Mariette Navarro – Am Grund des Himmels – Verlag Antje Kunstmann

Ihr Roman Über die See, der in Deutschland und anderen Ländern ein großer Erfolg war, spielt auf einem Containerschiff auf hoher See. Ihr neues Buch Am Grund des Himmels auf dem Dach eines Hochhauses. Beides sind sehr ungewöhnliche Schauplätze – was hat Sie dazu inspiriert?

Um mit dem Schreiben zu beginnen, brauche ich immer einen bestimmten Rahmen. Meine Vorstellungskraft entfaltet sich bei der Erkundung einer Landschaft, einer Atmosphäre, eines festen Bildes. So, als würde ich mich in ein Foto hinein bewegen.

Das Containerschiff drängte sich mir nach einer Reise Bord eines Frachtschiffs auf. Das Dach war ein Bild, das mich schon lange beschäftigte: Ein Körper, der sich tanzend auf der Spitze eines großen Gebäudes bewegt. Eine Art, über der Welt zu schweben, sich von ihr zu lösen, um sie besser betrachten zu können. Vielleicht zeigt dies auch mein eigenes Bedürfnis, mich regelmäßig aus der Hektik des Alltags zurückzuziehen, um nachdenken und schreiben zu können.

In beiden Romanen geht es um einen Wendepunkt im Leben einer Frau – was fasziniert Sie an dieser Thematik?

Unser individueller und kollektiver Lebenslauf steht nicht von vornherein fest. Natürlich prägen uns Herkunft und Geschlecht. Aber auch in einem bekannten Umfeld können sich neue Perspektiven eröffnen, kann es Möglichkeiten geben, etwas anders zu machen, den Kurs zu ändern, das Tempo zu verringern, Stopp zu sagen. Meine Bücher sollen befreiend wirken, indem sie zeigen: Das ist möglich!

Am Grund des Himmels handelt von der Fremdbestimmung durch die moderne Arbeitswelt und der Befreiung der Protagonistin aus deren Zwängen und Konventionen – warum haben Sie sich diesem Stoff gewidmet?

Ich denke, dass Druck und Sinnverlust alle Lebensbereiche und Gesellschaftsschichten betreffen, aber in der Arbeitswelt besonders spürbar sind. Immer wieder hört man von Selbstmorden am Arbeitsplatz, in großen Unternehmen, aber auch in Behörden und Schulen. Keinen Sinn mehr in dem zu sehen, was man tut, sich nicht gebraucht zu fühlen oder gezwungen zu sein, Dinge zu tun, die den eigenen Werten widersprechen, verursacht großes Leid. Ich glaube, dieses Thema betrifft uns alle, und wir alle stellen uns Fragen wie: In welcher Welt wollen wir leben? Warum reproduzieren wir weiterhin Muster, die nicht funktionieren und uns quälen?

Gibt es literarische Vorbilder oder Lieblingsautoren, die Ihr Schreiben prägen?

Ich mag Bücher, die die Wirklichkeit nicht reproduzieren, sondern neue Realitäten schaffen, die das Fantastische streifen oder starke Metaphern entwickeln – Am Grund des Himmels ist zum Beispiel inspiriert von Marlen Haushofers Die Wand. Aber auch die Romane von José Saramago und Michail Bulgakow faszinieren mich, vor allem Meister und Margerita.

MARIETTE NAVARRO, geboren 1980, ist Schriftstellerin und Dramaturgin. In dem kleinen französischen Verlag Cheyne gibt sie eine Reihe poetischer Prosatexte mit heraus, darunter ihre eigenen, Alors Carcasse (2011, Robert Walser Preis 2012) und Les Chemins contraires (2016). Zudem hat sie mehrere Stücke geschrieben. Ihr Romandebüt Über die See ist 2022 bei Kunstmann erschienen.

Am Grund des Himmels
Roman von Mariette Navarro
übersetzt aus dem Französischen von Sophie Beese
Verlag Antje Kunstmann
1. Auflage, 2025
Gebunden, 160 Seiten
Format: 20 cm
ISBN 978-3-95614-649-7

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