Die weibliche Seite Gottes Jüdisches Museum Frankfurt: vom 23. Oktober 2020 - 14. Februar 2021


Im Rahmen der Neueröffnung zeigt das Jüdische Museum Frankfurt seine erste Wechselausstellung “Die weibliche Seite Gottes” in den nahezu 650 Quadratmetern umfassenden neuen Räumen des Lichtbaus. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung und Erweiterung der gleichnamigen Ausstellung, die 2017 im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen war. Die Frankfurter Version dieser Ausstellung rückt die Visualität des Themas in den Vordergrund und verbindet die kulturhistorischen Spuren von weiblichen Elementen in den Gottesvorstellungen der drei monotheistischen Religionen mit Darstellungen in der Bildenden Kunst. Sie schlägt damit einen bislang noch nicht unternommenen, kulturgeschichtlichen Bogen von antiken archäologischen Figurinen über mittelalterliche hebräische Bibelillustrationen, Madonnenbildern der Renaissance bis hin zu Interpretationen renommierter zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler.

GEBETBUCH (MACHSOR), 1300–1330, Handschrift auf Pergament, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Signatur: Cod. Levy 37.

Den Ausgangspunkt der Ausstellung Die weibliche Seite Gottes bilden archäologische Artefakte aus dem antiken Israel, in denen weibliche Gottheitsvorstellungen und die ihnen zugeschriebenen Kräfte, Eigenschaften und Wünsche zum Ausdruck kommen. In der Hebräischen Bibel werden diese weiblichen Gottheiten vor allem als Götzenkult erwähnt. Zugleich umfasst sie Passagen, in denen Fähigkeiten personifiziert und als weiblich dargestellt werden. Als unmittelbar göttlich gilt dabei vor allem die „Schechina“, die im rabbinischen Judentum als „Einwohnung Gottes auf Erden“ verstanden und von der jüdischen Mystik als eine schöpferische Facette des einen Gottes beschrieben wird. Diese Vorstellung bildet das Zentrum der Ausstellung, die im Spiegel der zeitgenössischen Kunst die Wiederentdeckung der weithin unbekannten Tradition weiblicher Gottesvorstellungen thematisiert.

Die Ausstellung präsentiert archäologische Funde, religiöse Zeugnisse und Schriften, Werke der Bildenden Kunst sowie zeremonielle Gegenstände und Textilien aus drei Jahrtausenden, die einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang aufweisen. Sie setzt die zeitgenössischen Kunstwerke als Kommentar wie auch eine persönliche Form der Reflexion über diesen Zusammenhang in Szene.

Luccheser Meister, MARIENKRÖNUNG, ca. 1460, Mischtechnik auf Pappelholz, Städel Museum, Frankfurt am Main.

Dies verdeutlicht etwa die Gegenüberstellung einer Aschera-Figurine mit der Skulptur „Bronze Goddess“ von Judy Chicago (Bronze auf Marmor, 2017). Die rituellen wie auch spirituellen Aspekte des Themas greift unter anderem Jacqueline Nicholls mit ihrer Skulptur „Maternal Torah“ auf (Sinamay, Matallösen, genäht, genietet, 2000). Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet die großflächige Wandarbeit „Schechina“ von Anselm Kiefer (Öl, Tempera, Acryl, Blei und Aluminiumdraht auf Leinwand,1999). Das Motiv dieser Arbeit wird am Ende des Rundgangs von dem Gemälde „Kabbalist and Shekhina“ von R.B. Kitaj (Öl auf Leinwand, 2003) wieder aufgegriffen.

In einem historischen Exkurs legt die Ausstellung dar, dass nach heutigem Forschungsstand Frauen in den religiösen Praktiken der Spätantike, des Mittelalters und der Neuzeit eine aktive Rolle einnahmen. Dies verdeutlicht etwa der Grabstein einer Synagogenvorsteherin aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert oder eine der ältesten bekannten Esther-Rollen aus dem Jahr 1564, die von einer Frau geschrieben wurde. Auch Hildegard von Bingen, eine charismatische Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, begründete mit ihren Visionen und ihrer asketischen Lebensart eine eigene Glaubenslehre. Die Künstlerin Ofri Cnaani erinnert in ihrem illustrierten Buch „The Virgin of Ludmir“ (Tinte auf Papier, 2014) an die Geschichte einer frühen chassidischen Rebellin des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert setzte sich die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim für eine Reform des orthodoxen Gottesdienstes ein und verfasste eigene Gebete. Wenig später wurde mit Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin in Offenbach am Main ordiniert.

Anselm Kiefer ( *1945 ), SCHECHINA, 1999, Öl, Tempera, Acryl, Blei und Aluminiumdraht auf Leinwand, Privatbesitz / Private Collection.

Die Ausstellung wurde von Dr. Felicitas Heimann-Jelinek und Dr. Michaela Feurstein-Prasser in Zusammenarbeit mit Dr. Eva Atlan und Prof. Dr. Mirjam Wenzel kuratiert. Die Ausstellungsarchitektur entwarf Martin Kohlbauer. Der Rundgang wird durch einen separaten Vermittlungsraum ergänzt, der das Ausstellungsthema auf anschauliche Art und Weise mit Plakaten, einer Selfie-Station und interaktiven Elementen zugänglich macht. Er wurde von Kathrin Schön und Fenja Fröhberg konzipiert und von der Designagentur formfellows gestaltet.

Zur Ausstellung erscheint ein deutsch-englischer Begleitband „Die weibliche Seite Gottes. Kunst und Ritual / The Female Side of God. Art and Ritual”, (Hrsg. Eva Atlan, Michaela Feurstein-Prasser, Felicitas Heimann-Jelinek, Mirjam Wenzel), der im Kerber-Verlag erscheint und von der Georg und Franziska von Speyer’schen Hochschulstiftung gefördert wird.

Die Ausstellung wird durch die großzügige Unterstützung der Art Mentor Foundation Lucerne und des Kulturfonds Frankfurt RheinMain ermöglicht.

Meldung: Jüdisches Museum Frankfurt

Print Friendly, PDF & Email