Schauspielerinnen und Schauspieler lesen in den leeren Lesesälen der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main Texte zu Europa. Die kurzen Lesungen für die Kamera werden im Umfeld des Europatags am 9. Mai nach und nach auf der Website der Bibliothek veröffentlicht. Bis zum Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft Anfang Juli entsteht so in 15 Clips ein vielfältiger literarischer Blick auf Europa.

Vor der ungewöhnlichen Kulisse leerer Lesesäle interpretieren Schauspieler*innen Texte aus den Sammlungen der Deutschen Nationalbibliothek, deren Gesamtbestand bei rund 40 Millionen Medien liegt. Wegen der Covid-19 Pandemie war die Deutsche Nationalbibliothek wie alle anderen Kultureinrichtungen über Wochen für die Öffentlichkeit geschlossen. Eine Vielzahl geplanter Veranstaltungen an den Standorten der Bibliothek musste ausfallen und den zahlreichen in diese Aktionen involvierten freien Kulturakteuren – unter ihnen Autor*innen, Schauspieler*innen und Filmemacher*innen, aber auch Musiker*innen und Verlage – abgesagt werden.

Um diese von der Ausnahmesituation besonders betroffenen Berufsgruppen unterstützen zu können, hat die Bibliothek 15 Schauspieler*innen und ein kleines Filmteam mit der Produktion der Clips “EUROPA lesen” beauftragt. Damit beschreitet die Deutsche Nationalbibliothek zugleich einen neuen Weg, ihre Sammlung zu präsentieren. Sie lenkt den Blick in filmischen Streiflichtern auf die Vielfalt ihrer Bestände und bereichert damit ihre digitalen Angebote. In Ergänzung zu online verfügbaren Digitalisaten und virtuellen Ausstellungen bieten die Lesungen im Webclip einen zitathaften Zugang zu Werken mit Europabezug.

Die Texte der jeweils etwa fünf Minuten langen Lesungen, die in Kooperation mit den Schauspieler*innen ausgesucht wurden, reichen von Lyrik über Prosa und Sachbücher bis zu Redetexten. Einige Texte sind sehr nah am Thema – etwa das so seltsam tagesaktuelle wie provokative Gedicht „Europa“ von Kurt Tucholsky von 1932 –, die anderen interpretieren das Thema Europa freier, z.B. als Suche nach einem besseren Ort, einem Utopia – so etwa der Text aus den Maghribinischen Geschichten von Gregor von Rezzori. Außerdem dabei sind Texte von Herta Müller, Louise Weiss und Hans Magnus Enzensberger, von Yuval Noah Harari, Adriana Altaras, Simon Strauß und Victor Hugo sowie von Stefan Zweig und Ian McEwan. In ganz unterschiedlichen Inszenierungen verleihen die Schauspieler*innen den Texten Raumpräsenz und Stimmung.

Mit EUROPA lesen schlägt die DNB die Brücke in die zweite Hälfte dieses ereignisreichen Jahres. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft plant die Deutsche Nationalbibliothek eine ganze Reihe von Aktivitäten, viele in digitalen Formaten. Neben virtuellen Tagungen und einer Ausstellung gehört dazu auch eine bilderreiche Publikation. Unter dem Titel „House of Europe“ zeigt sie, wie viel „Europa“ in der DNB als dem schriftlichen, musikalischen und bildlichen Gedächtnis der Nation steckt. Die Sammlungen der DNB – sowohl insgesamt als auch die zusätzlichen Sammlungsschwerpunkte Medien- und Exilgeschichte – sind geradezu prädestiniert, von der geografischen Mitte Europas aus einen Blick auf Geschichte und Gegenwart des Kontinents zu werfen und den zahllosen Spuren nachzugehen, die Europa in der deutschen Kultur hinterlassen hat. Europa wird in diesem Kontext vor allem als Idee verstanden: Als die Vision einer Wertegemeinschaft, die im gesellschaftlichen Diskurs heute mehr denn je auch als eine kulturpolitische Mission aufgefasst werden kann – ganz im Sinne der etymologischen Bedeutung des Wortes „Europa“ als die „Weit-Sichtige“.

Texte zu Europa in der Deutschen Nationalbibliothek.
Eine Filmserie anlässlich der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020
Es lesen Adriana Altaras, Hansa Czypionka, Paul Frielinghaus, Max Gertsch, Teresa Harder, Maria Hartmann, Aykut Kayacik, Eva Mannschott, Adreina de Martin, Anika Mauer, Jonas

Minthe, Maximilian Nowka, Judith Rosmair, Adisat Semenitsch und Christoph Tomanek aus Texten von Adriana Altaras , Sri Aurobindo, Hans Magnus Enzensberger, Yuval Noah Harari, Leonhard Horowski, Victor Hugo, Ian McEwan, Robert Menasse, Herta Müller, Gregor v. Rezzori, Andrzej Stasiuk, Simon Strauß, Kurt Tucholsky, Louise Weiss und Stefan Zweig.

Ab 30. April 2020 auf    www.dnb.de/europalesen

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