Interessant ist an dieser Stelle der Vergleich mit einem Buch ebenfalls in einem Schweizer Verlag bei Birkhäuser schon 1994 erschienen. Ein Buch, das ganz andere Absichten verfolgt. Der Unterschied zeigt sich in der Herangehensweise: Adolf Behne. Architekturkritik in der Zeit und über die Zeit hinaus. Texte 1913-1946, herausgegeben von Haila Ochs, ist vielmehr an tradierten Vorstellungen der klassischen Avantgarde orientiert. Der Band steht im Zeichen auch nur eines Autoren, Adolf Behne, ein anerkannter Architekturkritiker seiner Zeit. Bezieht sich darin hauptsächlich auf deutsche Architekturgeschichte. Es handelt sich dann um eine Zusammenstellung seiner Texte, die kaum kommentiert werden, sondern im zeitlichen Kontext zueinander stehen. Beginnend mit den Jahren vor dem ersten Weltkrieg bis 1932, läßt dann eine Zeitlücke und setzt zum Abschluß erst wieder 1945 ein mit „Freiheit der Kunst“.
In „Bleiben wir sachlich!“ von Dieter Schnell ist die gewählte Vorgehensweise für die Ana7lyse des Architekturdiskurses nahezu analog zu Achim Landwehrs im Jahre 2001 vorgeschlagener Methode der historischen Diskursanalyse zu betrachten. Zunächst wurde ein Textkorpus gebildet. Die Kontextanalyse ist auf die verschiedenen Diskursakteure hin fokussiert. Die eigentliche Studie der Diskursanalyse teilt sich in zwei Teile, die der „Denkgewohnheiten“ und eine chronologische Darstellung der Argumentation. Der Begriff „Denkgewohnheiten“ beschreibt Vorstellungen und Werthaltungen, die eine gewisse Gültigkeit behalten. Im ersten Teil geht es darum, die Konstanten des Architekturdiskurses aufzuzeigen, damit im zweiten Teil die Argumente dafür besser eingeordnet und gewichtet werden können. Der zweite und umfang- reichste Teil gibt einen chronologischen Abriß des Architekturdiskurses. Hier kulminieren alle bisher beschriebenen Vorarbeiten und Vorstudien. Eine Gliederung in fünf Kapitel erfolgt, wie die Überschriften andeuten, nach inhaltlichen Kriterien.
Diese Arbeit kann nicht als Geschichte der Schweizer Architekturgeschichte in der Zwischenkriegszeit verstanden werden, sondern es geht um den Diskurs in der Architektur. Das Interesse gilt den allgemeinen architekturtheoretischen Aussagen. Die Auswahl bezieht sich hierbei stärker auf die in deutscher Sprache geschriebenen Zeitschriften in der Schweiz. In seiner Themenauswahl geht die Untersuchung über die Region hinaus.
Diese Arbeit befaßt sich insbesondere mit der Suche nach einem Ausweg aus Historismus und sogenanntem Heimatstil sowie praktischen Lösungsansätzen für die akute Wohnungsnot der finanzschwachen Bevölkerung. Die kontextuellen Argumente der fünf Kapitel im Einzelnen lauten: Suche nach dem Stil der Zeit, Episode des systematischen Kleinwohnungsbaus, Das Neue Bauen. Befürworter und Gegner, auf der Suche nach neuen Themen und nach Bauaufträgen, vom Neuen Bauen zur neuen Baukunst. Im Anschluß folgt eine Zusammenfassung der fünf aufgeführten Themen zu einem größeren Kapitel.
Der Begriff „Neues Bauen“ taucht im vorliegenden Band immer wieder als feste Begriffseinheit auf. Der Begriff selbst entstand zuerst 1914 und fällt mit seiner Entstehungszeit eigentlich aus dem Zeitraum heraus mit dem sich der Band hier befassen will. Seine genaue Definition was die Schweizer Fachzeitschriften angeht, findet sich jedoch erst ab 1927 mit der Ausstellung am Weissenhof und der zugehörigen Baureform im Wohnungsbau wieder. Einer der nachfolgenden Ab- schnitte befaßt sich auch mit der Entwicklung der Architektur nach Hitlers Machtergreifung in Deutsch- land. Ein Prozeß der in der Schweiz fast nur von Peter Meyer genau beobachtet, interpretiert und in zahlreichen Texten kritisch kommentiert wurde. Auf Meyers publizistische Tätigkeit wird im Schlußteil Bezug genommen.
Im Anhang werden erwähnte Zeitschriften und Institutionen sowie einzelne Autoren nacheinander sorgfältig aufgelistet. Dies geschieht nach einem Schema wie aus Publikationen der Reihe Sammlung-Metzler bekannt. Ein Inhaltsverzeichnis weist auf die erwähnte Zeitschrift, ein historischer Überblick mit eigenem Ab- schnitt zu den Inhalten der Zeitschrift folgt. Überschriften werden zur Übersichtlichkeit durchgängig fettgedruckt und in zahlreiche Unterüberschriften unterteilt.
Ein Verzeichnis der einzelnen Architektur-besprechun- gen und benutzte Literatur runden die Studie ab. Der vorliegende Band „Bleiben wir sachlich!“ umfaßt 320 Seiten, ist außer mit einigen Schwarzweißabbildungen eher sparsam bebildert. Das Buch eignet sich haupt- sächlich für Studien-zwecke, ist aber auch als Nachschlagewerk einsetzbar. Wenn der Anspruch einer Architekturtheorie auch nicht ausdrücklich hervorgehoben wird, lassen sich die zur Schweizer Zwischenkriegszeit gehörenden Theorien aus dem Inhalt durchaus erschließen.
Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen eines Nationalfonds-Forschungsprojekts in den Jahren 1998-2000. Das Thema selbst entstand aus der Unterrichts- tätigkeit, die Dieter Schnell zur Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH-Zürich inne hatte. Im Herbst 2002 wurde die Arbeit zudem als Habilitationsschrift an der Universität Bern eingereicht, wobei Dieter Schnell mit der Unterstützung von Oskar Bätschmann rechnen konnte. Bätschmann ist bekannt durch ein Buch, das sich mit kunstgeschichtlicher Hermeneutik auseinandersetzt. Ein erkenntnistheoretisches Verfahren aus Philosophie und Literaturwissenschaft wurde von Bätschmann auf die Belange der Bildsprache übertragen.
Bleiben wir sachlich!
Deutschschweizer Architekturdiskurs 1919-1939 im Spiegel der Fachzeitschriften
Autor: Dieter Schnell
gebunden, 319 Seiten
Schwabe AG Verlag Basel 2005
ISBN 3-7965-2018-9
Buchrezension vom 07. April 2006


