Neue Dauerausstellung des DAM „Geschichten über das Bauen”

Wer seit 14. August 2026 das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt besucht, geht zugleich auf Entdeckungsreise durch die Architekturgeschichte. Die neugestaltete Dauerausstellung im 2. Stock des Hauses stellt neben Regalen mit offen ausgestellten Objekten und zugehörigen Wandtafeln zugleich auch mehrere sorgfältig verschlossene Vitrinen aus, große Schaukästen in denen Dioramen mit demonstrativen Beispielen der Geschichtsschreibung zu sehen sind. Die sind nicht neu, sondern nur auf das neueste arrangiert. Die Fluchtlinie der Zentralperspektive ist es, die Betrachter in sein Inneres hineinziehen will. Die Lichtverhältnisse der Dauerausstellung haben sich zugunsten von mehr Lichteinfall von Außen her geändert. Mehr Platz bedeutet mehr Freizügigkeit bei der Erkundung der neuen Etage im DAM. Mit mehr Aufenthalt, das geht jetzt auch in Gruppen.

Museumsdirektor Peter Cachola Schmal präsentiert am 14. August 2026 die neue DAM-Dauersusstellung im 2. Stock: „Geschichten über das Bauen“. Im Hintergrund das Diorama jungsteinzeitliche Siedlung Çatal Höyük
Foto (c) Kulturexpress

Seit Wiedereröffnung des DAM im Juni 2026 waren die neuen Räumlichkeiten im 2. Stock zugänglich. Schon Museumsgründer Heinrich Klotz wollte seit 1984 die Dauerausstellung haben. Sein Nachfolger Vittorio Magnago Lampugnani verschloss Ausstellungskisten mit Sperrholzplatten, da er mit deren Inhalten nicht einverstanden war. Erst Ingeborg Flagge eröffnete wieder ab den 2000er Jahren.

Es gehört schon eine gewisse Feinmotorik dazu, um dies alles zu bewerkstelligen, den Eindruck der Wirklichkeit in einer Vitrine einzufangen und den Moment mit Beiwerk auszustatten. Ausgebildete Konservatoren und Architekturhistoriker stehen hinter den Projekten, die bis in das kleinste Detail durchdacht sind, bevor sie ins Modell umgesetzt wurden. Neben handwerklichen Fähigkeiten zählt die akribische Arbeit und eine Menge Enthusiasmus dazu, um sich in ferne Welten hineinzuversetzen, die der Erforschung aus der Vergangenheit ihr Abbild geben. Für das Publikum entsteht im Bann der Zentralperspektive so ein Bild der Vergangenheit, das bis in die Gegenwart reicht und womit Aspekte der Zukunft aufgeworfen werden.

Kinder dürften bei diesem Anblick ins Staunen geraten, deren kritischer Blick ist gefragt, auf das was die Erwachsenen geschaffen haben, was sie im Gegensatz dazu besser machen würden, wenn Einblicke in eine weit zurückliegende Vergangenheit anschaulicher gemacht werden soll. Es geht um Fragen der Menschheit, wie der Mensch in Gemeinschaft gelebt hat, wie gebaut wurde und wie daraus Architektur entstanden ist. Welche Konstruktion mit welchen Hilfsmitteln erbaut ist. Welcher Anschein soll erweckt werden mit den historischen Bauten? Sei es eine schutzbedürftige, dörfliche Struktur auf einer Anhöhe oben auf dem Berg. Sei es ein Tempel in dessen Zentrum religiöse Riten zelebriert wurden, wodurch eine Gemeinschaft ihren Lebenssinn fand, um für sich die Existenzgrundlage zu schaffen ein friedvolles Auskommen und Weiterleben zu haben. Zahlreiche Orte wurden im Laufe ihrer Geschichte wieder verlassen, Ursache dafür sind mancherorts bis heute ungeklärt. Grund des Verlassens können kriegerische Auseinandersetzungen sein, ausgefallene Ernten und daraus resultierender Nahrungsmangel, ungünstige Wetterbedingungen oder Epidemien beigetragen haben. Am Beispiel Pompeji war es der Vulkanausbruch des Vesuv der, nach jetzigem Stand der Forschung, im Jahre 79. n. Chr. ausgebrochen ist und die Stadt unter sich begrub. Die Forschung ist bemüht, herauszufinden, wann und warum ein Ort verlassen wurde, obwohl dieser so faszinierend ist, dessen bauliche Relikte bis heute Architekturgeschichte geschrieben haben. In Bezug auf die Dioramen des DAM sollen Momentaufnahmen geschaffen werden. R.M.

Anne Scheinhardt in Dunkelrot kuratiert

Die neugestaltete Ausstellung „Geschichten über das Bauen” verbindet zwei Perspektiven: Elf historische Dioramen zeigen zehn prägende Beispiele der Siedlungs- und Architekturgeschichte – von der Vor- und Frühgeschichte bis in die 1980er-Jahre. Ergänzt werden sie durch eine Rückschau auf ausgewählte Ausstellungen des DAM. Modelle, Zeichnungen, Fotografien, Pläne und weitere Objekte aus der Sammlung machen sichtbar, mit welchen gesellschaftlichen, gestalterischen und ökologischen Fragen sich das Museum seit seiner Gründung auseinandergesetzt hat.

Die Auswahl der historischen Dioramen orientiert sich an vier übergeordneten Themensträngen: Siedeln und Infrastruktur, Architektur, Konstruktion und Baumaterial sowie Gesellschaft und Umwelt. Sie verbinden historische Beispiele mit gegenwärtigen Fragestellungen.

Die Dioramen erlauben einen besonderen Blick auf Stadt- und Architekturgeschichte. In ihren detailreichen, räumlichen Darstellungen werden unterschiedliche Maßstäbe, Bauformen und Lebenswelten unmittelbar erfahrbar. Sie zeigen nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch Straßen, Plätze, Landschaften und Infrastrukturen – und damit das komplexe Zusammenspiel, aus dem gebaute Umwelt entsteht.

Der zweite Teil der Dauerausstellung richtet den Blick auf die Geschichte des DAM selbst. Seit seiner Eröffnung hat das Museum internationale Entwicklungen ebenso behandelt wie die Architektur und Stadtentwicklung Frankfurts und der Region. Die ausgewählten Exponate erinnern an wegweisende Ausstellungen und machen deutlich, wie sich die Debatten über Wohnen, Mobilität, Konstruktion, öffentliche Räume, soziale Verantwortung und nachhaltiges Bauen verändert haben. Zugleich zeigen sie, dass viele dieser Fragen bis heute aktuell geblieben sind.

Rückseite Diorama London Slums um 1870. Durch die Vitrine geschaut in weißem Hemd, Kurator Ole W. Fischer.

Eine klare, zurückhaltende Ausstellungsarchitektur bringt die vielfältigen Inhalte miteinander in Beziehung. Ein farbliches Orientierungssystem macht thematische Verbindungen und Überschneidungen sichtbar und unterstützt Besucherinnen und Besucher dabei, eigene Wege durch die Ausstellung zu finden. Die Präsentation ist dabei bewusst nicht als abgeschlossene Erzählung angelegt: Neue Objekte und zukünftige Ausstellungen des DAM können das System fortlaufend ergänzen.

Die neugestaltete Dauerausstellung versteht Architektur nicht allein als Geschichte bedeutender Bauwerke. Sie erzählt vom Wohnen und Arbeiten, von Macht und Gemeinschaft, von technischen Innovationen und verfügbaren Ressourcen. Sie zeigt, dass gebaute Umwelt von vielen Menschen hervorgebracht wird – und dass die

Entscheidungen, die dabei getroffen werden, unser Zusammenleben langfristig prägen. „Wir freuen uns, dass wir nach fünf Jahren Schließung die Dauerausstellung endlich wieder eröffnen können. Mit mehr Licht, mit Ausblicken in die Stadt und barrierefreier Zugänglichkeit der Dioramen und Exponate – dazu noch Platz für Workshops im Rahmen unseres Vermittlungsprogramms,“ so der Direktor Peter Cachola Schmal.

Zu den Dioramen in den Vitrinen

Hügelhäuser in Çatal Höyük (Türkei), um 6.200 v. Chr.: Die jungsteinzeitliche Siedlung Çatal Höyük lag im einst fruchtbaren Schwemmland auf der anatolischen Hochebene. Das Diorama zeigt die Siedlung um 6.200 v. Chr. am Übergang von der nomadischen zur sesshaften Lebensweise mit Tierzucht und Getreideanbau. Die Häuser stehen eng beieinander, sodass sie zu einem dichten räumlichen Komplex verschmelzen. Die Menschen gelangten über die Dächer zu ihren Wohnungen. Es gab weder Paläste noch Tempel. Aus der Bebauung werden also keine sozialen Unterschiede ersichtlich.

Die Wände der Häuser wurden aus luftgetrockneten Lehmziegeln und einer hölzernen Trägerkon-struktion errichtet. Wahrscheinlich wurden sie regelmäßig neu verputzt. Bänke sowie niedrigere Plattformen wurden zum Schlafen genutzt. Unter ihnen fanden sich Gebeine. Die Nähe zu den Ver-storbenen war wie die Jagd von großer Bedeutung, wie die Bestattungsszene im Hausmodell links zeigt.

Eine Gruppe von Höfen bei Warendorf steht für die Vielzahl frühmittelalterlicher Dorfgemeinschaften außerhalb der Städte. Auf einem Südhang zur Ems bildeten um das Jahr 800 Wohnhäuser und Nutzbauten, wie Scheunen, Ställe und Schmieden, die Siedlung. Fast alle Gebäude sind in Ost-West-Richtung ausgerichtet, vermutlich um dem Westwind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Als „reine Bodenfundstätte“ wurde die Siedlung in den 1950er Jahren unweit von Münster ausgegraben. Das heißt, anhand der im Erdreich gefundenen Pfostenlöcher und wenigen Holzreste wurde das wahrscheinliche Aussehen des Ortes rekonstruiert. Spuren von Nutztieren ebenso wie Getreidereste lassen vermuten, dass die Bewohner Ackerbau und Viehzucht betrieben.

Östlich des Rheins war Holz das gängige Baumaterial. Stein wurde äußerst selten und nur für bedeutende Gebäude verwendet. Die Baustelle vorne rechts gibt Aufschluss über den Typus der Langhäuser mit einer einzigen Wohnhalle mit über 100 Quadratmetern und der Herdstelle im Osten. Senkrechte Pfosten, oft durch schräge Hölzer abgestützt, trugen die Dachkonstruktion und die Lehmverkleidung der Außenwände.

Diorama einer Gruppe von Höfen bei Warendorf, um 800 n. Chr.

Ergänzend zur Dauerausstellung des DAM wird das Diorama London Slums um 1870 (Atelier Ivor und Sigrid Swain, 1985) als Einzelobjekt und vollansichtig im Ausstellungsbereich Haus-im-Haus neu präsentiert. Das Diorama ist eines von ursprünglich 23 dreidimensionalen Schaukästen. Es basiert auf einem Holzschnitt: Over London by rail des französischen Künstlers Gustave Doré aus der Druckserie London. A Pilgrimage des englischen Autors William Blanchard Jerrold (zuerst in einer Zeitschriftenserie und 1872 als Buch erschienen).

Die Modellbauer Ivor und Sigrid Swain griffen bewusst auf illusionistische Techniken aus dem Kulissenbau zurück, was eine Besonderheit dieses Dioramas darstellt – eine Eigenheit, die in der Kabinettausstellung thematisiert werden soll. Durch das gezielte Umschreiten des Modells offenbart sich dessen Konstruktionsweise in perspektivischer Verkürzung.

Das Verlassen der ursprünglich rein frontalen Ansicht, begleitet von zusätzlichen Ausstellungsobjekten, eröffnet zudem neue Blickwinkel auf Dioramen als Medien der Architekturvermittlung, die Entstehungsgeschichte der Dioramen und dem Inhalt des Modells, die Londoner Slums zu Zeiten der Industrialisierung (um 1870). Ausgestellt werden die Stiche aus dem Buch von Doré und Jerrold, Archivdokumente von Museumsgründer Heinrich Klotz, die seine Wahl des Vorbildes und Intention die „Lage der arbeitenden Klasse in England“ (Friedrich Engels) darzustellen, verdeutlichen, sowie eine Schnittzeichnung durch das Diorama zur Illustration der perspektivischen Verkürzung.

Statt einer erhöhten Ansicht in der alten Wandvitrine wird das Diorama niedriger und von allen vier Seiten sichtbar präsentiert. Auf die Weise können alle Ausstellungsbesuchenden das Modell besser sehen und eine umfängliche Einsicht in die Bauweise des Dioramas erlangen, stellvertretend für alle anderen in der Dauerausstellung. Ein Spiegel oberhalb des Modells erlaubt neue Einblicke in die zahlreichen Details, wie die Häuser der Slums und deren Bewohner*innen – gemäß dem Zitat von Jerrold „behind the scenes of the poorest neighbourhoods“.

Das Ausstellungskonzept wurde von Studierenden im Rahmen eines Seminares zur Architektur-vermittlung an der Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart im Sommersemester 2025 erarbeitet. Zusammen mit Anne Scheinhardt und Ole W. Fischer haben Gernot Gleiss, Julia Harr, Sophie Kleppin und Samuel Klinge in Sitzungen am DAM und in Stuttgart rasch erkannt, dass das Diorama selbst die Hauptrolle dieser Kabinettausstellung spielen soll und es entsprechend in das Zentrum der kuratorischen Überlegungen gestellt.

Kuratorische Leitung: Ole W. Fischer (abk – Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart), Anne Scheinhardt (DAM – Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt)

Konzept und Texte mit Studierenden der abk Stuttgart: Gernot Gleiss, Julia Harr, Sophie Kleppin, Samuel Klinge