Mit dieser Ausstellung initiiert das Vitra Design Museum eine neue Debatte über das private Interieur, seine Geschichte und seine Zukunftsperspektiven. Unser Zuhause ist Ausdruck unseres Lebensstils, es prägt unseren Alltag und bestimmt unser Wohlbefinden. Die Ausstellung führt den Besucher auf eine Reise in die Vergangenheit und zeigt, wie sich gesellschaftliche, politische und technische Veränderungen der letzten 100 Jahren in unserem Wohnumfeld widerspiegeln. Im Zentrum stehen die großen Zäsuren, die das Design und die Nutzung des westlichen Interieurs geprägt haben – von aktuellen Themen wie knapper werdendem Wohnraum und dem Verschwinden der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben über die Entdeckung der Loftwohnung in den 1970er Jahren, aber auch dem Siegeszug einer ungezwungeneren Wohnkultur in den 1960ern und dem Einzug moderner Haushaltsgeräte in den 1950ern bis hin zu den ersten offenen Grundrissen der 1920er Jahre. Diese Umbrüche werden anhand von 20 stilbildenden Interieurs veranschaulicht, darunter Entwürfe von Architekten wie Adolf Loos, Finn Juhl, Lina Bo Bardi oder Assemble, Künstlern wie Andy Warhol oder Cecil Beaton sowie der legendären Innenarchitektin Elsie de Wolfe.

Die Gestaltung und Produktion von Möbeln, Textilien, Dekorationselementen und LifestyleAccessoires für das Zuhause beschäftigt heute eine gigantische, globale Industrie. Die neuesten Interieur-Trends unterhalten eine ganze Medienlandschaft aus Zeitschriften, Fernsehsendungen, Blogs und Social-Media-Kanälen. Doch während soziale und architektonische Themen wie die Frage nach bezahlbarem Wohnraum heute lebhaft debattiert werden, findet eine ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung über das Wohninterieur nicht statt. Dies soll die Ausstellung »Home Stories« ändern. Die ausgewählten Interieurs zeigen, in welchem Maße die Gestaltung von Wohnräumen durch einzelne Gestalterpersönlichkeiten, aber stets auch durch Einflüsse aus Kunst, Architektur, Mode oder Set-Design beeinflusst werden. Während viele Interieurs heute eine von Möbelanbietern oder Instagram vorgelebte Monotonie aufweisen, zeigt die Ausstellung mit einer Fülle von Exponaten, was für eine reiche, überraschende Disziplin Interior Design sein kann. Auf eindrückliche Art und Weise wird damit die jüngere Geschichte des privaten Wohnens neu entdeckt.

Raum, Ökonomie, Atmosphäre: 2000 – heute

Die Ausstellung »Home Stories« beginnt mit zeitgenössischen Interieurs, die das gegenwärtige drastische Umdenken im Wohnbereich skizzieren. Ein markantes Beispiel dafür ist die MikroWohnung »Yojigen Poketto« (4D-Nische) des Architekturbüros Elii aus Madrid von 2017, die dank wandlungsfähiger Einbaumöbel mit einem Minimum an Fläche auskommt.

Der Architekt Arno Brandlhuber hat wiederum mit seiner »Antivilla« bei Potsdam (2014) gezeigt, wie eine ehemalige Fabrik als Wohnraum umgenutzt werden kann. Dabei setzt er textile Raumteiler ein um die Räume vielseitig nutzbar zu machen, und definiert damit eine alternative Form von Komfort und Luxus, die auf Reduktion und den durchdachten Einsatz besonderer Materialien setzt. Das Projekt »Granby Four Streets Community Housing« in Liverpool (2013-2017) veranschaulicht hingegen, wie sich die so genannte »Sharing Economy« in der Innenarchitektur widerspiegelt. Das britische Baukollektiv Assemble bewahrte bei diesem Projekt in enger Abstimmung mit den Bewohnern eine Reihenhaussiedlung aus viktorianischer Zeit vor dem Abriss, indem es die Häuser entkernte und nach heutigen Bedürfnissen umgestaltete. In einer eigenen Werkstatt vor Ort wurden neue Ausstattungselemente für die Wohnungen aus den Altmaterialien der Häuser geschaffen.

Einen grundlegenden Wandel in der Wahrnehmung unserer Wohnumgebung haben in den letzten Jahren Internet-Plattformen wie Airbnb, Instragram oder Pinterest hervorgebracht: sie tragen dazu bei, dass wir unsere eigene Wohnung jederzeit publizieren können und sie zunehmend als vermarktbare Ware betrachten. Die Bildwelt und die Inszenierung vieler aktueller Interieurs greifen jedoch bis heute oft auf traditionelle oder konservative Motive zurück. Dies demonstriert der britische Designer Jasper Morrison in einem eigens für die Ausstellung erstellten Bilder-Essay, mit dem er die Bedeutung von einzelnen Gegenständen und Objektarrangements für die Stimmung und den Charakter einer Wohnung betrachtet.

Die Neuerfindung des Interieurs: 1960–1980

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich den radikalen Traditionsbrüchen im Interior Design von den 1960er bis zu den 1980er Jahren. Unter dem zunehmenden Einfluss der Postmoderne begannen Designer über den Bedeutungs- und Symbolgehalt von Möbelstücken, Mustern und Dekorationen nachzudenken – allen voran die italienische Designergruppe Memphis. Der Modedesigner Karl Lagerfeld, ein leidenschaftlicher Sammler von Memphis-Entwürfen, verwandelte seine Wohnung in Monte Carlo Anfang der 1980er Jahre in einen begehbaren Schrein der Postmoderne, der das poppig-schräge Wohngefühl der Zeit auf die Spitze trieb. Schon in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten hatte der gesellschaftliche Wandel der Zeit seinen Ausdruck im Wohninterieur gefunden: Der Architekt Claude Parent und der Philosoph Paul Virilio führten in den frühen 1970ern das Konzept des »vivre à l‘oblique« (»Leben im Schrägen«) ein, um den anonymen Zimmerwürfeln der Zeit etwas entgegenzusetzen. Seine eigene Wohnung in Neuilly-sur-Seine stattete Parent 1973 mit schrägen Mehrzweck-Ebenen aus, die wahlweise als Sitzgelegenheiten, zum Essen, Arbeiten oder auch als Liegen genutzt werden konnten. Andy Warhols »Silver Factory« in New York (1964– 1967) wiederum war eines der ersten Beispiele für das Wohnen in einem verlassenen Fabrikgebäude und löste damit die bis heute anhaltende Begeisterung für das »loft living« aus.

Die Experimentierfreude in den Interieurs der 1960er und 1970er Jahre verdeutlicht die Ausstellung auch mit zwei begehbaren Installationen in Originalgröße außerhalb des Museums. Eine Rekonstruktion von Verner Pantons legendärer »Phantasy Landscape« (1970), einem höhlenartigen Wohntunnel aus verschiedenfarbigen Polsterelementen, ist im Feuerwehrhaus von Zaha Hadid ausgestellt. Vor dem Museum veranschaulicht das Mikro-Haus »Hexacube« (1971) von George Candilis, dass schon in dieser Zeit mit modularen, mobilen Wohneinheiten experimentiert wurde.

Eine radikale Veränderung unserer Interieurs brachte ab den 1970er Jahren auch der weltweite Aufstieg des Möbelhersteller IKEA mit sich: Einerseits ermöglichte es IKEA tatsächlich vielen Menschen, sich mit modernen Möbeln kostengünstig einzurichten. Andererseits trug diese Entwicklung auch dazu bei, dass Möbel und andere Einrichtungsgegenstände immer häufiger nur als kurzlebige und austauschbare Konsumgegenstände betrachtet werden – eine Haltung, deren negative ökologische Konsequenzen uns zunehmend bewusst werden.

Natur und Technik: 1940–1960

Eine weitere entscheidende Phase in der Entstehung des modernen Interieurs war die unmittelbare Nachkriegszeit, als die moderne Formensprache der Avantgarde den Weg in immer mehr Wohnungen der westlichen Welt fand. So schufen Peter und Alison Smithson in ihrem »House of the Future« für die Londoner Ideal Home Exhibition von 1956 ein futuristisches Interieur mit den neuesten Materialien, Küchengeräten und sogar einem selbstreinigenden Bad. Skeptischer gegenüber dem technischen Fortschritt und funktionalistischen Design inszenierte Jacques Tati die Villa Arpel in seinem Film »Mon Oncle« (1958): als ebenso aseptische wie eigenmächtige Wohnmaschine, die sich ihre Bewohner gefügig macht. Die Verbindung von modernen Formen und Materialien mit einer gewissen »Gemütlichkeit« erwies sich in diesen Jahrzehnten weltweit als Erfolgsrezept des skandinavischen Designs. Die Wohnung des Architekten Finn Juhl und sein Haus im dänischen Ordrup lieferten schon 1942 ein Beispiel dafür. Auch die fließenden Übergänge zwischen Innen und Außen wurden nun zu einem Thema vieler Wohn(t)räume, was die Ausstellung an dem Wohnhaus Casa de Vidro (1950/51) der brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi in São Paulo veranschaulicht.

Viele Entwicklungen im Interieur der Nachkriegszeit waren mit dem größeren politischen Kontext des Ost-West-Konflikts verwoben. Dies belegt die Ausstellung anhand der berühmten »Küchendebatte« zwischen Richard Nixon und Nikita Chruschtschow, als beide Politiker in einem amerikanischen Fertighaus auf der Moskauer Weltausstellung 1959 über die Wohnqualität und den Haushaltsstandard in ihren konträren politischen Systemen debattierten.

Die Anfänge des modernen Interieurs: 1920–1940

Die Ursprünge des modernen Interieurs verortet die Ausstellung in den zukunftsweisenden Wohn- und Einrichtungskonzepten der 1920er und 1930er Jahre, die bis heute viele Wohnräume prägen. In dem öffentlichen Wohnbauprogramm »Das Neue Frankfurt« (1925–1930) kamen unter der Leitung des Architekten Ernst May die Prinzipien des Neuen Bauens in großem Maßstab zur Anwendung. So fanden nicht nur die berühmte Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky (1926), sondern auch preisgünstige Möbel von Ferdinand Kramer und Adolf Schuster Eingang in den Wohnalltag. Während May ein stark sozialpolitisch ausgerichtetes Wohnprogramm verfolgte, definierten andere Architekten wie etwa Ludwig Mies van der Rohe die Gliederung und Raumaufteilung des Wohnhauses völlig neu. Letzterer schuf mit seiner »Villa Tugendhat« (1928–1930) im mährischen Brünn eines der ersten Wohnhäuser mit offenem Grundriss und ineinander übergehenden, Nutzungsbereichen. Adolf Loos übertrug mit seiner Idee des »Raumplans« ein ähnliches Prinzip auf die drei Dimensionen des Raums: Seine »Villa Müller« in Prag (1929/30) ist eine komplexe, durchchoreografierte Folge unterschiedlich hoher Räume auf mehreren Ebenen, die das Denken in Grundrissen sprengt. Der ebenfalls österreichische Architekt und Gestalter Josef Frank vertrat indes das Prinzip des »Akzidentismus«, demzufolge Einrichtungen organisch mit der Zeit wachsen und wirken sollten, als hätten sie sich zufällig ergeben. Ganz im Gegensatz zu diesen Ansätzen der Modernen priesen einige ihrer Zeitgenossen weiterhin das Ornament als Ausdrucksmittel – unter ihnen die Amerikanerin Elsie de Wolfe, die 1913 das Buch »The House in Good Taste« veröffentlichte und als eine der ersten hauptberuflichen Einrichtungsgestalterinnen gilt. Gemäß de Wolfe diente ein Interieur vor allem dem Zweck, die Identität der darin lebenden Person darzustellen. Dasselbe Prinzip machte sich der britische Fotograf, Bühnenbildner und Innengestalter Cecil Beaton zu eigen. Für die Ausstattung seines »Ashcombe House« (1930–1945) ließ er sich von bildender Kunst, Theater und Zirkusmanege inspirieren.

Anders als heute standen Wohnfragen in dieser Entstehungszeit des modernen Interieurs im Zentrum lebhafter, oft politischer Debatten. Diese Debatten bewegten sich auch in den folgenden Jahrzehnten zwischen den Polen der Funktionalität und Reduktion einerseits, sowie den Polen der Individualität und Ornamentierung andererseits. Dieser Gegensatz prägt unsere Interieurs bis heute. Die Ausstellung »Home Stories« präsentiert entscheidende Wegmarken dieser Entwicklung und zeigt, dass die Leitfrage dieser Debatte heute noch genauso aktuell ist wie vor 100 Jahren: »Wie wohnen?«

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation mit Beiträgen von Joseph Grima, Alice Rawsthorne und Penny Sparke sowie Interviews mit Nacho Alegre, Adam Charlap Hyman, Ilse Crawford, Sevil Peach und anderen. Begleitet wird die Ausstellung im Vitra Design Museum von einem vielfältigen Programm mit Vorträgen, Publikumsgesprächen, Workshops und weiteren Veranstaltungen.

www.design-museum.de

Meldung: Vitra Design

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