Deutschland ist laut OECD seit 2018 nicht mehr gewachsen. Der Standort Deutschland ist einfach zu teuer. Investitionen liegen auf Eis. Aus Sicht der Industrie ist keine Trendwende Chemie erkennbar. Die Produktion wird zurückgehen. Das bedauern die Beteiligten. Die bisherige Abwärtsspirale zeigt sich als Teufelskreis aus dem fast kein Entrinnen ist. Das sind drastische Worte zu Anfang, trotzdem oder gerade deswegen sieht der Verband den Aufschwung ab 2026 kommen.
Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat die rasante Talfahrt der vergangenen Jahre im ersten Halbjahr 2025 gestoppt – trotz des geopolitischen und konjunkturellen Gegenwinds, lautet die Ankündigung auf der Halbjahres- Pressekonferenz im 13. Stockwerk des VCI-Hauptsitzes in der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Die wirtschaftliche Lage bleibt dennoch herausfordernd. Die Unternehmen rechnen erst im kommenden Jahr mit einem Aufschwung. Es geht um Macht nicht nur um Handel. Der Konsum lahmt. Kapazitäten wachsen schneller als die Nachfrage dies zulässt.
Die Produktion der Branche lag im Vorjahresvergleich leicht im Minus. Der genaue Blick zeigt: Pharma schreitet voran (+ 2 Prozent), die Chemie (- 3 Prozent) hinkt deutlich hinterher. Auch beim Umsatz liegt der Pharmabereich vorn (+ 5 Prozent), während die Chemiesparte schwächelt (- 2 Prozent). Zusammengefasst weist der Branchenumsatz im ersten Halbjahr ein kleines Minus (- 0,5 Prozent) auf. Die Beschäftigtenzahlen sind bislang stabil. Problematisch: Eine signifikante Zahl von Unternehmen hat bereits Anlagenschließungen und personelle Einschnitte angekündigt. Umsatzänderung im 1. Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr mit -0,5 Prozent sind in diesem Halbjahr 107 Mrd. Euro, Inlandsumsatz mit -0,5 Prozent sind im Ergebnis 39 Mrd. Euro, Auslandsumsatz mit -0,5 Prozent sind 68 Mrd. Euro, Beschäftigung +/-0,0 bleiben 480.061 Beschäftigte in der Chemiebranche.
Markus Steilemann, VCI-Präsident, kommentiert: „Die Lage bleibt angespannt. Unsere Branche produzierte im ersten Halbjahr rund 15 Prozent weniger als im Vorkrisenjahr 2018. Auch in anderen bedeutenden Wirtschaftszweigen sehen wir zweistellige Rückgänge. Für 2025 zeichnet sich in unserer Industrie keine Trendwende ab.“
Ein großes Problem der chemisch-pharmazeutischen Industrie bleibt der Auftragsmangel: Gut 40 Prozent der VCI-Mitgliedsunternehmen klagen laut einer aktuellen Verbandsumfrage darüber. Die Auslastung der Produktionsanlagen liegt bei 80 Prozent und damit unter der Rentabilitätsschwelle – und das bereits im dritten Jahr infolge. Wettbewerbsfähig zu produzieren, wird immer schwieriger. Das spiegelt auch die Handelsbilanz der Branche: Chemieexporte liegen unter Vorjahr, Importe sind hingegen um zwei Prozent gestiegen.
„Wir müssen jetzt im Schulterschluss schnell handeln und mutig vorangehen“, sagt Markus Steilemann und betont: „Der Standort Deutschland ist im internationalen Vergleich zu teuer.“ Das bestätigen die VCI-Mitgliedsunternehmen, die dafür überbordende Bürokratie, zu hohe Steuern, nicht wettbewerbsfähige Energiepreise, immense Arbeitskosten und hohe Rohstoffpreise verantwortlich machen. Dementsprechend schieben die Unternehmen mehrheitlich auch dringend nötige Investitionen auf.
Mittelfristig ist keine Besserung in Sicht. Deutschland ringt mit der dritten Rezession in Folge. Weder die Wirtschaftsinstitute noch die Mehrheit der VCI-Mitgliedsunternehmen erwarten in der zweiten Jahreshälfte 2025 einen konjunkturellen Aufschwung. Produktionsstilllegungen sowie die Verlagerung von Investitionen ins Ausland sind bereits Realität. Zudem steigt die Zahl der Insolvenzen in der Branche.
Für Zuversicht sorgt, dass zwei von drei Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie bereit sind, wieder zu investieren, wenn sich die Standortbedingungen in Deutschland und Europa bessern. „Die Industrie ist bereit, die Politik muss liefern“, fasst Steilemann zusammen.
Ein Umdenken sei in Berlin und Brüssel zu spüren. „Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Bürokratieabbau stehen wieder oben auf der politischen Agenda“, sagt der VCI-Präsident. Die junge Regierungskoalition hat dazu mit ihrem Sofortprogramm einen ersten wichtigen Schritt gemacht, der die Konjunkturhemmnisse anpackt. Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung das Ziel gesetzt, Deutschland zum führenden Standort für Chemie, Pharma und Biotechnologie zu machen. Das begrüßt Markus Steilemann: „Arbeiten wir zusammen an einer kraftvollen Chemieagenda. Einem Masterplan, der zur Blaupause für eine industriepolitische Gesamtstrategie werden könnte.
Aus VCI-Sicht sind fünf Handlungsfelder entscheidend:
- Ein konsequenter Bürokratieabbau:Laut ifo-Institut verliert die deutsche Volkswirtschaft jährlich 146 Milliarden Euro durch ausufernde Bürokratie. Für 88 Prozent der VCI-Unternehmen ist der Bürokratiedschungel das mit Abstand größte Standortproblem in Deutschland– vor Steuern oder etwa dem Fachkräftemangel.
2. Die Modernisierung der Schuldenbremse und Vorfahrt für Investitionen:Um eine fiskale Nachhaltigkeitslücke zu vermeiden, dürfen öffentliche Ausgaben nicht über das Maß der Generationengerechtigkeit hinausgehen. Zukunftsinvestitionen müssen Vorrang vor Gegenwartskonsum haben. Die Wirtschaftswende kann nur gelingen, wenn das Sondervermögen in nachhaltiges Wachstum überführt wird.
3. Die Energiewende erfolgreich gestalten: Sie darf nicht am eigenen Anspruch scheitern. Der angekündigte Monitoringbericht des Wirtschaftsministeriums muss die Basis für eine Kursbestimmung sein. Energiepolitik muss Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Bezahlbarkeit wieder ins Gleichgewicht bringen. Im Zentrum muss die Optimierung der Stromgesamtkosten stehen.
4. Resilienz und Innovationen stärken: Den Fokus auf industriepolitische Förderung von Zukunftstechnologien richten. Resilienz entsteht durch Diversifizierung: Bausteine sind das Abkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten sowie eine Grundsatzvereinbarung mit den USA. Zugleich braucht es Schutzmechanismen gegen unfairen Wettbewerb.
5. Die Chancen der EU nutzen: Eine Kapitalmarkt- und Bankenunion könnte wirtschaftliche Kräfte bündeln, Investitionen mobilisieren und Europa als globalen Finanzplatz positionieren. Die Ausgangslage stimmt: 450 Millionen EU-Bürger und mehr als 15 Billionen Euro an jährlicher Wirtschaftsleistung.
Die Weltordnung ist in Auflösung. China etabliert sich immer stärker als Supermacht. Nicht nur deshalb braucht Deutschland eine zukunftsträchtige Industrieförderung, um ein bis zwei Nasenlängen voraus zu sein. Was nicht gebraucht wird, ist Abstand. Hauptkonkurrenten der EU sind die USA und China. Eine konkurrenzfähige Wirtschaft in Europa sind auch die Voraussetzung für aktiven Klimaschutz. 150 Staaten haben niedrigere US-Zölle in Aussicht gestellt bekommen. Eine verlängerte Phase der Verbrauchersicherheit wird erforderlich sein. Industrien leiden weltweit an Kaufbereitschaft. Was die hohen Zölle für die lokale Wirtschaft der USA bedeuten, lässt sich nicht ohne weiteres abschätzen. Die Folgen werden in jedem Fall gravierend sein.
Der reduzierte Industriestrompreis lässt erkennbar werden, dass wir uns in einer Rezession befinden. Die Wirtschaft befindet sich in problematischer Lage. Deutschland ist ein rohstoffarmes Land, müssen deshalb im Großen umdenken. Jetzt sei es an der Zeit Masterpläne zu entwickeln, meint Markus Steilemann. Deindustrialisierung findet auf europäischer Ebene fast täglich statt. Insolvenzen nehmen vor allem in der Grundstoff-Industrie zu. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), erklärte, Rahmenbedingungen für die globale Transformation sind erforderlich, dann könne auf Subventionen weitgehend verzichtet werden. Subventionen wurden in Deutschland von 24,5 Mrd. Euro auf 2 Mrd. Euro gekürzt. Die Politik muss die weltweite Unsicherheit angehen, doch das liege außerhalb der Branche. Für einen Investitions-Booster sei es zwar zu früh, doch sei dieser zu begrüßen. Trotz hoher Rohstoff- und Energiekosten sind höhere Verbraucherpreise schwer durchzusetzen, lautet die Erkenntnis.
Eine der Schlussfolgerungen ist, wenn industrielle Wasserstoff Herstellung CO2-frei sein soll, ist mit erheblichen Energieverlusten zu rechnen. Eine andere bezieht sich auf KI in der chemischen Industrie, diese sei zwar Wachstumstreiber, doch müssten auch für kleinere Unternehmen zugänglich gemacht werden. Weiterer Kritikpunkt der Gegner sei nicht geopolitischer Natur, sondern die wuchernde Bürokratie. Nicht die Energiepreise sind das Problem, sondern die Vorschriften die damit verknüpft sind. Das heißt weniger Kontrolle und mehr Eigenverantwortung.
Zur Sprache kam der bevorstehende Wirtschaftsgipfel der Bundesregierung. Von dem jedoch nicht genau gesagt werden konnte, wer dorthin eingeladen ist. Markus Steilemann zeigt sich offen für Gespräche.


