Die Neuinszenierung an der Oper Frankfurt kam am 3. November 2019 in der Regie von Schauspielintendant Anselm Weber heraus und wurde sogleich von Presse und Publikum bejubelt. Die musikalische Leitung übernimmt Generalmusikdirektor Thomas Guggeis von seinem Vorgänger Sebastian Weigle. Die Aufführung findet in russischer Sprache mit Übertiteln in Deutsch und Englisch statt.

Katerina, Ehefrau des Kaufmanns Sinowi, betrügt diesen mit dem Arbeiter Sergei. Dies bemerkt ihr Schwiegervater Boris, der während der Abwesenheit seines Sohnes ebenfalls ein Auge auf die junge Frau geworfen hat. Der Alte verprügelt Sergei, woraufhin er von Katerina vergiftet wird. Sinowi weiß bereits um die Liaison seiner Frau, kehrt vorzeitig zurück und wird von den Liebenden umgebracht. Während die Hochzeit des neuen Paares im Gange ist, findet man die im Haus versteckte Leiche Sinowis. Katerina und Sergei werden zu Lagerhaft verurteilt, wo Sergei mit der Zwangsarbeiterin Sonjetka anbandelt. Daraufhin tötet Katerina ihre Nebenbuhlerin und sich selbst.
Schostakowitschs Oper schwankt zwischen nüchternem Realismus und einer Form aufschreiender Satire, wodurch eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse für das Publikum überhaupt nicht mehr möglich ist. Das Treiben nimmt seinen Lauf. Die Egoismen des Einzelnen sind das einzig bestimmende Element im Ablauf der Handlungen. Eine Wirklichkeit die nur noch von Herrscherpersönlichkeiten lebt, sei es aus Gründen der Verdeckung, um die Taten zu verschleiern oder um sich zu profilieren, soweit dies beim Ausschalten des Anderen erforderlich ist. Den Anderen dann so lange gewähren lassen, so lang dies dem eigenen Vorteil nutzt. Ergebnis ist sowjetische Lagerhaft, die schon zu Schostakowitschs Zeiten für Lagergrausamkeiten legendär gewesen sein muss. Das konnte also nur bedeuten, sich mit allen nur denkbaren Mitteln dem sowjetischen Staatsapparat zu entziehen, um nicht in deren Fänge zu geraten. Menschliches Handeln ist manchmal schon grotesk anzusehen. Die erste Oper von Dimitri D. Schostakowitsch heißt Nos (Die Nase), geht zurück auf die gleichnamige Erzählung von Nikolai Gogol und wurde 1930 uraufgeführt. Auf politischen Druck wurde die Oper nach sechzehn Vorstellungen von den Spielplänen genommen. Man warf ihr das Fehlen eines positiven Helden vor.

Ein Rückzugsort in Lady Macbeth ist das Gemach Katerinas, das zu dieser Aufführung auf einer erhöhten kreisförmigen Bühne, gleich einem Podest, an unsichtbaren Seilen hängt und nach oben gezogen werden kann. In dessen überdachten Mitte prangt das Ehebett des Paars mit Plüsch und Kissen. Musikalisch wirkt Schostakowitsch triumphierend und stolz. Manche Szenen der Oper wurden modernisiert wie bei Auftritten eines Popstars samt Revueeinlagen durch Chor und Tänzer. Das geschieht nicht zuletzt auch deshalb, damit die grausame Tragik der Akteure nicht zum Tragen kommen soll den unterhaltungswert des Musiktheaters mindernd. Oftmals sind Szenen mit leinwandfüllenden Videoeinlagen bestückt, die eine traumhafte Szenerie suggerieren, meist im Blütenmeer eines Gartens befindlich auf dem durch Kamerafahrt wie an einer gemusterten Tapete von unten nach oben entlang gefahren wird.
Die estnische Sopranistin Aile Asszonyi verfolgt die Rolle der Katerina Ismailowa. Mit der Inszenierung vertraut ist der russische Tenor Dmitry Golovnin in der Rolle Sergeis, während zwei Ensemblemitglieder der Oper Frankfurt neu in die Produktion einsteigen: der Bass Andreas Bauer Kanabas als Boris Ismailow und der Tenor Gerard Schneider als Sinowi Ismailow. Zahlreiche weitere Partien sind mit Mitgliedern des Ensembles und des Opernstudios der Oper Frankfurt sowie wenigen Gästen besetzt.
Ledi Makbet Mzenskogo ujesda (Lady Macbeth von Mzensk), op. 29 – Oper in vier Akten (neun Bildern). Libretto: Aleksandr Prejs und Dmitri Schostakowitsch
| Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Inszenierung: Anselm Weber Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Orest Tichonov Bühnenbild und Kostüme: Kaspar Glarner Licht: Olaf Winter Video: Bibi Abel Chor und Extrachor: Álvaro Corral Matute Dramaturgie: Konrad Kuhn Katerina Ismailowa: Aile Asszonyi Sergei: Dmitry Golovnin Boris Ismailow / Alter Zwangsarbeiter: Andreas Bauer Kanabas Sinowi Ismailow: Gerard Schneider Der Schäbige: Peter Marsh Sonjetka: Zanda Švēde |
Pope: Anthony Robin Schneider
Polizeichef: Iain MacNeil Verwalter / Sergeant: Dietrich Volle Axinja: Anna Nekhames Hausknecht: Mikołaj Trąbka Polizist / Wachposten: Dietrich Volle / Erik van Heyningen Lehrer / 1. Vorabeiter: Theo Lebow Betrunkener Gast / 2. Vorabeiter: Michael McCown 3. Vorarbeiter: Kudaibergen Abildin Zwangsarbeiterin: Barbara Zechmeister Fahrer: Alexey Egorov Mühlenarbeiter: Yongchul Lim Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester |

Wiederaufnahme:
Sonntag, 29. September 2024, um 18 Uhr im Opernhaus
Weitere Vorstellungen:
3., 11. (19 Uhr), 20., 26. Oktober 2024
Falls nicht anders angegeben, beginnen diese Vorstellungen um 18.00 Uhr
Der Titel der Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow aus dem Jahr 1865.bezieht sich auf Shakespeares Tragödie Macbeth. Allerdings ist laut Einführungsvortrag vor Beginn des Opernabends am 29. September nicht eindeutig, ob Leskow seine Protagonistin parallel zur Frau Macbeths entworfen hat oder die beschriebene russische Mörderin in der Öffentlichkeit so bezeichnet wurde, wie es die Novelle im ersten Kapitel nahelegt? Leskows literarische Ausarbeitung sollte der Auftakt einer Serie von Charakterstudien russischer Frauen sein. Unterschied zwischen Novelle und Oper ist, dass Lady Macbeth aus Machtgier handelt, während Katerina aus übertriebener Leidenschaft zu Sergej agiert.


