zeigen zwei ineinander übergehende Räume zunächst eine Auswahl an Zeichnungen van Goghs, darunter Meisterwerke wie Die Strohhaufen (1888) aus dem Museum of Fine Arts in Budapest und Bauernhaus in der Provence (1888) aus dem Rijksmuseum in Amsterdam. Wie unterschiedlich die deutschen Expressionisten auf van Goghs vitale Zeichentechnik reagierten, wird in den Werken u. a. von Fritz Bleyl, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Wilhelm Morgner und Max Pechstein anschaulich.

„Van Goghiana“

Die Mitglieder der Künstlervereinigung Brücke in Dresden setzten sich besonders intensiv mit van Gogh auseinander. 1905 sahen sie Werke des Künstlers in einer Dresdner Ausstellung. Für die jungen Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff war dieses Erlebnis eine Offenbarung und ein Befreiungsschlag zugleich. Van Goghs Gemälde animierten sie dazu, reine Farben direkt aus der Tube auf die Leinwand zu bringen. Starke Kontraste, pastose Farbschichten und vereinfachte Formen bestimmten fortan ihre Werke. Sie wollten damit ihren unmittelbaren und unverfälschten Zugang zum Motiv unterstreichen, der sich nicht mehr an den Maßstäben der akademischen Malerei orientierte. Die Faszination für van Gogh war teilweise so ausgeprägt, dass Emil Nolde seinen Mitstreitern riet, sich lieber „Van Goghiana“ zu nennen. Die künstlerischen Reaktionen der Mitglieder der Brücke-Gruppe waren jedoch teilweise höchst unterschiedlich. Während die akademisch ausgebildeten Maler Max Pechstein und Cuno Amiet van Goghs Malerei genau untersuchten und seine systematisch gesetzten Pinselstriche imitierten, gingen Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff freier mit dem Vorbild um. Die verschiedenen Herangehensweisen können in einem Raum der Städel Ausstellung anhand zahlreicher Gemälde der Brücke-Maler nachvollzogen werden, darunter Ernst Ludwig Kirchners Fehmarn-Häuser (1908, Städel Museum, Frankfurt am Main) oder Erich Heckels Weißes Haus in Dangast (1908, Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza, Leihgabe im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid).

KAPITEL 3: MALWEISE

 

Stilpluralismus

Das dritte Kapitel der Ausstellung nimmt die besondere Malweise van Goghs genauer in den Blick. Der Künstler arbeitete in seiner kurzen Schaffenszeit, die nicht mehr als ein Jahrzehnt umspannte, in einer außerordentlichen Bandbreite an Stilen und experimentierte ab der zweiten Hälfte der 1880er-Jahre, teils auch zeitgleich, mit Malweisen des Realismus, Impressionismus, Pointillismus, Cloisonismus oder Symbolismus. Diese stehen nur stellvertretend für das Kaleidoskop moderner Kunstströmungen, die van Gogh nach seiner Ankunft in Paris im Jahre 1886 vorfand. Für ihn stellte sich die grundsätzliche Frage, ob seine Malerei flächig und formgebunden oder lebhaft strukturiert und dynamisch sein sollte. In diesem Zwiespalt suchte er seinen eigenen Weg. Die Ausstellung präsentiert Werke van Goghs, die diese Vielseitigkeit veranschaulichen, darunter etwa Die Mühle Le Blute-Fin (1886, Museum de Fundatie, Zwolle und Heino/Wijhe, Niederlande), Saint-Pierre- Platz, Paris (1887, Yale University Art Gallery, New Haven), Stillleben mit französischen Romanen (1887, Van Gogh Museum, Amsterdam/Vincent van Gogh Foundation) oder Mohnblumenfeld (1890, Gemeentemuseum Den Haag). Struktur und Fläche, Rhythmus und Statik, pastose und glatte Oberflächen, gedämpftes
Kolorit und starke Farbkontraste stehen sich in van Goghs Schaffen gegenüber und sind gleichberechtigte, teils nebeneinander angewandte Mittel der Bildgestaltung.

Fläche

Nachfolgende Künstlergenerationen beriefen sich auf unterschiedliche Aspekte der Malerei van Goghs. An seinen Flächenkompositionen schulten sich diejenigen Künstlerinnen und Künstler in Deutschland, die auf einen ruhigen Bildaufbau bei gleichzeitiger Aufwertung der Farbe zielten. Die Ausstellung zeigt u. a. Werke von Gabriele Münter (Allee vor Berg, 1909, Privatbesitz), August Macke (Gemüsefelder, 1911, Kunstmuseum Bonn) und Felix Nussbaum (Arles sur Rhône Gräberallee, Les Alyscamps, 1929, Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück) sowie das Gemälde Blumen (1908, Privatbesitz) der heute weitgehend vergessenen Malerin Elsa Tischner-von Durant. Mit Josef Scharls Stillleben mit Kerze und Büchern (1929, Sammlung Henry Nold) wirft die Schau an dieser Stelle auch einen Blick auf die gewandelte Van-Gogh- Rezeption in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg: Die Gefühlsbetontheit und Expressivität wurde von einer zunehmend nüchternen Bildsprache abgelöst.

Rhythmus und Struktur

Van Goghs pastose Malweise ging in seinen letzten Lebensjahren einher mit einer rhythmischen Strukturierung seiner Werke. Die richtungsbetonte Strichführung liegt dabei nah an der Grenze zur ornamentalen Gestaltung. Der Duktus wird zum autonomen Ausdrucksmittel und drängt die beschreibende Funktion der Malerei in den Hintergrund. Kurt Badt, der in van Gogh eine Art „malenden Zeichner“ sah, beschrieb dieses Phänomen als sich „verselbständigende Ausdruckslinearität“. Linie und Farbe stehen einander als bildnerische Mittel nicht mehr gegenüber, sondern werden miteinander verbunden. Ein Raum in der Ausstellung präsentiert eine Reihe von Beispielen dafür, wie sich Künstlerinnen und Künstler auf van Goghs Vitalität und
Struktur zusammenführende Malweise bezogen. Darunter befinden sich Mitglieder der Künstlergruppen Brücke und Blauer Reiter ebenso wie singuläre Positionen, etwa Christian Rohlfs und Max Beckmann. Mit dem heute weitgehend vergessenen Maler Theo von Brockhusen stellt das Städel zudem einen Künstler vor, der van Gogh zeitlebens motivisch und stilistisch sehr nahe stand. Die Übernahme seines spezifischen Pinselduktus brachte ihm den Spitznamen „von Goghhusen“ ein.

„Maler der Sonne“

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Raum, der aufzeigt, dass van Gogh die deutschen Expressionisten unter anderem mit Gemälden beeindruckte, in denen die Sonne als lodernder Fixstern am Horizont steht. Diese Darstellungen waren insofern außergewöhnlich, als das Licht der Sonne von Malern zuvor meist nur indirekt wiedergegeben wurde. Van Gogh hingegen rückte die Sonne als ein lebensspendendes und hoffnungsvolles Symbol ins Zentrum seiner Kompositionen, etwa in Weiden bei Sonnenuntergang (1888, Kröller-Müller Museum, Otterlo). Zahlreiche Vertreter des Expressionismus verstanden van Goghs Form der „Sonnenmalerei“ indessen als ein apokalyptisches Zeichen. Diese Interpretation, an der Julius Meier-Graefe entscheidenden Anteil hatte, passte in die unruhigen Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, erschien aber auch in der angespannten politischen Lage der Weimarer Republik plausibel. In beiden Phasen finden sich deutliche Reaktionen auf diese Arbeiten van Goghs, so etwa Otto Dix’ Sonnenaufgang (1913, Städtische Galerie Dresden – Kunstsammlung, Museen der Stadt Dresden), Wilhelm Morgners Der Baum (1911, Museum Wilhelm Morgner, Soest), Walter Opheys Flußlandschaft mit Schiffen und roter Sonne (1913/14, Kunstpalast, Düsseldorf), Max Pechsteins Aufgehende Sonne (1933, Saarlandmuseum – Moderne Galerie, Saarbrücken, Stiftung Saarländischer Kulturbesitz) oder Josef Scharls Landschaft mit drei Sonnen (1925, Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen).

Kuratoren: Dr. Alexander Eiling (Leiter Kunst der Moderne, Städel Museum) und Dr. Felix Krämer (Generaldirektor, Kunstpalast Düsseldorf)
Projektleitung: Elena Schroll (Wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunst der Moderne

Anlässlich der Ausstellung produziert das Städel einen 5-teiligen Podcast, der die bewegte Geschichte des Gemäldes nachzeichnet.

www.staedelmuseum.de

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