Interview mit Tom Schilling (Kurt Barnert), Interview mit Sebastian Koch (Professor Carl Seeband), Interview mit Oliver Masucci (Professor Antonius van Verten), Interview mit Saskia Rosendahl (Elisabeth May) und Interview mit Christine Strobl (Koproduzentin)

Interview mit Tom Schilling (Kurt Barnert)

Wie kamen Sie zu WERK OHNE AUTOR?

Tom Schilling (Kurt Barnert)

Das Drehbuch hat mich sofort total überzeugt. Es ist wunderbar ausgeklügelt und extrem schlüssig. Die einzelnen Puzzleteile greifen perfekt ineinander und ergeben am Ende ein großes Bild, das mehr ist als nur die Summe seiner Einzelteile. Maßgeblich interessant für einen Schauspieler ist natürlich auch, wer Regie führt. Auf die Arbeit mit Florian von Henckel von Donnersmarck, ein absoluter Könner und Meister, habe mich sehr gefreut. Gleich beim Lesen dachte ich, dass es eine Rolle für mich ist. Es geht mir nicht oft so, dass ich sage: „Da bin ich der Richtige, das muss ich spielen.“ In diesem Fall sprang der Funke sofort über. Es gab aber auch eine persönliche Komponente, die wichtig war: Ich wollte eigentlich nie Schauspieler werden, sondern hatte eigentlich davon geträumt, eines Tages einmal Maler zu werden. Insofern konnte ich mir jetzt einen lange gehegten Wunschtraum erfüllen.

Warum sind Sie dann zur Schauspielerei gewechselt?

Das lag nur daran, dass ich auf dieser Ebene viel schneller Zuspruch erfahren habe. Meine Kunstlehrerin in der Schule hatte bei mir ein überdurchschnittlich hohes zeichnerisches Talent festgestellt. Sie hat mich gefördert, und ich besuchte Volkshochschulkurse und habe Kurse belegt. Gleichzeitig habe ich aber auch schon sehr früh angefangen, in Filmen mitzuspielen, zunächst eher noch widerwillig. Da kam dann aber eins zum anderen und die Leute mochten sehr, was ich gemacht habe, während ich mit meiner Kunst nicht so viele Menschen erreicht habe.

Worum geht es also in WERK OHNE AUTOR?

Um einen jungen Künstler, der im Nationalsozialismus aufwächst, durch die Kriegsjahre stark traumatisiert wird und danach in der DDR den Entschluss fasst, Künstler zu werden und dort studiert. Schnell stellt er fest, dass er mit dem künstlerischen Dogma des sozialistischen Realismus auf Dauer nicht glücklich wird. Deshalb fasst er den Entschluss, in die BRD zu fliehen und dort zu versuchen, seine Kunst zu entwickeln, sich selbst zu finden als Künstler.

Gelingt ihm das?

Sein Lehrer van Verten ist der Katalysator. Er ist der Brandbeschleuniger für das, was eh schon in Kurt Barnert gärt. Van Verten, gespielt von Oliver Masucci, ist es, der ihm klar macht, dass es nicht um Äußerlichkeiten geht, nicht um eine Ästhetik, nicht um eine Form, sondern dass es ein innerlicher Prozess ist, die richtige und echte, wahre Kunst zu finden.

Wie würden Sie Kurt beschreiben?

Kurt ist ein klassischer Beobachter. Er ist der Typ, der sich zurückhält und ganz genau schaut, ohne zu bewerten, vielleicht sogar alles einsaugt und auf seine Art und Weise verarbeitet. Eine wichtige Rolle spielt seine Tante Elisabeth, die ihn in jungen Jahren mit ins Museum nimmt und seine Begeisterung für Kunst weckt. Sie ist es, die ihm sein Lebensmotto oder sein Mantra mit auf den Weg gibt, das er dann auch tatsächlich lebt: Niemals die Augen zu verschließen! Daher kommt wohl diese unglaubliche Gabe für Beobachtung, mit der er durch die Welt geht und die Dinge aufnimmt.

Elisabeth ist also eine Schlüsselfigur?

Obwohl seine Tante früh stirbt, ist sie doch immer lebendig in seinem Kopf. Sie ist eine Leitfigur, die ihm die Kraft gibt, an sich selbst zu glauben. Seiner Tante war es immer wichtig, dass der kleine Kurt wächst und gedeiht, dass er blühen und das leben kann, was aus ihm herauskommt. Das ist sehr wichtig für ihn, und er hat das so verinnerlicht, dass er diese Worte von ihr immer im Kopf hat und er alles auch mit ihren Augen betrachtet: das Schöne wie das Hässliche, das Leid wie das Glück. Tante Elisabeth ist ein wichtiger Pfeiler in seinem Leben.

Wer ist sonst noch wichtig für ihn?

Seine Frau natürlich, Ellie, seine große Liebe, aus der er immer Kraft schöpfen kann. Aber dann ist da auch noch sein innerer Antrieb, eine große Ambition: Kurt möchte etwas erreichen in seinem Leben, er will etwas erschaffen. In nicht unbeträchtlichem Ausmaß geht es in dem Film um seinen Weg dahin, sich selbst und sich als Künstler zu finden, seine Sprache und damit auch seinen Platz in der Welt.

Sie sprechen Kurts Frau Ellie an. Erzählen Sie mehr über sie…

Kurt erfährt, dass in der Kunstakademie in Dresden eine Malereistudentin Westbleistifte verkauft, die bei Malereistudenten im Osten damals ziemlich begehrt waren. Er macht sich auf den Weg, um einen dieser Stifte zu bekommen, und stellt dann fest, dass die Frau, die sie verschenkt, eine ganz besondere Aura hat, die eine Wirkung auf ihn hat, die er sich auch nicht richtig erklären kann. Im Laufe des Films werden wir dann verstehen, dass mehr hinter dieser Begegnung steckt, als es sich die beiden ausmalen könnte. Kurt, den man bisher als sehr passiven Menschen kennengelernt hat, wird zum ersten Mal wirklich aktiv: Er setzt sich in den Kopf, dieser Frau nahe sein zu müssen.

Wie sah die Arbeit mit Paula Beer aus?

Wir hatten zuvor schon einmal an einem Film gearbeitet, bei dem wir allerdings keine gemeinsamen Szenen hatten. Insofern habe ich Paula beim Casting kennengelernt. Ich war beeindruckt, aber auch eingeschüchtert. Sie bringt eine Perfektion mit, die einen umhaut, sie strahlt eine wahnsinnige Selbstsicherheit aus, eine Klarheit und Gradlinigkeit. Da muss man erst einmal schlucken. Bis man dann anfängt, mit ihr eine Szene zu spielen. Ich habe mit ihr schnell eine ganz große Vertrautheit zu ihr verspürt, wie ich das bisher selten mit einer Schauspielerin hatte.

Die Beziehung zwischen Kurt und Ellie führt zu einem Konfrontationskurs mit ihrem Vater…

Er ist ein erfolgreicher, konservativer Mann, ein patriarchisch agierender Vater, der es nicht gern sieht, dass sich seine Tochter mit einem solchen Nichtsnutz einlässt. Ein aufstrebender Künstler aus einfachem Hause, ohne geregeltes Einkommen? Das ist der Horror für ihn. Die Malerei genießt keinen hohen Stellenwert bei ihm. Das Verhältnis zwischen den beiden ist sofort angespannt und schwierig. Seeband lässt keine Gelegenheit aus, Kurt seine Geringschätzung spüren zu lassen, er erniedrigt ihn förmlich. Aber er unterschätzt ihn auch. Das ist sein Fehler. Er wird gespielt von Sebastian Koch. Es ist wirklich bemerkenswert, wie Sebastian in seiner Rolle verschwindet. Wenn er früh morgens in die Maske geht und dann wieder rauskommt, ist eine komplette Verwandlung mit 18 ihm vorgegangen. Er ist dann dieser Herr Professor Seeband. Wir sind uns dann im Grunde immer nur als Kurt und Seeband begegnet, was ich eigentlich ganz gut fand, weil es doch eine sehr spezielle, sehr distanzierte Beziehung ist.

Wie war die Arbeit mit Florian Henckel von Donnersmarck?

Er ist ein absoluter Kontrollfreak. Und das sage ich mit dem größten Respekt und großer Bewunderung. Total. Er weiß ganz genau, was er will. Das geht bis zum letzten kleinen Wort im Drehbuch. Bei jedem kleinen „noch“ oder „die“ oder „zu“. Es muss genau so gesprochen werden wie im Text. Immer hat er eine klare Wortmelodie, wie es klingen soll. Das betrifft nur mich als Schauspieler, aber im Prinzip setzt sich das in alle Abteilungen fort. Das macht es nicht immer ganz einfach, aber man wird es dem Film ansehen. Und dieser Perfektionismus ist der Grund, warum seine Filme so besonders sind. Er selbst schenkt sich auch nichts.

Was ist das Besondere an WERK OHNE AUTOR?

Am Ende des Tages ist es immer die Geschichte, weshalb die Leute ins Kino gehen. Unsere Geschichte ist so, wie gutes Kino sein sollte. Sie ist bigger than life und trotzdem nicht ausgedacht und konstruiert. Man wird auf eine Reise mitgenommen. Was könnte ein Film Besseres leisten?

Interview mit Sebastian Koch (Professor Carl Seeband)

Wann haben Sie zum ersten Mal von WERK OHNE AUTOR gehört?

Sebastian Koch (Professor Carl Seeband)

Florian Henckel von Donnersmarck und mich verbindet seit Jahren eine sehr enge, vertrauensvolle Freundschaft. Wir unterhalten uns regelmäßig und tauschen uns aus über die Dinge, die uns beschäftigen, die Stoffe, die uns interessieren, die Projekte, an denen wir arbeiten. Ich erinnere mich noch, wie er mir erstmals von seiner Idee für WERK OHNE AUTOR berichtete. Mir war sofort bewusst, dass es ein außergewöhnlicher Stoff war, der viel mit Florian zu tun hat, mit den Dingen, die ihn beschäftigen, die ihn interessieren. Im Mittelpunkt stand das Aufeinandertreffen zweier Männer, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben, beide brillante Köpfe, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten und auch absolut gegensätzliche Sichtweisen vom Leben und der Welt haben. Der junge Kurt Barnert auf der einen Seite, ein Künstler auf der Suche nach seiner Stimme, erfüllt mit einem Heißhunger auf Leben, das er durch seine künstlerische Seele filtert; der souveräne, über alles erhabene Professor Seeband auf der anderen Seite, der über ein gewaltig großes Wissen verfügt, aber emotional völlig verarmt ist. Die Ironie ist, dass beide große Meister auf ihrem jeweiligen Gebiet sind, sie aber nicht miteinander vereinbar sind. Die Geschichte lässt sie unter einem Dach miteinander leben, nachdem Kurt die Tochter von Seeband geheiratet hat, die Konflikte sind vorprogrammiert… aber sie können unmöglich miteinander. Das ist eine starke Ausgangssituation. Aus dem Aufeinanderprallen dieser beiden gegensätzlichen Männer bezieht der Stoff seine Kraft, und es ergibt sich daraus eine wunderbare Geschichte über das Wesen der Inspiration und die Kraft der Kunst. Es gibt eine unverkennbare Verwandtschaft mit DAS LEBEN DER ANDEREN, allerdings aufgetragen auf einer viel größeren Leinwand. Als Florian mir davon erzählte, gab es noch kein Drehbuch, nur die Idee. Aber seine Erzählung war schon so fein, so emotional, gepaart mit einem großen Wissen und einer großen Intelligenz, so mitreißend, dass für mich kein Zweifel 19 bestand, dass es sich um einen großen Kinostoff handeln würde – und – dass ich unbedingt mit dabei sein wollte.

Über die beiden Figuren, über Kurt Barnert und Carl Seeband, wird viel über deutsche Identität erzählt.

Seeband ist so deutsch, dass es weh tut. Dieses Streben nach Perfektion, dieses Beharren darauf, dass nur das Messbare zählt, dass es nur darum geht, weiter zu kommen, der Beste zu sein. Er ist einer der vielen, die Nietzsche sehr einseitig und ohne den großen Überbau gelesen haben; und natürlich findet er eine Heimat im Nationalsozialismus, der diese Art der Interpretation von Nietzsches Philosophie auf die Spitze treibt. Seeband ist ein faszinierendes Ungeheuer. Er ist eiskalt und dominant. Aber das wirklich Monströse an ihm ist, dass er davon überzeugt ist, das Richtige zu tun. Es gibt kein Ungerechtigkeitsempfinden, kein Schuldbewusstsein. Er macht, was er macht, weil es für ihn gar keine Alternative gibt und weil er daran glaubt. Natürlich ist das unvereinbar mit der intuitiven Empfindsamkeit eines Künstlers, auch wenn er auf seine Weise genauso kompromisslos ist, wie seine Nemesis. Einer der prägnantesten Sätze von ihm, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, und der ihn wohl am besten beschreibt, ist gerichtet an seinen zukünftigen Schwiegersohn: „Um Sicherheit im Leben zu haben, ganz gleich was Du tust, musst Du der Beste sein. Nicht einer der Besten. Der Beste.“

Wie spielt man eine Figur wie Seeband, wie gibt man einem solchen Ungeheuer Ausdruck?

Man muss sich vor Augen führen, was für ein Mensch er ist, in was für einer Zeit er lebt. Er stellt ja nicht nur Ansprüche an andere. Er muss erst einmal selbst diesen bedingungslosen Ansprüchen gerecht werden. Und das wird er. Er denkt einzig in objektiven, quantifizierbaren Größen und blendet alles andere aus. Ein Ideologe durch und durch. Diesen Mann zu spielen war etwas sehr besonderes für mich. Es war wichtig, einen Ansatz zu finden, der ihn nicht zur Karikatur verkommen lässt. Er sollte kein Abziehbild sein, kein Klischee eines Bösewichts. Er ist ein messerscharfer Denker, er ist wie ein Skalpell. Er ist die personifizierte Ökonomie. Er ist immer perfekt gekleidet, sein Scheitel ist immer perfekt gezogen, die Haare haben immer exakt die richtige Länge. Und so spricht er auch. Es ist für mich immer noch nicht nachvollziehbar, von wo Florian diese Figur aus sich herausgeholt hat, vor allem woher er diese perfekte Sprache hergezaubert hat. Er muss das ja auf eine Weise empfunden, gelebt oder geträumt haben, kein Satz war zu viel, kein Satz war zu wenig, wir haben nicht ein einziges Wort hinzugefügt bzw. weggelassen. In meinen 35 Jahren als Schauspieler habe ich so etwas noch nie erlebt. Als ich den Text zum ersten Mal gelesen hatte, war ich entsetzt – wie sollte ich diese unaussprechbaren, fast nicht zu denkenden Sätze sprechen. Dann mit der Zeit und dem wachsenden Verständnis der Figur, habe ich gespürt, dass, wenn ich diese komplizierten, gemeißelten Gedanken denken kann, ist Seeband da und lebendig. In perfekter Haltung, Form und Habitus. Ich habe mir sozusagen Carl Seeband durch das sprachliche Geschenk von Florian zu Eigen machen können.

Seeband ist eine Figur, die sich über ihre Haltung erschließt.

Die Körpersprache war ganz wichtig. Er ist immer aufrecht, das Kreuz ist immer durchgedrückt, bis hin zur Steifheit. Sein Kopf neigt sich keinen Millimeter zu irgendeiner Seite – er sitzt gerade auf dem Körper. Er macht keine einzige Bewegung zu viel. Er denkt und bewegt sich wie ein Skalpell. Beim Lesen musste ich manchmal an die Figur denken, die Laurence Olivier in DER MARATHON MANN spielt, Christian Szell, der „Weiße Engel“, der 20 selbst wiederum an Mengele angelehnt war. Szell und Seeband sind Brüder im Geiste. Ein weiterer wichtiger Schlüssel für mich waren Kostüm und Maske. Gabriele Binder hat lange und wie ich finde sehr erfolgreich daran gearbeitet, die richtige Garderobe für Seeband zu finden. Die Anzüge sind wie eine zweite Haut, aber auch wie eine Uniform – makellos. Schließlich habe ich dann noch ca. sieben Kilo abgenommen, nur so konnte die absolute Strenge, dieses gemeißelte Gesichtes zur Geltung kommen. Stück um Stück entstand dann mein Seeband. Er ist elegant, geschmackvoll, stilsicher, aber er strahlt keinerlei Wärme aus, kein Leben, keine Empathie, kein Verständnis für eine Umwelt, die nicht exakt so ist, dass sie seiner Vorstellung entspricht. Dabei ist er nicht eitel oder gar arrogant. Er ist einfach immer korrekt.

Entscheidend ist Nachvollziehbarkeit.

Auf keinen Fall sollte Seeband ein Abziehbild werden, eine Karikatur. Man muss ihn verstehen können, so ungeheuerlich er auch sein mag, man muss den Menschen hinter dem Ungeheuer sehen. Als Schauspieler darf ich nicht über meine Figur urteilen. Ich muss sie beschützen, so unangenehm das auch sein kann. Der Erste Weltkrieg hat Spuren hinterlassen bei ihm, hat ihn geprägt, er will weiterkämpfen, weil er die Niederlage nicht akzeptieren will. Für ihn geht der Krieg immer weiter. Er ist ein Überzeugungstäter durch und durch. Für mich als Schauspieler ist es spannend, zu den Wurzeln einer solchen Figur durchzudringen: Woher kommt das? Warum ist der so? Warum kann er nicht jemand umarmen, warum kann er nicht lieben, warum kann er nicht zärtlich sein? Die Suche nach Antworten trägt dazu bei, dass ich diesen Menschen spielen kann, wie er ist, ohne ihn zu werten oder zu beurteilen. Die Rolle hat mir einiges abverlangt. Schön war es nicht, sich in der Haut eines solchen Menschen aufzuhalten – ein Mann, der ein überzeugter Anhänger der Euthanasie ist und nicht davor zurückschreckt, in das Leben seiner eigenen Tochter immer wieder völlig unverhältnismäßige „Eingriffe“ durchzuführen. Abends war ich bisweilen froh, die Tür hinter mir zuzumachen und Seeband für ein paar Stunden loszuwerden.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den anderen Schauspielern? Sie haben gesagt, dass Seeband Dominanz ausstrahlt – überrollt man damit nicht die anderen Darsteller?

Ich hätte es als Fehler empfunden, mich zurückzuhalten. Im Gegenteil: Es war wichtig, Seeband so kompromisslos und entschlossen zu spielen, wie nur möglich. Nur so war es den Kollegen möglich, überhaupt aufrichtig auf ihn zu reagieren. Außerdem haben es Schauspieler vom Kaliber eines Tom Schilling oder eine Paula Beer nicht nötig, dass man vor der Kamera Rücksicht auf sie nimmt. Sie können sich selbst behaupten. Für mich war es nur wichtig, Seeband so klar und konzentriert wie möglich zu spielen. Es war auch klar, dass ich vom ersten Drehtag an voll da sein musste. Da gab es kein Herantasten. Ein Seeband tastet sich nicht heran. Er ist da und gibt den Ton an. Immer. Ich glaube, wir haben eine außergewöhnliche Figur für einen außergewöhnlichen Film erschaffen. 21

Interview mit Paula Beer (Elisabeth Seeband)

Was dachten Sie beim ersten Lesen über das Drehbuch?

Paula Beer (Elisabeth Seeband)

Florian Henckel von Donnersmarck gelingt es, verschiedenste Aspekte unterzubringen und diese nahtlos zu einer großen Geschichte zu verbinden. Es gibt eine Reihe von scheinbar nicht zusammenhängenden Schicksalsschlägen, die sich auf geradezu absurde Weise immer mehr kreuzen. Und das erzählt dieses Buch auf eine so schöne und poetische Art.

Worum geht es?

Wir begleiten einen jungen Künstler in seinen ersten Jahren, erleben mit, wie es dazu kommt, dass er sich für die Kunst entscheidet, die Kunst für sich entdeckt. Darüber wird dann aber auch vermittelt, was Kunst machen kann, wie sehr Kunst ein Mittel sein kann, sich zu befreien oder sich loszumachen von gesellschaftlichen oder familiären Zwängen. Es geht darum, wie die Kunst einem ein Sprachrohr geben kann.

Wie würden Sie Ihre Figur Ellie beschreiben?

Ellie selbst würde wohl als erstes sagen, dass sie die Tochter von Carl Seeband ist, dem besten Frauenarzt, den es zu der Zeit in Dresden gibt. Ich würde sie als für die Zeit sehr typisches Mädchen beschreiben, das perfekte Bild einer Tochter aus gutem Haus in den Fünfzigerjahren. In ihr regt sich aber bereits eine stille Rebellion. Auch wenn sie es sich nicht immer ansehen lässt, passen ihr viele Dinge nicht, die ihr Vater sagt. Deshalb gibt es ihrerseits Akte des Widerstandes in ganz kleinen Schritten, mit denen sie zeigt, dass sie ihrem Vater die Stirn bietet, weil all das genau das ist, was ihr Vater nicht möchte. Schließlich schafft sie es, sich mit der Liebe zu Kurt und der Kunst ganz von ihrem Vater zu lösen.

Sie ist also eine starke Frau?

Ja, sie hat eine unglaubliche Stärke. Nach außen mag sie unterwürfig wirken, weil sie gegenüber ihrem Vater nicht den Mund aufmacht und sich auch Kurt gegenüber nicht immer ganz öffnet. Ich halte es aber für eine innere Stärke, weil sie andere Menschen nicht zu sehr mit ihrem Kram belasten möchte: Sie will das auf ihre Weise klären.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Bei historischen Filmen ist es mir wichtig, dass man das Gefühl der Zeit versteht. Im Fall von Ellie fand ich die Erziehung entscheidend, wie sie von zu Hause mitbekommt, was richtig und was falsch ist, wie ihr Vater mit ihr umgeht, welchen Einfluss das auf sie hat. Wir lernen ja vor allem durch Abgucken, da ist der Charakter ihrer Eltern prägend.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Tom Schilling?

Für mich war es das erste Mal, einen Teil eines Liebespaares zu spielen. Tom ist ein sehr guter und vor allem professioneller Kollege, mit dem die Arbeit sehr viel Spaß gemacht hat.

Wie haben Sie Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck erlebt?

Von Anfang merkte man, dass er wahnsinnig viel weiß und dass auch alles einbringt. Er denkt in Szenen und gibt einem dadurch noch einen zusätzlichen Blick auf die Dinge. Das ist hilfreich. Beim Spielen sieht man als Schauspieler oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, weil man so tief in seiner Figur steckt. Aber da Florian auch das Drehbuch 22 geschrieben hat, kann er einem jedes noch so kleine Detail erklären. Er weiß ganz genau über die Figuren Bescheid und kann einen entsprechend durch jede Szene führen.

Wer wird sich WERK OHNE AUTOR ansehen?

Ich hoffe, dass sich viele angesprochen fühlen, weil der Film so viele große Themen miteinander verbindet.

Interview mit Oliver Masucci (Professor Antonius van Verten)

Wer ist van Verten, die Figur, die Sie in WERK OHNE AUTOR spielen?

Oliver Masucci (Professor Antonius van Verten)

Van Verten ist der Professor von Kurt Barnert an der Kunstakademie in Düsseldorf. Van Verten ist ein extremer Typ, absolut undurchschaubar. Seine Studenten rätseln, was ihn antreibt, was er denkt. Und Kurt stößt er sofort vor den Kopf, als er sich von ihm seine Kunst zeigen lässt – etwas, das er sonst ablehnt – und ihm unmissverständlich sagt, dass er nichts davon hält. Kurt ist geschockt, dabei ist es van Vertens Absicht, ihn aus seiner Stasis zu befreien und wirklich tief in sich danach zu suchen, wie er sich ausdrücken will. So beginnt Kurt, sich zu überdenken und sich selber zu finden.

Wie sah die Arbeit mit Tom Schilling aus?

Sehr angenehm. Wir haben wirklich eine sehr feine Art, miteinander zu spielen, und haben uns darin viel gegeben. Er hat einen wahnsinnig offenen Blick, und das ist sehr schön.

Was gefiel Ihnen an dem Drehbuch?

Dieses Buch hat mich fasziniert und berührt, als ich es gelesen habe. Es geht in seiner Rundheit auf, es funktioniert auf ganz wunderbare Weise. Das Buch erzählt Kunst und nimmt Kunst zum Anlass, etwas über den Menschen zu erzählen. Das hat mich auch an der Rolle von van Verten interessiert. Er betrachtet den Menschen als Gesamtkunstwerk und vertritt die Ansicht, dass die Kunst aus dem Mensch herauskommen muss, in die Gesellschaft rein. Nur so kann man etwas verändern oder bewirken. Er wünscht sich, dass die ganze Gesellschaft aus Künstlern besteht.

Interview mit Saskia Rosendahl (Elisabeth May)

Wie würden Sie WERK OHNE AUTOR beschreiben?

Saskia Rosendahl (Elisabeth May) als Tante neben dem kleinen Kurt (Cai Cohrs)

Es geht um Kurt, ein Künstler, ein Maler, den man durch sein Leben begleitet. Man wird durch drei verschiedene Zeitepochen der deutschen Geschichte geführt, man trifft mit ihm seine Liebe, Ellie, man wird mit ihm zusammen in ein Drama zweier aufeinanderprallenden Familien verwickelt und vor allem sieht man, wie er mit seiner Leidenschaft des Malens durch sein Leben geht. Wie er durch diese Leidenschaft und mit dieser Leidenschaft lebt.

Sie spielen Kurts Tante Elisabeth, der eine Schlüsselrolle zukommt.

Ich finde sie faszinierend. Sie ist für mich pur, durchlässig und bunt. Elisabeth ist eine wahnsinnig genaue Beobachterin und dadurch viel in ihrer eigenen Welt. Sie ist sehr direkt, sie sagt, was sie denkt, weiß um ihre Wirkung, ist mutig und stark. Für mich gab es immer zwei Leitsätze, die sie gut beschreiben und von ihr selbst kommen. Das ist zum einen „Alles was wahr ist, ist schön“ und zum anderen „Du darfst niemals wegsehen.“ Diese beiden Sätze fassen sie finde ich gut in ihrem Wesen zusammen.

Wie steht sie zu ihrem Neffen Kurt?

Elisabeth ist eine sehr junge Tante. Sie liebt den Jungen über alles. Es ist eine gegenseitige Faszination und Liebe. Sie geht mit Kurt in Museen, sie bringt ihm die Kunst nahe und bestärkt ihn niemand zu sein, der hinterherrennt. Elisabeth will ihm zeigen, was Kunst sein kann, was sie bewirken kann. Zwar wird sie Kurt in sehr jungen Jahren schon entrissen, trotzdem ist sie jemand, die ihn sein Leben lang begleiten wird.

Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck?

Für mich war die Zusammenarbeit ein Geschenk und eine große Herausforderung. Er ist ein unfassbar genauer Beobachter, er sieht jedes kleine Detail und macht nicht weiter bevor sich auch das richtig anfühlt. Er hat mir Mut gegeben und Vertrauen geschafft. 24

Interview mit Christine Strobl (Koproduzentin)

Was hat den Ausschlag gegeben, WERK OHNE AUTOR mitzuproduzieren?

Wenn bei einem Projekt alle Aspekte ineinandergreifen – der Stoff nach Kino ruft, das Drehbuch, die Produzenten, die Schauspielerinnen und Schauspieler und natürlich die Regie – gehen wir gezielt und mit großem Engagement Kinokoproduktionen ein. Bei „Werk ohne Autor“ war das so – insofern fiel die Entscheidung leicht. Florian Henkel von Donnersmarcks Film zeigt beeindruckend, wie die Wirklichkeit Kunst beeinflusst und was sie im Künstler auslöst. Es ist ein Film über die deutsch-deutsche Vergangenheit, von Florian Henckel von Donnersmarck jahrelang akribisch recherchiert und geschrieben, mit großartigen Schauspielern wie Tom Schilling, Sebastian Koch und Paula Beer besetzt. Die Produktion wurde äußerst liebevoll und authentisch ausgestattet und von Quirin Berg und Max Wiedemann mit Hingabe und unglaublicher Leidenschaft produziert. Ich bin stolz und glücklich, dass wir als Koproduzent Teil dieses besonderen Kinoprojekts sind.

Welche Rolle spielen Kinofilme im Portfolio der Degeto?

Kinofilme sind uns sehr wichtig und die Verbindung zwischen Fernsehen und Kino ist essentiell. Als Koproduzent bei deutschen Kinoproduktionen steht die ARD Degeto dafür, dass Stoffe redaktionell entwickelt und ins Kino gebracht werden; wir wollen erste Anlaufstelle für interessante Kinostoffe sein. Wenn es uns gelingt, das Kinopublikum zu überzeugen, haben wir mit dem prominenten Sendeplatz „SommerKino im Ersten“ die große Chance, auch die Fernsehzuschauer zu begeistern. Der gemeinsame Nenner ist letztlich die „Unterhaltung“, und zwar im besten Sinne: Wenn ein Film berührt, wenn er authentisch ist, die Menschen zum Nachdenken, zum Lachen, zum Weinen bringt und eine Botschaft hat, die relevant ist, ist er für beide interessant.

Worauf liegt bei Ihnen als Koproduzentin das Hauptaugenmerk im kreativen Prozess?

Natürlich gibt es unterschiedliche Anforderungen an die jeweiligen Stoffe, die unter anderem von Genre abhängen. Eines haben sie allerdings gemein: Sie müssen Qualität fürs Kino bieten. Dieser Anspruch bezieht sich nicht nur auf den Stoff, das Drehbuch, die Besetzung, die Auswahl der Regie und die Umsetzung. Sondern wir müssen uns auch fragen: Wie zeitgemäß ist die Themenwahl – ist sie historisch oder heutig anspruchsvoll, anrührend, mitreißend, poetisch? Interessiert dieses Thema ein Kinopublikum? Wie werden die verschiedene Rollenbilder dargestellt, wie lebensecht sind die Figuren? Dies alles passiert in einem großen Team, auch mit dem Verleih oder dem Produzenten. Nur dann kann es gelingen, am Ende ein Kinoangebot aus unterhaltsamen, spannenden, berührenden und relevanten Filmen zu schaffen.

Quelle: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

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