Gibt es eine persönliche Verbindung für Sie zu OSTWIND? Waren Sie vertraut mit der Reihe? Haben Sie eine Verbindung zu Pferden?

Mich reizt immer das Neue. Ich sah hier die Chance, einen Film für Kinder und Jugendliche zu machen, der auch Erwachsenen etwas bedeutet. Natürlich war mir OSTWIND als Marke bekannt, ich wusste, dass es OSTWIND gibt und dass die Filme sehr erfolgreich sind. Aber die Filme selbst kannte ich nicht, als ich die Anfrage erhielt, ob ich nicht Lust hätte, OSTWIND – ARIS ANKUNFT zu drehen. Ich bin auf dem Land groß geworden. In unmittelbarer Nähe gab es einen Pferdestall. Alle meine Geschwister und ich sind in unserer Kindheit und Jugend geritten und auch jährlich in die Reitferien gefahren. Ich mag Pferde sehr. Es sind so schöne, sensible gut riechende Tiere …

Worin sehen Sie den ureigenen Reiz von OSTWIND? Was gefällt Ihnen an den Filmen, mit denen Katja von Garnier den Kosmos sehr stark geprägt hat?

Das Faszinosum an diesen ja doch sehr großen Tieren ist, dass sie eine unglaubliche Magie auf kleinere und größere Mädchen ausüben. Ich schätze Katja von Garnier als Kollegin sehr. Man spürt, dass sie eine starke Verbindung zu Pferden hat. Und das ist das Herz der Filme. Die Verbindung vom Menschen zum Pferd. Von Mika zu Ostwind und in meinem Fall von Ari zu Ostwind.
Aris Ankunft zeigt auf sehr behutsame und humorvolle Art, wie sich über die Beziehung von einem jungen eigenwilligen Mädchen zu einem ebenso eigenwilligen Pferd neue Wege und Perspektiven auftun.

Was hat Sie gereizt, bei ARIS ANKUNFT an Bord zu kommen? Was gefiel Ihnen an dem Stoff?

Es war Weihnachten, als man mir das Drehbuch und den Roman zuschickte. Meine Nichten und Neffen, mit denen ich Weihnachten feierte, sahen das Buch. Sie waren völlig aus dem Häuschen. Da wurde mir erstmals so richtig bewusst, wie groß diese Marke ist – vor allem aber, dass sie Kinder und Jugendliche offenbar auf eine ganz besondere Weise anspricht. Der Ausschlag für meine Zusage war dann aber, dass mich das Drehbuch berührte. Es vereint Humor, Trauer, Spannung, Charakterdarstellung und komplexe Handlungsstränge. Und es führt eine neue jüngere Heldin ein. Besonders das hat mich überzeugt, diesen Film zu machen. Alles in allem berührte mich das Drehbuch und die Herausforderung des Projekts. Das war entscheidend.

Wie geht man heran an den vierten Teil einer Reihe, die bereits über eine riesige Fangemeinde verfügt? Wie macht man einen solchen Stoff zu dem eigenen? Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben: Das ist mein Film?

Wie ich bereits erwähnt habe, war für mich das Einführen einer neuen Hauptfigur ausschlaggebend. Das hat mich gereizt. Das Einführen einer neuen Hauptfigur ermöglichte mir einen größeren Interpretationsspielraum und die Möglichkeit in einer etablierten Filmreihe meine Handschrift einzubringen, so wie es sich die Produzenten gewünscht haben. Es sollte „frischer Wind“ wehen und mit der neuen Hauptfigur Ari, einem 11-jährigen Mädchen gab es den Wunsch, wieder das jüngere Publikum ein bisschen verstärkt anzusprechen. In eine bestehende Filmreihe einzusteigen, ist ein Kompromiss. Die Herausforderung besteht darin, die eigene Stimme nicht zu verlieren, sondern ganz im Gegenteil: sie einzubringen! Ich kann Filmprojekte nur dann annehmen und umsetzen, wenn sie schlussendlich auch meine Handschrift tragen. Es fängt bei dem Casting und Inszenieren der Schauspieler an, Szenenbild, Kameraführung, Kostüm, Maske, Musik und Sounddesign. Alle künstlerischen Elemente verändern sich mit dem Wechsel zu einer neuen Regisseurin. Ich habe im Hinblick auf die vergangenen Folgen versucht, der Reihe Ostwind treu zu bleiben und trotzdem auch etwas Neues zu entwickeln.

Und gleichzeitig: Worauf muss man achten, wenn man einen OSTWIND-Film macht? Was sind die wichtigen Zutaten? Was muss dabei sein – und was ist verhandelbar?

Wie bei jedem meiner Filme, stehen die Schauspieler im Zentrum meiner Arbeit. Und in diesem Fall auch ein Pferd. Es gibt glaube ich keine spezifischen „Ostwind-Zutaten“. Jedoch ist es eine Aufgabe, einer bestehenden Filmreihe „treu“ zu bleiben und gleichzeitig etwas Eigenes zu machen. Das Herz jedes guten Films sind die guten Schauspieler, die die Emotionen beim Zuschauer wecken müssen. Voraussetzung dafür ist natürlich ein gutes Buch. Bei einer bestehenden Filmreihe gibt es Unverrückbares, aber es geht um die Farbgebung, um Mut und darum, die eigene künstlerische Herangehensweise mit der einer kommerziellen Kino-Spielfilmreihe zu verbinden.

Überhaupt waren Sie die „Neue“ in einem eingespielten Team. Wie war es, zur „Familie“ zu stoßen? Fiel es Ihnen leicht, Fuß zu fassen? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit SamFilm und Lea Schmidbauer?

Es ist eine Herausforderung in eine bestehende Filmreihe mit einem Filmteam einzusteigen, das schon zahlreiche Filme zusammen gemacht hat. Deswegen war es mir wichtig, einige Departments neu zu besetzen. Ich habe sehr viel aus diesem Filmprojekt gelernt. Zum einen war es eine große technische Herausforderung, zum anderen die für den Film förderliche Dynamik des Filmteams zu stärken. Wie üblich hat man Zeitdruck, dazu Kinder und Tiere. Die Königsdisziplin sozusagen. Unter diesen Umständen stets inhaltlich fokussiert zu bleiben, ist die Aufgabe. Ich bin mir treu geblieben und es ist ein guter Film geworden und das ist für mich das Wichtigste.

Worum geht es in OSTWIND – ARIS ANKUNFT? Was sind die Themen? Was wird über die Story hinaus erzählt und vermittelt?

Aris Ankunft ist nicht nur ein Kinder- und Jugendfilm, sondern eben auch in seiner Botschaft ein Film für Erwachsene. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist eine besondere Herausforderung für mich als Regisseurin. Ein spannendes und unterhaltsames Genre, nicht zuletzt, weil ich auch ein Kind vom Land bin und die Verbindung von Tier und Mensch als sehr bewegend empfinde. Die bisherigen Ostwind-Filme waren sowohl für Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene unterhaltsam. Und das finde ich spannend. Entscheidend für mich war die Einführung einer völlig neuen Figur: die zwölfjährige Ari, die es mir ermöglicht, ein neues Kapitel innerhalb dieser Reihe zu erzählen. Ari ist ein eigenwilliges, unangepasstes Mädchen, die ihren Platz in der Welt erst noch finden muss. Ostwind hilft ihr dabei. Nicht nur sich selbst besser kennenzulernen und Selbstvertrauen aufzubauen, sondern auch Verantwortung zu übernehmen. Ari wird zu dem Pferdegestüt geschickt um „resozialisiert“ zu werden. Die Faszination zu Ostwind lässt ihren Ehrgeiz erwachen, reiten zu lernen und sich dem Tier behutsam zu nähern. Doch vorher muss sich Ari in Geduld, Präzision und Gleichgewicht üben und viele Widerstände meistern. Sie wird ganz auf sich selbst zurückgeworfen, um die Kraft zu haben, sich dem Pferd zu nähern und über sich hinauszuwachsen. Ostwind schenkt Ari zum ersten Mal das Gefühl von Zugehörigkeit und gebraucht zu werden. Diese Thematik empfinde ich als sehr lebensnah und entscheidend für eine gelungene Entwicklung in der Kindheit und Pubertät. Aris Ankunft zeigt auf sehr behutsame und humorvolle Art, wie sich über die Beziehung von einem jungen eigenwilligen Mädchen zu einem ebenso eigenwilligen Pferd neue Wege und Perspektiven auftun.

Ari wird von der – großartigen! – Luna Paiano gespielt. Wie sind Sie auf sie aufmerksam geworden? Was hat Ihnen an ihr gefallen? Wie war die Arbeit mit ihr? Was war einfach, woran mussten Sie feilen?

Die Figur der Ari zu finden, empfand ich als Herausforderung und wichtigen Teil meiner Regiearbeit. Ziel des Castings war es, eine außergewöhnliche, mutige junge Schauspielerin zu finden, in der Zartheit und Kraft steckt und die Lust hat, sich auf eine Reise zu begeben. Denn es ist nicht nur der Charakter Ari, der sich entwickelt, sondern eben immer auch das Weiterentwickeln und Formen von Jungschauspielern, in diesem Fall: Luna Paiano. Es bedeutet die intensive Auseinandersetzung mit der Figur aber eben immer auch mit sich selbst. Ich wurde vor dem Casting durch einen befreundeten DOP Felix Novo d’Oliveira auf Luna aufmerksam. Er hatte mit ihr Papa Moll gedreht und zeigte mir einen Filmausschnitt. Als ich Lunas Gesicht sah, erkannte ich sofort die Ari in ihr. Es stand für mich fest, dass ich sie gerne zum Casting einladen würde. Das haben wir dann auch getan und obwohl wir uns sehr viele andere Mädchen aus unterschiedlichen deutschen Städten angeschaut haben, war der erste Instinkt genau der richtige. Was Luna unterschied von den anderen Mädchen war, dass sie sehr viele der Charaktereigenschaften der Ari schon in sich trägt und sie sich nicht noch erarbeiten muss, und das schafft eine unglaubliche Natürlichkeit im Spiel. Obwohl sie zuallererst nicht die ideale Besetzung für die Produktion zu sein schien, da sie aus der Schweiz kommt. Luna hat mich jedoch bei unserem ersten Treffen gleich begeistert und es war für mich klar, dass sie die Ari ist, die ich gesucht habe. Glücklicherweise sah das die Produzentin genauso. Luna hat keine Text oder Verständnisprobleme, sie hört sehr gut zu und spürt in sich hinein. Für mich ist sie ein echtes Naturtalent! Sie musste ja nicht nur Hochdeutsch lernen, sondern auch Reiten und Bogenschießen in sehr kurzer Zeit. Eine große Herausforderung für so ein junges Mädchen! Es war für mich wirklich jeden Tag von Neuem eine Freude, mit Luna Paiano zusammen zu arbeiten. Ihr Talent, ihre Authentizität und ihr herzlicher Charakter sind wirklich ein Quell der Motivation gewesen. Wie mit allen meinen Jungschauspielern pflege ich auch hier eine enge Beziehung, wir tauschen uns nach wie vor aus und sind in regen Kontakt.

Überhaupt der Dreh: Worauf haben Sie sich am meisten gefreut? Wovor hatten Sie am meisten Bammel? Lief alles nach Ihren Vorstellungen ab? Was waren die größten Herausforderungen?

Ich habe in meinem ersten Kinospielfilm „4 Könige“ bereits mit Jugendlichen, wie Jella Hase, Paula Beer, Jannis Niewöhner und Moritz Leu zusammengearbeitet, aber mit einem 11-jährigen Mädchen zu drehen, ist doch noch einmal eine ganz andere Herausforderung und Freude! Hinzu kommt das Drehen mit Tieren, in diesem Fall Pferden. Wildpferde und sogenannte Filmpferde. Und gewöhnlich tun Pferde erst einmal nicht alles, was man von Ihnen möchte. Und auch Luna hatte ihre begrenzte Zeit. So stellt es einen in der Schauspielarbeit aber auch technisch und zeitlich vor extreme Herausforderungen. Das Casting der Darstellerinnen und Darsteller für die weiteren Rollen, insbesondere die Entscheidung für Lili Epply und Sabin Tambrea als Antagonisten, sowie Meret Becker als Jugend/Sozialarbeiterin haben mich darin bestärkt, einen Film zu machen, der sowohl für Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene funktioniert. Meine größte Freude ist tatsächlich immer die Arbeit mit meinen Schauspielern und in diesem Fall auch mit den Pferden.

Ist ARIS ANKUNFT der Film geworden, den Sie machen wollten? Wie schätzen Sie die Erfahrung ein? Was soll das Publikum Ihrer Meinung nach aus dem Film mitnehmen? Wer ist das Zielpublikum?

Nicht ohne Widerstände ist es ein Film geworden, auf den ich sehr stolz bin. Das Thema der Geschichte und auch der Blick durch die Augen der Jugendlichen bieten Komisches und Trauriges zugleich. Ich bin davon überzeugt, dass diese klassische, teilweise märchenhafte Erzählweise junge, aber auch durchaus erwachsene Zuschauer berührt und unterhält. Die Verbindung der zwei „Außenseiter“, dem Mädchen Ari und dem widerspenstigen traumatisierten Pferd Ostwind sowie das Wiedererlangen von verloren geglaubten Selbstvertrauen und Vertrauen in Andere bieten dem Kinopublikum einen Anknüpfungspunkt. Man kann nur über sich hinauswachsen, wenn man sich selbst vertraut und das Vertrauen der Erwachsenen, aber auch der Menschen um sich herum bekommt. Die Verantwortung, die Ari für Ostwind erhält, lässt sie über sich hinauswachsen und gibt ihr die Möglichkeit, ihr Potenzial auszuschöpfen und sich persönlich weiterzuentwickeln. „Ostwind – Aris Ankunft“ wird durch das Einführen einer jungen, ungewöhnlichen Protagonistin einen Neustart erleben. Meine Erzählweise wird dies visuell, aber auch und v.a. in der intensiven Schauspielführung mit Luna Paiano als Ari, den anderen Jugendlichen sowie den beiden starken Antagonisten Sabin Tambrea und Lili Epply unterstützen. Der Film soll das junge, aber auch erwachsene Publikum bewegt und beglückt zurücklassen. Und schließlich auch zum Nachdenken anregen.

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