Ödön von Horváth (1901-1938) befasst sich in seinem Werk mit elementaren Erfahrungen des Menschseins. In seinen Theaterstücken und Romanen gewährt er nicht nur Einblick in die Gefühls- und Seelenlage seiner Zeitgenossen, sondern behandelt Fragen, die auch heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, aktuell geblieben sind: Wie verhält sich der Mensch, wenn Druck auf ihn ausgeübt wird? Was ist die Liebe? Wovor haben die Menschen Angst? Was macht sie gewalttätig? Woran halten sie sich, wenn ethische Werte als überholt gelten und Lüge und Dummheit sich breit machen? Wie ist überhaupt eine Erziehung von Jugendlichen zum Humanismus möglich, wenn ihnen maßgebliche Moralbegriffe fremd sind? Welche psychischen und gesellschaftlichen Bedingungen begünstigen die Ausformung einer faschistischen Gesinnung? Wie soll man sich in einer anscheinend gottverlassenen Welt verhalten, wenn man um das Gute weiß, doch beständig Zeuge des Bösen wird? Diese und ähnliche Fragen, von denen einige im Folgenden erörtert werden, bestimmen u. a. auch Horváths Roman Jugend ohne Gott (1937).

Zentrales Thema vieler Stücke Horváths ist der »gigantische Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft«: In der Randbemerkung zu dem Theaterstück Glaube Liebe Hoffnung (1932) bezeichnet er diesen Kampf als das »ewige Schlachten, bei dem es zu keinem Frieden kommen soll – höchstens, daß mal ein Individuum für einige Momente die Illusion des Waffenstillstandes genießt«. In seinen Werken bestimmen skrupelloses Macht- und Kommerzdenken die zwischenmenschlichen Beziehungen. »[E]ine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was von einander hat«, heißt es etwa in dem Volksstück Geschichten aus dem Wienerwald (1931). Und in Jugend ohne Gott wendet der Lehrer bei einer Unterredung mit dem Schuldirektor ein, dass einzig und allein das Geld regiere.

Wiewohl die gesellschaftskritische Einstellung des Lehrers, etwa gegen das Erziehungs- und Bildungswesen, die Medienpolitik, gegen soziale Ungerechtigkeiten und gegen die Haltung der Kirche, aus seinen Gedankengängen zu schließen ist, verhält er sich zunächst aus Angst vor dem Verlust seiner materiellen Existenzbasis und im Zuge einer religiös-moralischen Krise konformistisch und verrät dabei seine humanistische Grundeinstellung. Die Schule, in der er lehrt, ist zu einem Werkzeug der herrschenden Diktatur verkommen. Ihre Aufgabe ist es, die Gymnasiasten zu Rassenhass, unbedingtem Gehorsam und zum Krieg zu erziehen. Jeglicher Individualismus muss unterdrückt werden, um ihnen Gemeinschaftssinn, absoluten Gehorsam, totale Unterordnung und Selbstaufgabe einimpfen zu können. Liebesbriefe, Gedichte, Tagebücher, Selbstreflexion, sexuelle Neugier, erste Liebe haben im totalitären Staat keinen Platz.

Der Lehrer bemerkt zwar die zunehmende Geringschätzung ethisch-zwischenmenschlicher Normen und die Destruktivität seiner Zöglinge, die selbst elementare Regeln der Fairness und des Anstands missachten, doch anstatt Gegenstrategien zu entwickeln, reagiert er zunächst nur resignierend und misanthropisch. Der Preis für die allgemeine Unterwerfung und Selbstaufgabe ist allerdings hoch: »Wir sind alle verseucht, Freund und Feind. Unsere Seelen sind voller schwarzer Beulen, bald werden sie sterben. Dann leben wir weiter und sind doch tot«. So leistet auch die Schule bei Horváth ihren Beitrag zur geistigen und sittlichen Verwahrlosung der Jugend.

Da die Erwachsenen kapitulieren, kann das entstehende Wertevakuum von den hohlen Phrasen, rassistischen Sentenzen und chauvinistischen Schlagworten der massenmedial vermittelten Propaganda aufgefüllt werden. Wer mit vorgefertigten und inhaltsleeren Sprachmustern aufgewachsen ist, kann nur unter Mühen eine eigene Individualität und Identität entwickeln. Denk- und Urteilsvermögen werden eingetauscht gegen einen unspezifischen Formelschatz, aus dem sich wahllos zitieren lässt.

Horváths Hauptkritik richtet sich freilich nicht nur gegen den Lehrer, der mit summarischen, simplifizierenden Verurteilungen der Schüler aufwartet, sie politisch dämonisiert und über die Buchstabenkürzel entindividualisiert, sondern auch gegen die Eltern der Jugendlichen: Die Familie als wichtigste Sozialisationsinstanz hat augenscheinlich versagt. Niemand steht der heranwachsenden Generation beim Übergang in den Erwachsenenstatus und beim Aufbau eines stabilisierten Identitätsgefühls bei. Die Eltern – entweder dezidierte Anhänger der Diktatur oder stillschweigende Gegner ¬– verhalten sich egoistisch oder sind nur mit sich selbst beschäftigt. Ein wirkliches Familienleben findet nicht statt. Das zeigt sich insbesondere bei Z (im Film „Zach“) und seiner Mutter. Hinter der Fassade bürgerlich-wohlgeordneter Verhältnisse kommen eine zänkische, egozentrische, eifersüchtige und larmoyante Frau, die nur verächtlich von ihrem verstorbenen Mann spricht, und ein seelisch vernachlässigter und vereinsamter Junge zum Vorschein. Ähnliche Verhältnisse herrschen in der großbürgerlichen Familie von T (im Film: „Titus“), dessen Eltern über ihren Geschäften und Vergnügungen keine Zeit für ihren Sohn finden. Nicht aus einem Affekt heraus – aus Hass, Neid oder Ablehnung – bringt T schließlich kaltblütig seinen Mitschüler um, sondern aus fast ›wissenschaftlicher‹ Neugierde und in der zynischen Absicht, einen Menschen sterben zu sehen.

Verantwortlich für die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen sind die Erwachsenen: »Denn nicht nur die Jugend, auch die Eltern kümmern sich nicht mehr um Gott. Sie tun, als wär er gar nicht da«, meint der Inhaber eines Zigarettengeschäftes. Dort begegnet dem Lehrer Gott.

In Jugend ohne Gott ist die Suche der Hauptfigur nach Wahrheit eng mit der Suche nach Gott verbunden, daher wird auch die zeitkritische Perspektive des Buchs zunehmend von theologisch-metaphysischen Gedankengängen überlagert. Die Diskussion zwischen Lehrer und Pfarrer bildet dabei den Ausgangspunkt dieser zeitweise wie eine Heiligenlegende anmutenden ›Bekehrungsgeschichte‹. Der Pfarrer führt Gott als »das Schrecklichste auf der Welt« ein. Der Lehrer macht sich diese Vorstellung zunächst zu Eigen; Gott erscheint ihm als »furchtbar« und »erbärmlich«, weder gut noch gerecht. Zum Zeitpunkt des Prozesses hat sich seine Distanz zu Gott bereits wesentlich verringert, doch er »mag ihn nicht«. Indem er bei der Gerichtsverhandlung unter dem Eindruck seiner Epiphanie, der Gottesvision, die Wahrheit offenbart, indem er seinem Gewissen folgt, ohne Rücksicht auf Nachteile für sich selbst, verliert er nicht nur die Furcht vor Gott und die Angst vor den Reaktionen seiner Umwelt, sondern er kann sich auch aus seiner Isolation und Handlungsunfähigkeit befreien.

Zugleich durchbricht er mit seinem Zeugnis vor dem Tribunal den Kreislauf von Schuld und neuem Unrecht. Die Wahrheitsliebe des Lehrers, das Bekenntnis des eigenen Versagens und der Verstrickung in Schuld, das Bewusstwerden der Verantwortlichkeit vor einer transzendenten, göttlichen Instanz ermutigen nicht nur Eva zu einer Änderung ihrer Aussage, sondern auch mehrere seiner Schüler, auf eigene Faust nach dem Mörder zu suchen.

Das Geständnis und der Selbstmord des T, dessen kalte Augen auf Gewissenlosigkeit und damit auf Gottesferne schließen lassen, bestätigen »das neugewonnene Vertrauen des Lehrers auf Gottes Hilfe und Gerechtigkeit«. Am Ende des Romans, nach der Katharsis des Lehrers, seiner Läuterung und Erlösung, hat sich sein ehemals rational begründeter Moralbegriff zu einem religiös bestimmten gewandelt und er hat wieder zu Gott gefunden: »So schaut Gott zu uns herein, muß ich plötzlich denken. [. . .] Denn Gott ist die Wahrheit«.

Ödön von Horváth fühlte sich in seinem gesamten literarischen Schaffen der Wahrheit ver-pflichtet. In der Gebrauchsanweisung schreibt er: »Es gibt für mich ein Gesetz und das ist die Wahrheit«. Die Wahrheit offen zu legen heißt für ihn, das Bewusstsein seiner Figuren zu de-maskieren.

Text: Dr. Elisabeth Tworek

Siehe auch: Die Gestalt des jungen Menschen im deutschen Roman der Nachkriegszeit von Ernst Erich Noth aus dem Jahre 1933, erschienen im glotzi Verlag 2001

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