Thomas Bayrle Ausstellung in der Schirn lädt Besucher in einen großen Raum ein


Im ersten Obergeschoss der Dondorffschen Druckerei befindet sich vor dem eigentlichen Ausstellungsraum ein langgestreckter Flur mit den WCs, Aussichtsfenster und Blick von hinten auf das Bockenheimer Depot. Andere Seite ist eine begehbare Brücke, ein Übergang in die Werkstattgebäude der Schirn. Auf der Brücke lassen sich Hof und Außenterrasse der Caféteria durch die Fensterreihe leicht beobachten. Ein Personenaufzug in das Obergeschoss ist vorhanden. Das Treppenhaus wurde im Übrigen so belassen wie es vor dem Umbau schon war. Das Fassungsvermögen des Ausstellungssaals ist groß genug, um die zahlreichen Bildwerke aufzunehmen. Neben Bildern gehören Skulpturen zum Oeuvre Thomas Bayrles. Ein Fachwerk nimmt den Platz hinter der Tür ein und versperrt den direkten Blick in das Innere des Raumes. Doch das Fachwerk lässt Durchblicke zu.

Manche der Skulpturen wirken statisch und tragen einen Bedienknopf, um das Gerät anzuschalten. Die Wirkung ist verblüffend maschinell. Durch Rotation bewegen sich Hebel und Seitenarme, durch schnelle Bewegung gewinnt das äußere Erscheinungsbild der Maschine an zunehmender Symmetrie. Meiner Einschätzung nach dienen diese Maschinen der Abwechslung und sie entfachen Wind im Raum in dem sonst Leinwände ausgestellt sind, was der Zirkulation förderlich ist. Die Bewegung wird durch das Laufen des Motors erzeugt. Die Maschinen bei Tinguely wirken gemächlicher sind betont nostalgisch, bei Bayrle ist keine Spur von Nostalgie zu spüren, sondern reinen Selbstzweck drückt die Maschinerie aus.

Die Leinwände im Saal in unterschiedlicher Größe verfügen über keine extra Rahmung, wie das zu einer Ausstellung sonst zu erwarten wäre. Sie hängen vor allem als Kunstwerk im Raum. Das Individuum beherrscht die Szenerie, heißt es von den Ausstellungsmachern, was manchmal nur schwer zu verstehen ist, da Bayrle überwiegend mit Wiederholungen und Strukturen arbeitet, die zwar einen Zusammenhang haben, aber das Individuelle eher vermissen lassen. Dennoch schafft er Bilder, die schön anzuschauen sind. Das funktioniert beim Hinschauen ähnlich wie mit einem Rasterbild, das mehr oder weniger grob die Fläche bedeckt, wodurch das Gesamtbild durch die Anordnung, einer Vielzahl an kleinen Bildern, in den Vordergrund tritt. Versachlicht nüchtern oder kalt wirkt diese Malerei nicht, sie unterliegt vielmehr einer gewissen Schönheit und verfügt über ästhetische Reize. Seine  Energie setzt Bayrle auf die minimale Veränderung der einzelnen Teile, so dass identische Motive vermieden werden. Legendär sind seine Autobahnbilder, einerseits Verzerrung, andererseits zeitkritischer Ansatz gegen die Überfrachtung der Straßen durch zu viele Fahrzeuge. 

Thomas Bayrle nutzt oft religiöse Motive, wobei eine Glaubhaftigkeit seiner Religiosität in seinen Werken meiner Meinung oftmals mehr ein Fragezeichen ist. Sie sind vielleicht das Produkt seines Alterswerks, Thomas Bayrle ist Jahrgang 1937. Er hat sich erst mit zunehmendem Alter verstärkt auf religiöse Themen eingelassen, obwohl das scheinbar nicht sein wirkliches Metier ist. Denn Bayrle macht keine sakrale Kunst. Dahinter steckt Satire, eine sanfte Satire, die stärker Struktur oder strukturelle Bedingungen ins Bewusstsein ruft, mehr als dass sie eine ikonische Wirkung sakraler Natur hat. Thomas Bayrle ist als Grafiker sehr beliebt und verfügt über sehr viel Popularität mit seinen Werken, das heißt sowohl international als auch regional. Seine Serigrafien hängen in vielen Haushalten. Das liegt mitunter daran, dass sie zu erschwinglichen Preisen gehandelt werden. Eine Frage, die sich mit den größeren Formaten in der Ausstellung unweigerlich stellt. Wie werden diese großformatigen Originale Bayrles heutzutage gehandelt? Wahrscheinlich unbezahlbar. 

Sebastian Baden und Matthias Ulrich während der Pressekonferenz anlässlich Eröffnung der Thomas Bayrle Ausstellung, Fröhlich sein! im Schirn-Foyer der Dondorffschen Druckerei am 11. Februar 2026  

Der Ausstellungsraum ist im Parkour aufgebaut, so als wären Hindernisse aufgestellt, die es zu umwinden gilt. Gitterwände verstellen den Raum und erinnern an Zäune, deren grobmaschiges Drahtgitter als Halterung für die Leinwände dient. Womöglich handelt es sich dabei auch um Bilder, die von zwei Seiten betrachtet werden können, ganz schlüssig bin ich mir nicht. Einmal lässt sich die plakativ, repräsentative Seite des Bildes auf der Vorderseite betrachten, aber auch die Rückseite erzählt über den Herstellungsvorgang, was wichtig sein kann in der Malerei. Wirre Fadenbündel hängen rückseitig an der Leinwand herab, erzeugen eigentümliche Assoziationen um deren Bedeutung. Um welche Art von Gewebe mag es sich hierbei handeln? Thomas Bayrle ist erfinderisch und zugleich didaktisch orientiert. Seine Aufgabe besteht in der Vermittlung von Kunst. Sein Übungsfeld ist umfangreich und erschließt sich dem Betrachter erst beim näher herankommen. 

Am 12. März um 18 Uhr auf dem Rossmarkt 23 in Frankfurt unter freiem Zutritt stellt Thomas Bayrle anlässlich der Ausstellung Fröhlich sein! neue Versionen ikonischer Regenmäntel aus den späten 1960er Jahren in einer eigens gestalteten Installation im Lab106 vor. Tragbare Editionen sind käuflich erhältlich. Opening · Drinks · Music von Noe Fazi.

Kuratiert wird die Ausstellung in der Schirn von Matthias Ulrich, der bei Thomas Bayrle an der Städelschule studierte, als dieser Städelprofessor war und unter anderem die Grundklasse leitete, die seinerzeit für alle Schüler und Schülerinnen zu Anfang des Studiums Pflichtfach war, bevor sie zu ihren Lehrern in die eigene Klasse kamen. Darauf beruhen Grundlagen der künstlerischen Ausbildung, wie Thomas Bayrle didaktisch zu vermitteln weiß. Die Schirn widmet Thomas Bayrle und seinem Werk eine Einzelausstellung und präsentiert über 50 Werke des Künstlers auf einmal. Der Raum in dem die Kunstwerke ausgestellt sind. ist lang und breit und würde sich als Tanzsaal oder Vorführsaal eignen, um tänzerische Aufführungen in großer Mitte vor Publikum zu präsentieren.

Ein Künstler übersteht die Zeit, die ihm zum Verhängnis hätte werden können

Die Ausstellung zeigt neben Malerei und Zeichnungen, Skulptur und Objektkunst sowie audiovisuelle Produktionen. Dazu zählen Soundinstallationen und eine Videoleinwand. In seiner Jugend absolvierte Thomas Bayrle eine Lehre zum Maschinenweber, bevor er sich den Techniken der Druck- und Gebrauchsgrafik näherte, was über viele Jahre hinweg sein künstlerisches Standbein werden sollte. Vor allem in den 1960er und 70er Jahren etablierte er seine konzeptionell entworfenen Strukturen und Wiederholungen, die ihm nicht langweilig werden sollten, sondern den Übergang bis ins konzeptionell Strukturierte schaffte. Thomas Bayrle beschäftigt sich mit den sozialen Organisationsprinzipien von Individuum und Kollektiv, wobei er seine Bildmotive aus der Alltagsrealität sowie der Waren- und Konsumwelt schöpft. Er entwickelte eine eigene Bildform, um serielle Wiederholungen in Rasterstrukturen darzustellen. Er kombiniert seine Werke seit den späten 1960er Jahren aus kleinen Einzelteilen zu großen, sogenannten Superformen und gilt mit dieser Pixelsprache als einer der Wegbereiter der digitalen Bildgestaltung. Insbesondere bei der jungen Generation finden Bayrles Werke großen Anklang, da sie den Eindruck erwecken, von einem Algorithmus erzeugt zu sein, was sie aber nicht sind, sondern sie stehen ganz im Zeichen des Individuellen und offenbaren die unendlichen Kombinationsmöglichkeiten einzelner Elemente zu einem Gesamtbild.

Die positive Wendung seines künstlerischen Werks verdankt Thomas Bayrle nicht zuletzt seiner ausgeprägt didaktisch konzipierten Vorgehensweise, die er sich während seiner über Jahrzehnte andauernden Tätigkeit an der Städelschule angeeignet hatte, wenn sie nicht schon charakterlich in ihm verankert ist. Gestützt durch kontinuierliche Vermittlungsarbeit und durch Methodiken des kommunikatives Handelns, hatte er eine Schar an Schülern und Schülerinnen bei sich, um sie auf den langen Weg der künstlerischen Entwicklung vorzubereiten. Daher rührt die didaktisch gesinnte Aufforderung: Fröhlich sein! Lange bestand die Gefahr, dass man seiner Grafiken schnell überdrüssig werden sollte, was bedeutete, dass sie spätestens nach dem nächsten Tapetenwechsel in den Papierkorb hätten entsorgt werden müssen. Anatomisch betrachtet sind seine Figuren meist nicht zu gebrauchen. Der Wendepunkt geschah erst ab den späten 1980er Jahren, nachdem er den Anschluss an die Nachhaltigkeitsdebatte, die aus der ersten Öl- und Energiekrise hervorgegangen war, für sich gewann. Nicht etwa als Akteur, sondern als jemand dem als Pädagoge eine wichtige Rolle als Vermittler zukam. Das geschah fast unmerklich. Auf einmal waren seine Grafiken vor dem Absturz gefeit und gewannen wieder Anerkennung. Dabei hatten sich seine Motive nicht großartig verändert, das Konzept ist das Gleiche geblieben, nur der Blickwinkel darauf veränderte sich zu seinen Gunsten. Wie das geschah, dafür habe ich auch keine Erklärung. Vermutlich steckt dahinter die Arbeit, die er sich gemacht hat, um dem Ideal einer sich fortentwickelten Zukunft gerecht zu werden. Sicherlich spielt bei ihm die Bereitschaft eine Rolle, sich den neuen Medien zu öffnen, wenn auch nur zaghaft. Es reicht, um den Anschluss an die internationale Kunstszene zu behalten, insofern ist Thomas Bayrle auch ein Trendsetter. Der Einsatz von Maschinenkunst gehört seinem Oeuvre ebenso an, wie raumfüllende Video- oder Soundinstallationen in seinem umfangreichen Werk. Er öffnet sich konsequent der Mannigfaltigkeit, was ihn künstlerisch genau so gut hätte zermalmen können, woraus er als eine Art Gewinner hervorgegangen ist, so dass er mit seinen Werken weiterhin als einer der gefragten Interpreten auf dem internationalen Kunstmarkt gilt. Doch ist Thomas Bayrle wirklich der Gewinner, so wie er im Buche steht? Ich befürchte fast nicht. Das positive Echo das ihm entgegenweht, mag ihm erhalten bleiben. Als Lehrer ist er nicht mehr tätig, das bedeutet, dass er schnell in Vergessenheit gerät, sobald der Wind zu seinen Ungunsten weht. Wo kein Lehrer, ist auch kein Schüler, der auf das Werk achtet, so sehr das Didaktische vorhanden ist, das ihn künstlerisch zum Leben erweckt. Es ist die Region, die auf ihn als Phänomen zurückblickt, wie auf ein Kind seiner Zeit, das seiner Epoche entsprungen ist und gerade damit anfängt, spielen zu lernen, um sich seine eigene Wirklichkeit zu bauen.

Siehe auch:  Thomas Bayrle – Fröhlich sein! – kulturexpress.info