Eine mit dem Zeitgeschehen verknüpfte Ausstellung der Frankfurter Schirn geht zu Ende, die so viele unbekannte Werke einer verheißungsvollen Epoche zur Schau stellt. Es sind überwiegend die 1920er und -30er Jahre, die aus dem Rahmen fallen. Die Aufschrei sind und eine schräge Perspektive zeichnen vom Alltag der Weimarer Republik. Bis zum 25. Februar 2018 können Besucherinnen und Besucher der Schirn Kunsthalle Frankfurt die große Themenausstellung noch bewundern.

Die Kunst dieser Epoche ähnelt einem Spiegel, der all die Einzelheiten aufsammelt, um daraus ein einzigartiges Kaleidoskop der Geschichte zu rekonstruieren. Ein Aufbegehren, das im Begriff ist, um sich aus den Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Dabei entsteht viel untergründiges. Doch auch hierfür hat die Malerei Platz. Lachende und grinsende Gesichter, die karnevalistisch anmutend sind. Verkleidet, bizarr verändert und bis zur Groteske übersteigert. Vielfach zeichnen die Motive eine merkwürdig veränderte Welt. Aufbruchstimmung, die in das technische Zeitalter der Zukunft zeigt und zu versinken droht in einem Gewühl aus Unterhaltung, Geschwindigkeit und verformter Realtiät.

Mit 190 Gemälden, Grafiken und Skulpturen wirft die Schau einen Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933. Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie und zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise und am Übergang.

In der Zusammenschau entsteht ein eindrückliches Panorama einer Zeit, die auch 100 Jahre nach ihrem Beginn an Aktualität und Diskussionspotenzial nicht verloren hat. In thematischen Räumen führt die Ausstellung Darstellungen und Szenen aus Berlin, Dresden, Leipzig, Rostock, Stuttgart, Karlsruhe, München und Hannover zusammen, die bislang eher getrennt voneinander betrachtet wurden.

Lotte Laserstein, „Russisches Mädchen mit Puderdose“ (1928), Öl auf Holz, 31,7 x 41 cm, Städel-Erwerb aus dem Besitz der schwedischen Gemeinde Nybro

Die Schirn präsentiert 62 bekannte aber auch wenig beachtete Künstlerinnen und Künstler wie Max Beckmann, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Lotte Laserstein, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter und Georg Scholz, die mit individueller Handschrift die Geschichten ihrer Zeitgenossen einprägsam festhielten.

Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs mit Darstellungen von versehrten Soldaten und von „Kriegsgewinnlern“, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie und die zunehmende Prostitution, die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden ebenso verhandelt wie das Rollenbild der Neuen Frau, die Debatten um die Paragrafen 175 und 218 – Homosexualität und Abtreibung –, die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport.

www.schirn.de

Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog aus dem Hirmer Verlag erschienen: Glanz und Elend in der Weimarer Republik / Splendor and Misery in the Weimar Republic, der von Ingrid Pfeiffer herausgegeben wurde und mit einem Vorwort von Philipp Demandt versehen. Zahlreiche Essays von Andreas Braune, Karoline Hille, Annelie Lütgens, Stéphanie Moeller, Olaf Peters, Dorothy Price und Martina Weinland sowie Ingrid Pfeiffer vervollständigen das Bild der Epoche. Es gibt eine deutsche und eine englische Ausgabe, je ca. 300 Seiten, ca. 260 Abbildungen, 29 x 24 cm, Hardcover; Gestaltung Sabine Frohmader; Hirmer Verlag, München, ISBN 978-37774-2932-8 (deutsch), ISBN 978-3-7774-2933-5 (englisch)

Tolle Bilder zeigen Ausstellung wie Katalog. Die Vielfalt der Motive spricht für sich. Schlotende Schornsteine ebenso wie die Portraits älterer Herren und die junger Damen. Bisweilen illustre Gruppenbilder die auf sich aufmerksam machen und mit dem Finger auf den Betrachter deuten. Dann wieder im Getümmel, halb verschluckt vom Dunkel der Farbe, zeigen sich Gestalten, die auftauchen und gleich wieder verschwinden. Diese Bilder illustrieren das bunte Treiben auf den Straßen. Expressive Kunst im Übergang zur einer anderen Stilrichtung versachlicht sich. Es ist eine Form der Vervielfältigung, in der urbane Strukturen das Geschehen dominieren. Varieté und Theater bestimmen die Bilder des pulsierenden Lebens aber auch des Untergangs.

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