Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich diese Ausstellung im Städel. Der Bestand umfasst etwa 1.800 Blätter an deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung. Eine Auswahl von rund 100 Zeichnungen wird vom 13. November 2019 bis zum 16. Februar 2020 in einer konzentrierten Ausstellung präsentiert. Gezeigt werden Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter.

Der Zeichnung kommt im 20. Jahrhundert eine besondere Rolle zu. Sie ist seit jeher Medium des Suchens, Erfindens und Experimentierens. In der Moderne gewinnt sie zudem an Eigenständigkeit und Autonomie und wird – vor allem in Zeiten staatlicher Überwachung und Unterdrückung – zu einem Medium des freien Denkens. In ihrer Vielfalt spiegelt sie nicht zuletzt auch die Komplexität der rasantem Wandel unterworfenen Kultur und Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.


„Das 20. Jahrhundert ist vielstimmig, widersprüchlich und extrem, auch in der Kunst: Es war ein Jahrhundert der Avantgarden, der Künstlergemeinschaften und unnachgiebigen Einzelpositionen, der Realismen und Abstraktionen. Das weite Spektrum, in dem sich die Kunst des 20. Jahrhunderts bewegt, lässt sich durch die beiden ,Pole‘ charakterisieren, die Wassily Kandinsky 1911 als für die Moderne grundlegend beschrieb: die ,große Realistik‘ und die ,große Abstraktion‘, das Gegenständliche und das Ungegenständliche. Dieses komplementäre Paar bildet einen Leitfaden, der die nahezu 1.800 Werke deutscher Zeichenkunst des 20. Jahrhunderts, die in der Graphischen Sammlung des Städel Museums bewahrt werden, auch über Generationen hinweg miteinander verknüpft. Diesem Pluralismus spüren die in der Ausstellung präsentierten und im Katalog bearbeiteten Zeichnungen nach“, erläutert Jenny Graser, Kuratorin der Ausstellung und Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Graphischen Sammlung des Städel Museums, die während der Ausstellungsdauer oder bald danach eine neue Stelle in Berlin in leitender Funktion annehmen wird.

Vielfach an den Expressionismus anknüpfend entwickelte eine Reihe von Künstlern in den 1920er- und 1930er-Jahren eine stark abstrahierende Formensprache. Auch sie wandten sich von traditionellen, an den Akademien gelehrten Kompositionsprinzipien ab und erprobten zunächst auf dem Papier neue Darstellungsweisen. Sie gaben die naturalistische Wiedergabe auf und setzten das Gesehene und Erlebte in grundlegenden bildnerischen Elementen wie Linie und Fläche, Farbe und Form um.

Vor dem Hintergrund der Gräueltaten des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs schien es vielen jungen Künstlern um 1945/50 unmöglich, an die Kunst der 1920er- und 1930er-Jahre anzuknüpfen. Sie suchten, wie die Generationen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Sie entwickelten eine abstrakte Bildsprache, ausschließlich aus Farbe und Form, die die expressive Geste in das Zentrum der Kunst stellte: Ausgehend von frühen tachistischen Tendenzen in Frankreich und beeinflusst durch den Surrealismus entwickelte sich in Deutschland das Informel. Zu Beginn der 1950er-Jahre avancierte Frankfurt am Main zum deutschen Zentrum dieser neuen Strömung.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Kerber Verlag erschienen. 

Foto (c) Kulturexpress, Meldung: Städel Museum

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