Am 03. Oktober lief die Deutschland Premiere der Doku in Anwesenheit des Regisseurs Rainer Komers im Mal Seh’n Kino in Frankfurt. Der im sonnigen Kalifornien vor allem in den Wüstenregionen des Mojave-Deserts entstandene Dokumentarfilm spielt vor einem achtbaren Hintergrund. Der Regisseur nimmt den Zuschauer mit in die Welt des Lyrikers Stanley »Spoon« Jackson, der aus seiner Autobiographie »By Heart« vorliest, ohne jedoch selbst im Bild zu sein. Geschrieben hat Spoon seine Gedichte im Gefängnis, in dem er seit 1978 wegen Mordes inhaftiert ist. Zu seiner Off-Stimme werden Landschaftsbilder der sonnenreichen kalifornischen Mojave-Wüste und der Kleinstadt Barstow eingeblendet, die an der Interstate 15 auf halber Strecke zwischen Los Angeles und Las Vegas liegt. 

Filmposter

Spoon Jackson ist einer von 15 Brüdern, zwei von ihnen sind an diesen verödeten Ort ihrer Kindheit gekommen. Sie erzählen von der Familiengeschichte, von Armut, Rassismus, aber auch vom Zusammenhalt zwischen den Nachbarn am Fluss. Die Gespräche handeln von den plötzlichen Fluten des Mojave River und vom rhythmischen Rattern der Güterzüge. Noch immer rangieren sie dort oder fahren ohne Halt am kleinen Ort Barstow vorbei. Ohne einen einzigen Satz über Politik zu verlieren, ist diese poetisch-biographische Ortserkundung sehr politisch, denn sie handelt von den Menschen die dort leben, die von ihren Sorgen reden und was sie bedrückt. Der Film übernimmt damit ein Stück Aufarbeitung. Spoons Familienmitglieder kommt dabei eine wesentliche Rolle zu, die sie mit hingebungsvoller Geschlossenheit erfüllen. Ihre Reden und Gedanken zeigen das trostlose Bild, das sich mitten in einer doch so reichen Welt und in Amerika abspielt. Dennoch scheinen sie den Kampf nicht verlieren zu wollen, sondern sie stellen sich ihrer Zusammengehörigkeit und das als Sippe und Familie, dazu zählt letztlich auch der Inhaftierte Spoon und dessen Schuldbekenntnis. Der Film ist etwas wie ein Vermächtnis über ihn aber auch ein Hilferuf nach 40 Jahren im Gefängnis.   

»Meine Haut fühlt sich warm und lebendig an, diesen September in San Quentin. Als wäre ich eine Eidechse, die sich auf einem großen Stein sonnt.« Spoon Jackson

BARSTOW, CALIFORNIA wurde bereits auf zahlreichen renommierten Dokumentarfilmfestivals gezeigt. Seine Weltpremiere feierte der Film 2018 auf dem Internationalen Filmfestival Nyon, Visions du Réel.  Was viel wichtiger ist, der Film wurde auch schon auf Filmfestivals in den Staaten in Missoula, Montana und San Francisco gezeigt. Auf die Frage, was das zentrale Motiv des Films sei, sagte der Regisseur, er komme aus dem Ruhrgebiet und wie dort geht es im Film um Bergbau, der in der Mojave-Wüste betrieben wird. In den Minen rund um Barstow wird bis heute Gold abgebaut. Neben Army ist die Montanindustrie einer der großen Arbeitgeber der Region. Es geht vordergründig also nicht um den Gefängnisinsassen und dessen Taten, diese Angelegenheit war dem Regisseur nicht passend genug, vielmehr überzeugte ihn die hörbare Stimme des Inhaftierten und regte ihn zu diesem Projekt an. Spoon hatte sein Buch auf Anfrage des Verlegers auf Tonband gesprochen. Es war die durchdringende Stimme Spoons, die Rainer Komers so sehr überzeugte, dass er daraus den Film machte, allein getragen durch die Off-Stimme, ohne ein einziges Bild von Spoon zu haben. Das ist so herzerwärmend, wodurch die Regieführung komplett in Anspruch genommen ist in Sachen Spannung und Handlung. In seiner Prägnanz erinnert mich das Film-Event an den amerikanischen Spielfilm “Lucky” (2018) von David Lynch. Vermutlich weil der in einer ähnlich heißen Region spielt wie die in Kalifornien, aber auch der dargestellte Realismus hat ähnliche Bezüge. Beides Filme, die etwas über ihre Region und die Menschen die dort Leben aussagen, weit entfernt von unverhohlener Aufbruchstimmung.

Zur Filmwebsite: Barstow, California    Spieldauer: 76 Minuten   Verleih: Jip Film & Verleih

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