Die Bilder von Michael Triegel faszinieren mich, seit ich dem Maler und seinen Arbeiten vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal begegnet bin. Sie sind ästhetisch und allegorisch. Sie strahlen Wärme aus, vor allem die Porträts der weiblichen Figuren, darunter die seiner Frau und Tochter. Es sind Bilder voller Liebe und Hingabe.
Bei Michael Triegel hat man den Eindruck, er male wie Raffael. Doch nie handelt es sich um bloße Imitation. Es sind Zitate, Anspielungen, Verbeugungen. Verbeugungen, die in ein vollkommen neues Gefüge hineingestellt sind, das sich häufig erst auf den zweiten Blick erschließt. Irritierend gebrochen, verschoben in der Zeit werden sie zum Ausdruck der fragenden, zweifelnden Weltsicht des Malers.
Der deutsch-deutsche Nachwende-Bilderstreit klingt in der Kunstwelt immer noch nach. Lange spottete der etablierte Galerie- und Museumsbetrieb über die „ästhetische Rückständigkeit“ der Maler der Leipziger Schule. Figürlichkeit, handwerkliches Können, kunsthistorische Kenntnis, Kontinuität – all das wurde im Vergleich zu westlicher Avantgarde und Konzeptkunst herablassend als „überholt“ und „in der Zeit stehengeblieben“ diskreditiert.
Dabei richten die Bilder Michael Triegels einen höchst zeitgenössischen Blick auf den großen historischen Zeitraum, den man fast vergessen hat und den der oft exklusive Fokus auf das Neue manchmal versperrt. Interessanterweise zeigt sich diese strenge Fixierung auf die Moderne besonders stark in der bildenden Kunst. In der Musik existiert sie in dieser Form nicht. Dort sind Zitate, spielerische Rückgriffe auf die Musikgeschichte, auf andere Komponisten und Werke seit jeher selbstverständlich und erweitern wesentlich die Ausdrucksmöglichkeiten.
In diesem Sinne nimmt Michael Triegel innerhalb der zeitgenössischen Kunst eine singuläre Stellung ein. Seine Bilder sind handwerklich von vollendeter Präzision und von altmeisterlicher Anmutung. Zugleich erzählen sie unmittelbar: unheimliche, wunderbare, bewegende und rätselhafte Geschichten.
Als mir Michael Triegel 2020 erzählte, er sei beauftragt worden, den vor 500 Jahren zerstörten Lucas Cranach Altar im Naumburger Dom zu vervollständigen, war mir sofort klar: Dieses einzigartige Projekt bietet die seltene Gelegenheit, den Künstler über einen langen Zeitraum hinweg mit der Kamera zu begleiten und ihn bei der Arbeit am bislang wichtigsten Werk seines Schaffens zu porträtieren.
So entstand TRIEGEL TRIFFT CRANACH – MALEN IM WIDERSTREIT DER ZEITEN, ein Film, der nicht nur den handwerklichen Prozess zeigt – wie der Künstler arbeitet, welche Techniken und Materialien er nutzt – sondern auch, wie seine Inspiration aus der Wahrnehmung der Welt um ihn herum erwächst. Zugleich ist der Film mein
Versuch, Michael Triegel in seinem Selbstverständnis und seiner künstlerischen Welt zu erfassen. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise zu einem Künstler, der Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise verbindet. Am Ende der Reise verlassen die fertigen Altarbilder das Atelier und werden nach 500 Jahren mit den Seitenflügeln von Lucas Cranach im UNESCO-Welterbe Naumburger Dom vereint.
Biografie
Emmy-Preisträger Paul Smaczny ist Dokumentarfilmer und Produzent und lebt in Leipzig. Er ist Autor preisgekrönter Filme wie „Entre-quatre-z-yeux (1998), „Multiple Identities – Daniel Barenboim“ (2001), „Claudio Abbado – Hearing the Silence“ (2003), „Knowledge is the Beginning“ (2006) International Emmy Award 2006, „El Sistema“ (2009), „Die Thomaner“ (2012), „John Cage – Journeys in Sound“ (2012), „Music, a Journey for Life – Riccardo Chailly“ (2014), „Zhu Xiao-Mei – How Bach Defeated Mao“ (2016), „Gidon Kremer – Die eigene Stimme finden“ (2018) und „When Music resounds, the soul is spoken to – Herbert Blomstedt“ (2022).
Paul Smaczny studierte Jura, Französische Literaturwissenschaften und Germanistik in Regensburg und Paris. 1986 war er Mitbegründer der französischen Film- und Theatergruppe „Le Grande Nuage de Magellan“ und arbeitete von 1987 bis 1989 als Dramaturg am Centre Dramatique National de Reims.
Seit 1989 ist er als Autor, Regisseur und Produzent tätig. 1995 übernahm er die Leitung des Produktionsbereichs bei EuroArts Music deren Geschäftsführer er war von 2000 bis 2009. Anfang 2010 gründete er mit Accentus Music die eigene Produktionsfirma mit Sitz in Leipzig.
Als Produzent und Regisseur konzentriert sich seine Arbeit auf große Dokumentarfilme im Bereich Musik, Künstler- und Orchesterporträts, sowie auf die Aufzeichnung von internationalen Konzert-, Opern und Ballett-Ereignissen.



