Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat Städel Museum Frankfurt vom 19. März bis 5. Juli 2026


Ein Küstenort wird zum Mythos – und fasziniert bis heute. Die Felsen von Étretat, in der Normandie an der Atlantikküste gelegen, zogen im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler in ihren Bann. Das Städel Museum präsentiert vom 19. März bis 5. Juli 2026 eine große Ausstellung über die künstlerische Entdeckung des einstigen Fischerdorfes und seinen Einfluss auf die Malerei der Moderne. In Frankfurt sind rund 170 herausragende Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente aus führenden französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen zu sehen, darunter allein 24 Werke von Claude Monet.

Claude Monet, Raue See, 1881

Der Küstenort spielte eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer neuen Malerei, die als Impressionismus in die Geschichte der Kunst einging. Das Interesse der Künstler galt vor allem der charakteristischen Klippenlandschaft, die als aufregend schön und bedrohlich zugleich wahrgenommen wurde. Maler und Schriftsteller reisten und machten den abgelegenen Ort durch ihre Werke über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt. Mit der zunehmenden touristischen Erschließung um 1850 entwickelte sich Étretat zu einem beliebten Seebad und zu einem Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und das Pariser Bürgertum: Gustave Courbet malte hier seine berühmten Wellenbilder, Guy de Maupassant erhob Étretat literarisch zu einem Sehnsuchtsort und der Gentleman-Gauner Arsène Lupin, die Romanfigur von Maurice Leblanc, hortete hier seine Kunstschätze. Auch der aufstrebende Maler Claude Monet war von der einzigartigen Steilküste mit ihren drei Felsentoren – der Porte d’Amont, der Porte d’Aval und der Manneporte – derart fasziniert, dass er ihr etliche Gemälde widmete. Unter dem Eindruck der sich stets verändernden Licht und Wetterverhältnisse begann Monet in Étretat Motivreihen zu malen – eine Arbeitsweise, die sich später zu seinem Markenzeichen entwickeln sollte.

Die Ausstellung vereint neben Werken von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Claude Monet und Henri Matisse eine Vielzahl weiterer wichtiger Positionen der modernen und zeitgenössischen Kunst – von Johann Wilhelm Schirmer und Eugène Le Poittevin über Camille Corot und Eugène Boudin bis hin zu Elger Esser. Gemeinsam verdeutlichen die Arbeiten die anhaltende Faszination, die dieser Ort bis heute ausübt. Die Leihgaben stammen unter anderem aus den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Fitzwilliam Museum in Cambridge, dem Metropolitan Museum of Art in New York, der National Gallery of Canada in Ottawa sowie dem Musée d’Orsay in Paris.

Den Auftakt der Ausstellung bildet eine immersive Projektion der Klippen von Étretat, die die monumentale Wirkung der Natur rund um die Küste erlebbar macht. Sie wurde auf Basis eines dreidimensionalen Scans des Ortes von dem Pariser Unternehmen ICONEM erstellt, das auf die Digitalisierung von gefährdeten Kulturund Naturgütern spezialisiert ist.

Étretats Entwicklung im 19. Jahrhundert – Fischerdorf, Seebad, Künstlerort

Bereits zur Zeit der Romantik erfreute sich die Alabasterküste bei Étretat großer Beliebtheit. Die ersten Darstellungen der Felsformationen zogen viele Künstler an, sodass sich das abgeschiedene Fischerdorf im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Zentrum für Literaten und Künstler entwickelte. Als einer der ersten Künstler hielt sich Eugène Isabey (1803–1886) für längere Zeit in Étretat auf und schuf zahlreiche Landschaftsaquarelle, die einen Eindruck von der Ursprünglichkeit des Ortes vermitteln. Johann Wilhelm Schirmer (1807−1863) fertigte in den 1830er-Jahren Ölstudien von Étretat an, die durch ihre scharfe Naturbeobachtung hervorstechen, während Eugène Delacroix (1798–1863) die Küste in stimmungsvollen Gouachen und Aquarellen festhielt.

Eugène Delacroix, Étretat, Porte d’Aval, um 1840 oder 1846

Zur gleichen Zeit machten reich illustrierte Reiseführer Étretat überregional bekannt und die Küste entwickelte sich zu einem beliebten Ziel für Touristen. Eugène Le Poittevin (1806−1870) zeigte in seinem Panorama Seebad in Étretat (1866) den frühen Badetourismus und feierte mit seinen Gemälden im Pariser Salon große Erfolge, die Étretat vor allem beim städtischen Publikum beliebter werden ließen. Le Poittevins Blick richtete sich auch auf den Alltag der Fischer, den er in romantisierenden Darstellungen wiedergab. Die Vielzahl an Darstellungen von Étretat sowie zeitgenössische Publikationen trugen maßgeblich zur Entstehung des Mythos rund um den Küstenort und dessen zunehmender Popularisierung bei. Die lokalen Lebensweisen und das Erscheinungsbild des Ortes veränderten sich grundlegend und Étretat wurde zu einem sozialen und kulturellen Raum, in dem sich Fischerdorf, Seebad und Künstlerort überlagerten und gegenseitig beeinflussten. Den berühmten Wellenbildern von Gustave Courbet (1819–1877) ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Ein Sturm, den der Künstler 1869 aus seinem Atelier in Étretat beobachtete, war Ausgangspunkt für eine Reihe von rund 20 Gemälden. In den Naturdarstellungen der Klippen und der rauen Wellen verzichtet Courbet sowohl auf erzählerische oder charakteristische Elemente des Ortes als auch auf die Darstellung der Bevölkerung. Er konstruiert bewusst eine künstlerische Realität, indem er den Bildraum durch Perspektivwechsel verfremdet oder verkürzt. Die Farbe trägt er nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Palettmesser auf – so entsteht eine raue, krustige Oberfläche, die mit den damaligen Regeln der akademischen Malerei bricht. Die beiden Gemälde mit dem Titel Die Woge aus der Städel Sammlung (1869) und aus dem Musée des Beaux-Arts de Lyon (1869/70) sind herausragende Beispiele dieser Werkgruppe und werden durch weitere hochkarätige Leihgaben wie Felsen von Étretat (um 1869/70) oder Die ruhige See (1869) ergänzt. Im Pariser Salon von 1870 feierte Courbet mit diesen Motiven einen beispiellosen Erfolg. Nachfolgende Künstler – darunter Monet – sollten sich an Courbets Werken messen.

Elger Esser, die Manneporte, 2000

Motiv für Pioniere der Fotografie

Bereits wenige Jahre nach der Erfindung der Fotografie wurde der Ort zu einem fotografischen Motiv. Eine der ersten Fotoserien von Étretat entstand 1852 und wurde vermutlich von dem Chemiker Alphonse Davanne (1824–1912) realisiert. Zehn Jahre später nahm er eine weitere Serie auf, deren großformatige Abzüge sich durch ihre technische Perfektion auszeichnen. Davanne hält in diesen seltenen Fotografien sowohl die eindrucksvolle Landschaft als auch den wachsenden Ort und den dicht mit Booten belegten Strand fest. Paul Gaillard (1832–1890) experimentierte parallel mit verkürzten Belichtungszeiten, um Bewegungen von Wellen und Badegästen festzuhalten. Die Fotografie hatte gleichzeitig Auswirkungen auf das Werk einiger Maler, wie etwa Anselm Feuerbach (1829–1880), dem lediglich eine Fotografie als direkte Vorlage für das Gemälde Das Felsentor. Manneporte bei Étretat (um 1860) diente.  Balthasar Burkhard (1944–2010) tritt mit seinen Momentaufnahmen von Wellen in die Fußstapfen von Courbet, während Elger Esser (*1967) in seinen nostalgischen, menschenleeren Fotografien wie Étretat (nach Schirmer) (2006) unter anderem auf den Maler Johann Wilhelm Schirmer Bezug nimmt.

Claude Monet, Étretat, Mer agitée, 1883

Zwischen 1864 und 1886 hielt sich Monet mindestens sechs Mal in Étretat auf. In dieser Zeit entstanden rund 80 Gemälde, mehrere Pastelle und eine Reihe von Zeichnungen, die bis heute den Blick auf den Ort prägen. Étretat bildet somit einen Schwerpunkt in Monets künstlerischer Auseinandersetzung mit der normannischen Küste. Zahlreiche Briefe zeugen von seinem Anspruch, sich von den bereits etablierten Darstellungen abzusetzen und etwas Neues zu schaffen. Nach seinen ersten Aufenthalten 1864 und 1868/69, kehrte Monet Anfang der 1880er-Jahre mit der Aussicht auf kommerziell erfolgreiche Motive mehrfach, meist außerhalb der Badesaison, an den Ort zurück. In den Gemälden, die in dieser Zeit entstanden, verzichtet der Künstler bewusst auf die mondäne Darstellung und konzentriert sich beim Malen im Freien auf die unmittelbare Wiedergabe seiner Eindrücke der Natur. Seine Malweise in scheinbar spontanen, rhythmischen Pinselstrichen und die feine Abstimmung der Farbwerte auf der Leinwand stehen exemplarisch für die impressionistische Malerei. Um unterschiedliche Wetter- und Lichteffekte festzuhalten, arbeitet Monet parallel an mehreren Gemälden. Étretat ist daher eng verbunden mit jener Form des seriellen Arbeitens, die zu einem Markenzeichen seiner Malerei werden und entscheidende Impulse für die weitere Entwicklung der modernen Kunst geben sollte. Werke dieser Schaffensphase wie Stürmisches Meer bei Étretat (1883), Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval (1885), Steilküste von Aval (1885) oder Étretat. Die Manneporte (1885/86) sind in der Ausstellung vereint. Monets Motive sprachen einen großen Käuferkreis an und trugen damit nicht nur entscheidend zu seinem künstlerischen Erfolg bei, sondern verstärkten auch den Mythos.

Felix Vallotton, der 14. Juli in Étretat, 1899

Monet und die Folgen

Étretats zunehmende Beliebtheit bei zahlungskräftigen Touristen eröffnete einen großen Absatzmarkt für Motive aus diesem Küstenort am Atlantik. Die Werke waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil in Ausstellungen und Galerien in Frankreich und lockten immer mehr Künstler an die Küste. Eugène Boudin (1824–1898) integriert Szenen aus dem Alltag der lokalen Bevölkerung in seine Landschaftsgemälde und zeigt so eine Facette des Ortes, die Monet in seinen zumeist menschenleeren Darstellungen ausklammert. Die Konzentration auf die erhabene Klippenlandschaft kennzeichnet auch das Werk zahlreicher Künstler, die in der Nachfolge von Monet nach Étretat kamen. Ihre Bilder sind unterschiedlichen Stilrichtungen zuzuordnen: von impressionistisch formauflösender Malerei bei Émile Schuffenecker (1851– 1934) über präzise Naturdarstellungen bei Paul Leroy bis hin zu Jean Francis Auburtins (1866–1930) großformatigen, durch japanische Farbholzschnitte inspirierten Aquarellen und Gouachen.

Henri Matisse, Étretat, die Wäscherinnen, 1920

Auch Gustave Caillebotte (1848–1894) war dort. In seinem Werk Mann im Arbeitskittel (1884) vermeidet er es jedoch, ortstypische Anhaltspunkte wiederzugeben. Im Sommer 1920 fertigte Henri Matisse (1869–1954) während zweier Aufenthalte in Étretat mehr als 40 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen an. Ein Großteil dieser Arbeiten wurde noch im selben Jahr in Paris ausgestellt und unterstreicht die anhaltende Beliebtheit von Motiven aus Étretat. In bewusster Auseinandersetzung mit den Gemälden von Courbet und Monet widmet sich Matisse der Küste aus verschiedenen Perspektiven – die Bilder erscheinen wie bei seinen Vorbildern meist menschenleer. Mit wenigen Strichen und reduzierter Farbpalette fängt er beispielsweise in Étretat. Die Fässer (1920) die charakteristischen Elemente des Strands ein.

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