
Während 20 Fallstudien von Studierenden der RWTH Aachen University zu herausragenden Beispielen im Bauen anhand von Bildern, Plänen und Modellen dem Publikum zugänglich gemacht werden, zeigen sechs Studien von Studierenden der HfG Offenbach die Auseinandersetzung mit dem Thema im Bereich des Produkt-, Kommunikations- und Interieurdesigns. Sie erzählen über das Paradoxon der seriellen Handarbeit und die Möglichkeiten additiver Fertigung in der seriellen Rennradschuhproduktion, behandeln Referenzen im Interieurdesign und der Schriftgestaltung im Neuen Frankfurt der 1920er-Jahre oder lassen das von König Sejong 1443 entwickelte Hangul, das Schriftsystem der koreanischen Sprache, als generatives System verstehen. Diese Studien stehen exemplarisch für die Vorzüge, Chancen und Widersprüche serieller Gestaltung und Produktion und wollen daran erinnern, dass jede Serie nicht nur Produkte hervorbringt, sondern auch Vorstellungen davon, wie wir leben wollen.
Besucher:innen können so einerseits Erfindungen, Produktinnovationen und Herstellungsverfahren kennenlernen, die in ihrer Gesamtschau technikgeschichtliche Entwicklungslinien nachvollziehbar machen, und andererseits aktuelle kritische Auseinandersetzungen im Bereich des Designs entdecken.
Der Modus der Serie
Die Ausstellung Im Modus der Serie macht zentrale Aspekte von Serialität zugänglich und sinnlich erfahrbar. Um diese neuen Zugänge zu schaffen, gilt es zunächst, alte Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Denn Serien sind von Vorurteilen umstellt. Serien stehen für hohe Stückzahlen, für Standardkost, für die Logik der Reproduktion, für den Verlust der Aura, die alles Einmalige zu umgeben scheint. Auf der angestrengten Suche nach Alleinstellungsmerkmalen stehen Serien im Weg.
Doch Serien sind besser als ihr Ruf. Wer sich auf Serien einlässt, entdeckt ein Spiel der Nuancen und Differenzen. Im Modus der Serie offenbart sich die besondere Existenzform der Serie, ihr eigenes Gesetz. Im Modus der Serie wird ersichtlich, wie Serien konstruiert sind. Im Modus der Serie erweist sich, wie Serien wirken. Der Modus bezeichnet den Anspruch, das Maß und die operative Logik des Seriellen.
Die Ausstellung handelt von Entwicklungsgeschichten, in deren Verlauf Modelle und Prototypen so lange verbessert werden, bis sie Serienreife erlangen. Sie bietet einen geschichtlichen Abriss zur Serialität, deren Potentiale sich im Maßstab der Stadt, des baulichen Objekts und der Baukomponenten entfalten konnten. Die verschiedenen Maßstäbe können sich ergänzen, wie anhand des Beispiels der von Margarete Schütte-Lihotzky konzipierten Frankfurter Küche deutlich wird. Die im Maßstab des Möbelbaus erdachte Standardküche ergänzt die Serienwohnungen des Neuen Frankfurts im Sinne einer Basiseinheit für rationale Haushaltsführung. Die Durchdringung der Maßstäbe wird auch beim Wiederaufbau der nordfranzösischen Stadt Le Havre nach dem Zweiten Weltkrieg ersichtlich. Die in den Plänen von Auguste Perret bereits angelegte Typisierung von Wohngebäuden wird mithilfe eines der ersten Verfahren zur seriellen Produktion von Betonfertigteilen ins Werk gesetzt.
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| MAK bei Nacht, Außenansicht, Foto (c) Kulturexpress | |
Die Ausstellung Im Modus der Serie versammelt herausragende Beiträge zur seriellen Produktion von Bauten und Objekten, um industrielle Verfahren des Gießens, Stanzens, Tiefziehens und Strangpressens in den Blick zu nehmen. All diese Verfahren erlauben atemberaubende Steigerungen vorindustrieller Stückzahlen. Unter der modernen Vorgabe kontinuierlicher Effizienzsteigerung werden Produkte überarbeitet, Bausysteme ersonnen, Handelskataloge editiert, Werbeanzeigen geschaltet und Kund:innenstämme erweitert. Die Logik des Seriellen entfaltet sich im Feld der angewandten Künste in einer Dreiecksbeziehung zwischen Gestalter:innen, Produzent:innen und Konsument:innen. Serialität befördert Produktinnovation, eröffnet Vergleichsmöglichkeiten und erlaubt eine Koordination von Angebot und Nachfrage. Serialität erscheint im Europa des ausgehenden 19. Jahrhundert zum einen als erste Entwicklungsstufe auf dem Weg zum Industriedesign; zum anderen als eine frühe Form der Mass-Customiziation, einer auf spezifische Kund:innenwünsche ausgerichteten Industrieproduktion.
Die Ausstellung wird von Prof. Axel Sowa kuratiert, der von Florian Eschner und dem Team des Lehr- und Forschungsgebiets Architekturtheorie und Studierenden der RWTH Aachen University unterstützt wird. Sie entsteht in Kooperation mit Studierenden der HfG Offenbach unter Leitung von Prof. Matthias Wagner K. Prof. Norbert Hanenberg hat mit Studierenden der TH Gießen zur Entwicklung der Ausstellungsmöbel beigetragen.
Studierende der RWTH Aachen University: Leonie Adler, Mathea Alef, Johannes Bergerfurth, Amalia Beveridge, Jana Bušová, Anastasia Certan, Indiana Courarie-Delage, Finn Eicke, Tim Engel, Ferdinand Feldkamp, Anna-Lena Feldmann, Deniz Gleiss, David Goretzki, Suna Gönenç, Jan Günther, Niklas Haderlein, Wilma Heitmann, Tobias Heyn, Kyra Jacobi, Marie Kunz, Finn Merchak, Lara Milad Ali Amin, Marcus Müller, Mayu Oenoki, Denis Plotnikov, Piet Rehermann, Fynn Rüdiger, Vasilia Savvidou, Greta Schnorrenberg, Meret Schwarze, Lena Siebrecht, Johannes Sieben, Louis Seyler, Elias Tschirch, Isabella Freiin von Cornberg-Freiin von Flotow.
Studierende der HfG Offenbach: Kasimir Bamberger, Lorenzo Carella, Anna Koitschev, Lukas Lange, Song Yeon Lee, Lea Matthia Michler, Aranza Velasco Sanchez.
Studierende der Technischen Hochschule Mittelhessen, THM Gießen: Armen Demirci, Paul Gessner, Maxine Götz, Madita Herrmann, Simon Hildebrand, Leon Lenz, Noris Neuland.
Die Ausstellung wird gefördert von der Wüstenrot Stiftung, der Else Kröner Fresenius Stiftung, dem Informationszentrum Beton, der B&O Bau GmbH und der Pacarada Group. Partner sind das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, die THM Gießen, die RWTH Aachen University und die Frankfurter Stiftung urban future forum e.V.

Die Serienparlamente
Die Ausstellung Im Modus der Serie ist auch ein Beitrag zu einer aktuellen Diskussion. Heute taucht der Begriff der Serialität erneut als politisches Versprechen auf. Serialität soll – das zeigt die aktuelle Debatte zum Wohnungsbau – Herstellungsprozesse beschleunigen, Verfahren vereinfachen und Kosten dämpfen. Serialität soll nachhaltige Baukomponenten in hohen Stückzahlen bereitstellen. Modelle, Module und Prototypen stehen schon bereit. Wann werden sie in Serie gehen? Bevor die Produktion hochgefahren wird, möchte die Ausstellung dazu anregen, innezuhalten und nachzufragen: Was genau ist mit dem aktuellen Appell zur Serialität gemeint? Was bedeutet Serialität im Hinblick auf ethische und ästhetische Fragen? Serialität erweist sich als Spiegel gesellschaftlicher Leitbilder und Forderungen, die jeweils mit unterschiedlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, Standardisierung und Normierung verbunden sind.
Um diesen und weiteren Fragen Raum zu bieten, lädt die Frankfurter Stiftung urban future forum e.V. zu drei begleitenden Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ein: den Serienparlamenten. Die verschiedenen Serienparlamente sind jeweils einem übergreifendem Themenblock gewidmet und laden Architekt:innen, Designer:innen, Hersteller:innen, Politiker:innen und Bürger:innen dazu ein, ihre Gedanken und Positionen zu serieller Planung und Produktion vorzustellen und mit dem Publikum zu diskutieren. Zur Diskussion steht u.a die Frage, wie der vermeintliche Widerspruch zwischen Serialität und guter Gestaltung aufgelöst werden kann und, wie Qualitätsansprüche mit industrieller Verfertigung vereinbar sind.




