In Skandinavien wird schon um die Jahrhundertwende dem Sandkasten spielen eine große Bedeutung zugemessen. Auch in den deutschen Städten sind Sandkisten und -hügel beliebt und weit verbreitet. Selbstständiges und kreatives Gestalten gewinnt an Bedeutung und wird gerade von der aufkommenden Kinderpsychologie stark gefördert.

Ina Hartwig während ihrer Rede zur Ausstellungseröffnung

Zur Ausstellungseröffnung am 08. November sprach Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig und sagte, die 1970er Jahren waren Kraftschub für Kinderspielplätze, Architektur und Stadtlandschaft. Tolle Beispiele in der Ausstellung belegen dies. Sie nannte auch das Stichwort “Antiautoritäre Erziehung”. Sie nannte den Kinderplanet unter Mitarbeit der HfG Offenbach, den Wildspielplatz im Riederwald und den Abenteuerspielplatz Louisa, um nur einige wenige Beispiele aus Frankfurt und Umgebung zu nennen. The Playgorund Project sei jedoch viel weiter gefasst und umfasse den Platz für anarchische Monate. Kuratiert wird die Ausstellung von Gabriela Burkhalter aus Zürich, wo The Playground Project schon 2016 in der Kunsthalle lief. Die Ausstellung war 2018 in der Bundeskunsthalle in Bonn, wofür der Katalog überarbeitet wurde.

In Skandinavien und Holland stehen sozialdemokratische Regierungen stadtplanerischen Experimenten offen gegenüber. So entsteht in Dänemark 1943 der erste Abenteuerspielplatz, 1949 wird in Stockholm die erste abstrakte Spielskulptur in einem öffentlichen Park aufgestellt und in Holland erfindet der junge Aldo van Eyck den Spielplatz neu. Eine fruchtbare Zeit bricht an: Architekten, Landschaftsarchitekten, Künstler und Aktivisten entdecken den Spielplatz als Labor.

An einem Sonntagmorgen im Frühjahr 1968 verwandeln Palle Nielsen und eine Gruppe von Aktivisten in einer spontanen Aktion den Hinterhof eines Arbeiterblocks in einen Abenteuerspielplatz. Auf Flugblättern fordern sie mehr Spielraum in Wohnquartieren. Dieser und weitere Guerilla-Spielplätze sind für die Gruppe um Nielsen ein Mittel, sich konstruktiv-aktivistisch in die Kopenhagener Stadtplanung einzumischen. Im Juni 1968 reist Nielsen nach Stockholm, um an der Aktion Samtal (Aktion Dialog) teilzunehmen, die sich gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und die Vorherrschaft des Autos richtet. Auch hier werden temporäre Spielplätze erstellt.

Nielsen fragt bei Carlo Derkert und Pontus Hultén, dem Kurator und dem Direktor des Moderna Museet Stockholm, an, ob sie das Museum für eine Aktion zur Verfügung stellen. Vom 30. September bis 23. Oktober 1968 findet die heute legendäre Ausstellung Modellen – en modell för ett kvalitativt samhalle (Modell für eine qualitative Gesellschaft) statt. Es ist eine raumfüllende Installation aus Holzstrukturen und Schaumstoff, ein Ort zum Theaterspielen, Musikhören, Bauen und Herumtoben. Danach erwirbt Västerås, eine Gemeinde im Nordwesten Stockholms, die Ausstellungsinstallation als Hallenspielplatz für eine Wohnsiedlung. Aufgrund fehlender Finanzen wird dieser jedoch bald wieder geschlossen.

Kinderplanet, Messe Frankfurt 1971

Der 1971 in der Messe Frankfurt durchgeführte Kinderplanet entspringt einer Verbindung von Theorie und Aktion. Ende der 1960er Jahre suchen Studierende der Hochschule für Gestaltung Offenbach nach Alternativen jenseits einer auf Massenkonsum getrimmten Gesellschaft. Sie interessieren sich für Möglichkeiten eines sozialen und solidarischen Verhaltens anstelle von „Individualkonkurrenz“. An Hand eines Projekts aus den Bereichen Leben, Wohnen und Arbeiten wollen sie solches Verhalten konkret testen. Die Arbeitsgruppe 1 (ag 1) bestehend aus Karin Günther-Thoma, Regina Henze, Linette Schönegge, Gert Engel, Gerhard Mühlinghaus (unterstützt von den Lehrkräften Thomas Bayerle und Wolfgang Schmidt) wählt das Thema der außerfamiliären Kinderbetreuung.

Während drei Semestern analysiert die Gruppe die Situation der Kinder in einer Großstadt wie Frankfurt und diagnostiziert „Kinderfeindlichkeit der modernen Industriegesellschaft“: Kinder sind Opfer überforderter Eltern, Hauptopfer des Verkehrs und einer verfehlten Wohnraum- und Stadtplanung. Das Ziel ist es, ein neues Modell einer Kinderbetreuungsstätte zu entwickeln, um die Situation der Kinder zu verbessern. 1970 fordert Frankfurts Oberbürgermeister Walter Möller, während der Sommerferien eine Spielhalle für Kinder in der Frankfurter Messe einzurichten. Inspiration ist das Dortmunder Kinderparadies in der Westfalenhalle im Sommer 1970. Augenblicklich entscheidet sich die ag 1, Theorie durch Aktion zu ersetzen und bietet der Stadt an, ein Konzept zu erarbeiten und in die Tat umzusetzen. Der Vorschlag hat Erfolg und das Schulamt übernimmt die Federführung sowie die Finanzierung und steuert 150.000 DM bei. Bezeichnend für das basisnahe Vorgehen der ag 1 ist die Titelgebung: Ende Mai 1971 werden 70.000, Handzettel in Schulen und Kitas verteilt und die Kinder aufgefordert, einen Namen vorzuschlagen. Kinderplanet der 8-jährigen Irina Bornheim wird ausgewählt: „Etwas, wo Kinder ganz allein ohne ihre Eltern leben und machen können, was sie wollen, das kann nur ein Planet sein. Deshalb möchte ich das Riesenspielgewühl auf dem Messegelände Kinderplanet nennen“.

Für den Kinderplanet steht in der Messe die riesige Fläche von 18.000 Quadratmetern zur Verfügung, gegliedert in drei Bereiche: Halle 3 (sportlich-rekreative Workshops), Freigelände (technisch-praktische Workshops) und Festhalle (musisch-kreative Workshops). Die Festhalle ist wiederum durch Stellwände in sieben weitere Workshops eingeteilt: Theater, Basteln/Bauen, Musik, Malen, Siebdruck, Kostüm/Nähen und Foto. Als besondere Attraktion steht draußen ein alter Hubschrauberrumpf aus amerikanischen Armeebeständen. Am 19. Juli 1971 um 10 Uhr eröffnet der Kinderplanet mit 4.000 Kindern. In Kürze gleicht der Planet einem Schlachtfeld, Kinder lärmen durch die Hallen, schlagen alles kurz und klein. Groß und Klein klauen, wo sie können, Trauben von Kindern lassen die Autowracks ineinander krachen, der Hubschrauberrumpf wird zertrümmert und aus der Verankerung gestoßen. Dazwischen stehen die geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft, Aufnahmeteams von Rundfunk und Fernsehen. Die Betreuer bleiben ruhig und lassen die Aggressionen der Kinder zu. Gegen Mittag haben sich die Kinder ausgetobt, langsam gehen sie zu produktiveren Tätigkeiten über, erste Gruppen bilden sich, proben Theaterstücke und führen sie auf.

Der zweite Tag mit 6.000 Kindern verläuft vergleichsweise ruhig. Über drei Wochen besuchen insgesamt 45.000 Kinder den Kinderplaneten. Zu Beginn stößt der Kinderplanet und sein anti-autoritäres pädagogisches Konzept auf heftige Kritik. Dreck und Unordnung, gemalte Parolen und Symbole auf den Trennwänden, aber auch rote Fahnen, bestärken die Vorurteile, dass die Kinder dort politisch indoktriniert würden. Das Schulamt der Stadt Frankfurt befürchtet einen Imageschaden. Die Kritik von außen kittet Kinder, Betreuer und die ag 1 jedoch zusammen. Zunehmend berichtet auch die Presse positiv. Trotzdem wird die ursprüngliche Idee, den Kinderplanet dezentral in verschiedenen Stadtteilen einzuführen, von der Stadt aufgegeben. 1972 findet ein zweiter Kinderplanet statt, der von privater Seite finanziert ist. Drei Mitglieder der ag 1 veröffentlichen 1972 den rororo-Band Kinderplanet oder Das Elend der Kinder in der Großstadt. Die Publikation verbindet die theoretische Analyse der allgemeinen Situation der Kinder und die konkrete Erfahrung des Projekts Kinderplanet. Elterninitiativen nehmen die Ideen der ag 1 auf und führen sie in kleineren Projekten weiter. Sie erkennen, dass Erziehung nicht rein privat, sondern immer auch politisch ist.

Foto (c) Kulturexpress, Meldung: Deutsches Architekturmuseum DAM

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit zahlreichen bisher unveröffentlichten farbigen und s/w Fotos von historischen Kinder- und Abenteuerspielplätzen erschienen. Besonderheit sind die vielen Handskizzen, die Verständnisfragen begreifbar und das Geschehen lebendig werden lassen. Dabei wird Bezug auch auf Deutschland genommen, wie die umgebenden Nachbarländer ihren wesentlichen Anteil an der Veränderung bei Methoden der Kindererziehung gehabt haben. Aber auch internationale Projekte sind Bestandteil des Katalogs. So wurden die Biografien zahlreicher international bekannter Pädagogen und Gruppierungen bedacht: Joseph Brown, Riccardo Dalisi, Richard Dattner, Aldo van Eyck, M. Paul Friedberg, Cornelia Hahn Oberlander, KEKS (Kunst Erziehung Kybernetik Soziologie), Alfred Ledermann & Alfred Trachsel, Group Ludic, Egon Møller Nielsen, Palle Nielsen, Isamo Noguchi, Josef Schagerl, Mitsuru (Man) Senda uns Carl Theodor Sørensen. Der kartonierte Katalog, bei jrp/ ringier aus Zürich publiziert, umfasst 288 Seiten.

Blick in den Katalog…

The Playground Project
Autoren: Gabriela Burkhalter, Basel,
Daniel Baumann, Zürich,
Xavier de la Salle, Josse,
Vincent Romagny, Paris,
Sreejata Roy, New Delhi u.a.
JRP|Ringier Kunstverlag AG, Zürich
Überarbeitete und erweiterte Auflage 2018
Sprachen: Deutsch und Englisch
Softcover, 288 Seiten
ca. 160 Abb. in Farbe, ca. 120 Abb. s/w
Größe: 20,3 x 26,2 cm
ISBN: 978-3037645390

Begleitprogramm

Spiellandschaft: Begegnungsraum. Bewegungsraum. Freiraum.
19. Februar 2020 – 14:00 – 19:00
Symposium

Spielplätze: Rückzugraum. Gegenraum. Möglichkeitsraum.
27. März 2020 – 14:00 – 19:00
Symposium

Radtour zu Spielplätzen in Frankfurter Stadtquartieren und Parks
26. April 2020 – 11:00 – 15:00
Tour begleitend zur Ausstellung “The Playground Project”

Spiel und Plätze: Zwischenraum. Erlebnisraum. Experimentierraum.
15. Mai 2020 – 13:00 – 19:00
Symposium

Urban Gaming Tour durch die Stadt
17. Mai 2020 – 11:00 – 13:30
Tour begleitend zur Ausstellung “The Playground Project”

Radtour durch den Regionalpark RheinMain
7. Juni 2020 – 11:00 – 15:00
Tour begleitend zur Ausstellung “The Playground Project”

Radtour zu Frankfurter Wasserspielplätzen
14. Juni 2020 – 11:00 – 15:00
Tour begleitend zur Ausstellung “The Playground Project”

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