In der Hoffnung auf Frankfurt als neue deutsche Hauptstadt wurde 1947/48 die kriegszerstörte Paulskirche als potenzieller Parlamentssitz wieder aufgebaut. Für diese Bauaufgabe von nationaler Bedeutung wurde eigens eine „Planungsgemeinschaft Paulskirche“ einberufen, der neben dem bedeutenden Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz auch dessen ehemaliger Mitarbeiter Johannes Krahn, der Gewinner eines frühen Wettbewerbs Gottlob Schaupp sowie Stadtbaurat Eugen Blanck angehörten. Sie wollten „ein Bild des schweren Weges geben, den unser Volk in dieser seiner bittersten Stunde zu gehen hat“ und schufen einen bewusst nüchternen Raum, der für den demokratischen Neubeginn steht. Inzwischen ist die Paulskirche ein Festsaal, von dem bundesweite Debatten ausgehen. Als Ort von Veranstaltungen wie dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schreibt sie ihre politische Geschichte fort, die in der Nationalversammlung 1848/49 ihren Anfang genommen hatte. Die architektonische Qualität des Bauwerks ist bisher selten gewürdigt worden.

Derzeit gerät die Paulskirche in den Fokus, da ihre Haustechnik in Kürze saniert werden muss. Dabei kommt auch die seit jeher schwelende Diskussion über den Umgang mit der Wiederaufbaulösung wieder auf, begleitet auch von Rufen nach der Rekonstruktion eines Vorkriegszustandes. In den 1960er- und 1980er-Jahren waren aus ähnlichen Debatten bereits einige – den Gesamteindruck trübende oder ergänzende – Umbauten resultiert.

Über die Ausstellung

Die Ausstellung schildert die Baugeschichte der Paulskirche von 1786 bis in die Gegenwart entlang der jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen. Denn gestern wie heute versuchten politische Akteure, die Paulskirche für ihre Agenda zu nutzen.

Ziel des gemeinsamen Projektes von DAM und Wüstenrot Stiftung ist es, das Verständnis für den bestehenden Paulskirchenbau zu verbessern und den Blick auf die Hintergründe der ursprünglichen Entwurfshaltung zu schärfen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte die Zukunft der Paulskirche in der Zeit zur nationalen Aufgabe und wünscht sich einen „authentische[n] Ort, der an Revolution, Parlamentarismus und Grundrechte nicht nur museal erinnert, sondern zu einem Erlebnisort wird“.

Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zum Dialog über die Zukunft der Paulskirche, der in diesem Sommer angestoßen wurde. Während die Stadt ein künftiges Demokratiezentrum in der Nachbarschaft zum Demokratieort Paulskirche plant und gemeinsam mit dem Architekturbüro AS+P Albert Speer + Partner über das “qualifizierte Verwerfen” einer historischen Rekonstruktion der Paulskirche diskutiert, möchte das DAM Aufklärungsarbeit leisten. Daher beschränkt sich die Ausstellung nicht allein auf Historisches der Vor- und Nachkriegszeit, sondern lässt auch unterschiedliche aktuelle Positionen zu Wort kommen. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, diese um ihre eigenen Überlegungen zu ergänzen.

Die Sammlung des DAM enthält den umfangreichen Nachlass des beteiligten Architekten Johannes Krahn. Diese Quelle ermöglichte es unter anderem, dem rätselhaften Turmzimmer („Präsidentenzimmer“) auf den Grund zu gehen, in dem die wechselvolle Geschichte des Baus kulminiert. Der Architekturfotograf Moritz Bernoully erstellte einen Fotoessay über den aktuellen Zustand des Gebäudes. Darüber hinaus werden zahlreiche historische Bilder gezeigt.

Statements

Maximilian Liesner und Philipp Sturm, die Kuratoren der Ausstellung: „In der aktuellen Debatte um die Sanierung der Paulskirche werden Klagen laut, der Eingangsbereich sei so düster und der Festsaal so karg. Hier erscheint uns Aufklärung wichtig, denn der Nachkriegsbau erzählt eine politische Geschichte. Eine Geschichte, die zurück in die Köpfe muss und die in der Ausstellung erfahrbar wird.“

Peter Feldmann, Oberbürgermeister: „Mit der Paulskirche steht in Frankfurt die Wiege der Deutschen Demokratie, ein starkes Symbol, das aber von der Öffentlichkeit eher stiefmütterlich behandelt wird. Wir wollen das ändern und aus der Paulskirche einen lebendigen Demokratieort für Alle machen. Über das Wie ist zu diskutieren. Wer bei dieser Debatte mitreden möchte, der braucht fundiertes Wissen über die politische Geschichte der Paulskirche. Die Ausstellung liefert dieses Wissen. Dafür bin ich ihren Machern sehr dankbar.“

Philip Kurz, Wüstenrot Stiftung: „Die Paulskirche ist der Erinnerungsort für den Beginn aber auch für die wechselvolle Geschichte unserer Demokratie. Sicher eines der wertvollsten Bauwerke, die wir in Deutschland haben. Seit 70 Jahren ist die Paulskirche aber auch Denkmal eines modernen Wiederaufbaus aus der Ruine des 2. Weltkriegs, das zum positiven Bild der jungen Bundesrepublik international beigetragen hat. Die Ausstellung soll den Wert der geschichtlich geprägten Substanz der Paulskirche hervorheben und damit Grundlagen für eine anstehende Sanierung bieten.”

Ausstellungsgestaltung

Die Ausstellungsarchitektur der Agentur Feigenbaumpunkt überträgt die prägenden Achsen der Paulskirche auf den Ausstellungsraum im DAM. So entstehen Wandschrägen, die auf abstrakte Weise die Paulskirche zitieren. Die Farben Gelb und Schwarz verdeutlichen das Licht und die Dunkelheit, die das Bauwerk im Laufe seiner Geschichte umgaben. In der Ausstellung erzeugen sie zudem eine Warnfarben-Kombination – ein Denkmal in Gefahr. Die schrägen, gelben Flächen stehen für den Lichteinfall in hellen, aber auch ein Hinausleuchten in dunklen Zeiten.

Einleitung

Die Paulskirche, ein Denkmal. Aber wofür eigentlich? Hier trat 1848 die deutsche Nationalversammlung zusammen, um die erste deutsche Verfassung zu beschließen. Seither gilt das Gebäude als „Wiege der deutschen Demokratie“. Genau einhundert Jahre später wurde die Paulskirche nach starker Kriegszerstörung als Zeichen des demokratischen Neubeginns in einem nüchtern-modernen Stil wieder aufgebaut. So erinnert die Paulskirche heute auch an das Jahr 1948. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Frankfurt Favorit im Rennen um die neue bundesdeutsche Hauptstadt – die Paulskirche galt als künftiger Sitz des Parlaments. Gekommen ist es anders. Heute ist sie der Festsaal, von dem bundesweite intellektuelle und gesellschaftspolitische Debatten ausgehen. Ihre architektonische Qualität wird dabei selten gewürdigt. Diese Lücke möchte die Ausstellung schließen, indem sie die Bau- und Nutzungsgeschichte von den Anfängen bis heute nachzeichnet. In Kürze soll die Paulskirche technisch saniert werden. Die Rufe nach Rekonstruktion eines Vorkriegszustandes haben ihre gut 70-jährige Nachkriegsgeschichte stets begleitet. Zweimal wurde sie bereits modernisiert. Der Erhalt der Wiederaufbau-Lösung war dabei keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick in die Geschichte zeigt. So gilt es auch heute wieder, für den Erhalt des Nachkriegsdenkmals zu streiten. Es ist ein weit lebendigeres Zeugnis der deutschen Demokratie und Debattenkultur, als es eine Rekonstruktion je sein könnte.

DIE BAU- UND NUTZUNGSGESCHICHTE VOR DER ZERSTÖRUNG

Die Ursprünge der Paulskirche reichen zurück ins Jahr 1786. Damals beschloss die protestantische Gemeinde, ihre baufällige mittelalterliche Barfüßerkirche durch einen Neubau zu ersetzen. Dieser erhielt einen ungewöhnlichen ovalen Grundriss, um von möglichst vielen Plätzen aus freie Sicht auf den Pfarrer zu ermöglichen – ein wichtiger Aspekt in der protestantischen Liturgie, die das Wort in den Mittelpunkt stellt. Die Bauarbeiten dauerten beinahe 50 Jahre. Zuerst kamen sie nicht in Gang, weil sich die Verantwortlichen in stilistischen Fragen nicht einigen konnten. Dann wurden sie von den Napoleonischen Kriegen unterbrochen. Die entstehende Kirche verkam zur Bauruine und wurde zwischenzeitlich gar als Lagerhalle genutzt. Zahlreiche Kompromisse und Umplanungen führten zu der Paulskirche, die 1833 schließlich fertiggestellt wurde. Mit dem typischen roten Mainsandstein und dem Steildach (statt einer italienisch anmutenden Kuppel) prägte der Bau den Frankfurter Klassizismus. Der Innenraum war lichtdurchflutet, verstärkt noch durch die weißen Wände. Diese wurden, ebenso wie die Decke, aus finanziellen Gründen nicht bemalt. Der auffälligste Schmuck war die von zwanzig ionischen Säulen getragene, umlaufende Empore mit Platz für nahezu 2.000 Menschen.

DIE NATIONALVERSAMMLUNG 1848/49 UND IHR 75. JUBILÄUM

Nur 15 Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde die Paulskirche 1848/49 zum Tagungsort der Nationalversammlung, dem ersten demokratischen Parlament Deutschlands. Ausgewählt wurde der Bau wegen seiner Größe und Modernität. Die Sitzordnung im ovalen Halbrund etablierte die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ in der deutschen Politik. Das Publikum nahm auf der Empore Platz. Um die schwierige Akustik zu verbessern, wurde eine Zwischendecke eingezogen, die fortan die obere Fensterreihe verdeckte. Nachdem die Nationalversammlung bereits 1849 gewaltsam aufgelöst worden war, machte sich die Kirchengemeinde den Raum wieder zu eigen und ließ die Schalldecke mit Engelmotiven bemalen. Eine offizielle Erinnerung an die liberale Geschichte des Ortes vermieden die konservativen Regierungen im Deutschen Bund und im anschließenden Kaiserreich. Erst während der Weimarer Republik unter Präsident Friedrich Ebert bekannte man sich dazu und feierte 1923 das 75. Jubiläum der Nationalversammlung in der Paulskirche. Dafür erhielt Ebert an der Fassade ein Denkmal, das die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später wieder demontieren sollten. Am 18. März 1944 zerstörten Brandbomben die Paulskirche bis auf ihre Außenmauern.

DIE RUINE UND DIE HAUPTSTADTFRAGE

Im nationalsozialistisch verwüsteten Deutschland blickte man nach dem Krieg auf das anstehende 100. Jubiläum der Nationalversammlung. Die Planungen konzentrierten sich zunächst auf einen Festakt in der enttrümmerten Ruine. Doch gerade noch rechtzeitig erkannten die Verantwortlichen der Stadt die Signalwirkung, die eine wieder hergestellte Paulskirche für den demokratischen Neubeginn hätte. Oberbürgermeister Kurt Blaum (CDU) brachte dabei auch eine Nutzung als Versammlungsort für das künftige deutsche Parlament ins Spiel. Frankfurt machte sich wie Bonn Hoffnungen, Hauptstadt zu werden. Beide Städte bauten um die Wette. Sicherheitshalber beauftragte die Stadt Frankfurt den Architekten Gerhard Weber mit einer Alternative zur Paulskirche als Parlamentssitz. So entstand im Nordend ein zweiter Parlamentsbau, der nach der Entscheidung für Bonn zum Funkhaus des Hessischen Rundfunks umgebaut wurde.

DER PAULSKIRCHEN-WETTBEWERB, 1946

Zum Wiederaufbau der Paulskirche richtete die Stadt 1946 einen Wettbewerb unter den in Hessen lebenden Architekten aus. Unter Verwendung der Mauerreste sollte ein Raum entstehen, der sowohl als Gotteshaus wie auch als Tagungsraum genutzt werden konnte. Der erste Preis ging an Gottlob Schaupp. Sein Entwurf kam den Vorstellungen des Preisgerichts am nächsten, das sich gegen eine historische Kopie und für eine zeitgemäße Umgestaltung aussprach. Im Vergleich zum Vorkriegszustand verzichtete Schaupp auf die umlaufende Empore und brachte die obere Fensterreihe wieder zur Geltung. So betonte er die Schlichtheit und Monumentalität des Innenraums. Die anderen prämierten Entwürfe reichten von Galerien und Emporen über plastisch ausgestaltete Kuppeln bis hin zu einem großen eingezogenen Foyer. Das ursprüngliche Steildach sahen alle Preisträger vor. Das Echo blieb durchwachsen. Der Frankfurter Architekt Hermann Mäckler verurteilte den Großteil der Einreichungen, da er viele Bezüge zur nationalsozialistischen Formensprache erkannte. Ihren Zeichnungen nach zu urteilen waren die Architekten in seinen Augen „fast lauter SA-Männer“. Eher aus pragmatischen Gründen hielt auch das Preisgericht keinen der Entwürfe für baureif. DIE PLANUNGSGEMEINSCHAFT PAULSKIRCHE Noch im November 1946 arrangierte Stadtbaurat Eugen Blanck, dass der Kölner Kirchenbau-Spezialist Rudolf Schwarz den Wiederaufbau der Paulskirche gemeinsam mit dem Wettbewerbssieger Gottlob Schaupp übernahm. Hinzu kamen noch der Frankfurter Architekt Johannes Krahn, der lange für Schwarz gearbeitet hatte, sowie Stadtbaurat Blanck selbst. Die sogenannte Planungsgemeinschaft Paulskirche war gegründet. Schaupp, Schwarz und Blanck hatten bereits in der Zeit des Neuen Frankfurt unter Ernst May gearbeitet bzw. an einzelnen Projekten mitgewirkt und waren sich dabei auch begegnet. Während der nationalsozialistischen Herrschaft arrangierten sich die vier Architekten unterschiedlich mit dem System. Schaupp stach dabei heraus, da er eine ästhetische (und politische) Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus pflegte. Er löste sich von den Ideen des Neuen Frankfurt und errichtete Wohngebäude im deutschtümelnden Heimatschutzstil. Diese biografische Verstrickung wurde bereits kurz nach dem Wettbewerb bekannt und belastete die öffentliche Wahrnehmung der gesamten Planungsgemeinschaft.

GRUNDSTEINLEGUNG, SPENDEN UND DIE „REDE AN DIE DEUTSCHEN“

Der zügige Wiederaufbau der Paulskirche ist ein Symbol des demokratischen Neubeginns in der noch nicht gegründeten Bundesrepublik. Im zerstörten Frankfurt selbst erntete das Projekt angesichts der Wohnungsnot erst einmal Unverständnis. Um solcher Kritik zu begegnen, plante man, parallel die kriegszerstörte Friedrich-Ebert-Siedlung im Gallusviertel wieder aufzubauen, eingeläutet von einer doppelten Grundsteinlegung am 17. März 1947. Es blieben 16 Monate bis zur Jahrhundertfeier der Nationalversammlung. Weil Frankfurt ein solches Projekt allein nicht bewerkstelligen konnte, erklärte Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) die Paulskirche zur gesamtdeutschen Angelegenheit und bat um Sach- und Geldspenden – mit überwältigendem Erfolg. So kamen aus Thüringen drei mit Bauholz beladene Eisenbahnwaggons und aus dem benachbarten Offenbach Leder für die Bestuhlung. Sogar die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) spendete 10.000 Mark. Nur durch diese Unterstützung konnte am 7. November 1947 Richtfest gefeiert werden. Die wieder aufgebaute Paulskirche wurde schließlich pünktlich am 18. Mai 1948 im Rahmen einer ganzen Festwoche eröffnet. Dazu reisten auch Vertreter aus der Sowjetzone nach Frankfurt und distanzierten sich öffentlich vom Wiederaufbau der Paulskirche, den sie mittlerweile als „Staffage für die Bildung eines Weststaates“ empfanden. Als Festredner kam der persönlich von Kolb eingeladene Schriftsteller Fritz von Unruh nach 16-jährigem Exil erstmals wieder nach Deutschland. In seiner „Rede an die Deutschen“ warnte er vor Untertanengeist und Mitläufertum und verurteilte die halbherzige Entnazifizierung. Er sprach derart leidenschaftlich, dass er zwischenzeitlich am Pult zusammenbrach und erst nach einer Pause fortfahren konnte.

DIE WIEDER AUFGEBAUTE PAULSKIRCHE

Wie in Gottlob Schaupps ursprünglichem Entwurf vorgesehen, beließ auch die Planungsgemeinschaft den Saal weitgehend frei von Einbauten. Die in frühen Zeichnungen angedachten Balkone verwarfen die Architekten bald wieder. Stattdessen bewahrten sie im Innern den imposanten Charakter der ausgebrannten Ruine, bedeckt von einer leichten Holzdecke mit Oberlicht und einer flachen, kupfergedeckten Kuppel. Das riesige Rund gliederten sie nur durch herabhängende Leuchtstränge, die an die ehemaligen Säulen erinnern sollen. Für die Saalfenster war eine Ornamentverglasung vorgesehen, die jedoch aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt wurde. Stattdessen wurde vorerst Rohglas mit grober Sprossenteilung eingebaut. Im Erdgeschoss wurde ein niedriges Zwischengeschoss eingezogen – die sogenannte Wandelhalle, die bewusst im Halbdunkel bleibt und über zwei Treppen hinauf in den Saal führt. Damit inszenierten die Architekten einen Gang vom Dunkeln ins Helle – für sie „ein Bild des schweren Weges, den unser Volk in dieser seiner bittersten Stunde zu gehen hat.“ Als Zeichen der Läuterung ließen sie die Treppenbrüstungen aus Blech fertigen, das ehemals für den nationalsozialistischen Flugzeugbau vorgesehen war. Auch für die Turmspitze entwarfen sie Lösungen, die ein weithin sichtbares modernes Zeichen gesetzt hätten – entschieden sich dann aber für die erhaltene Form eines kleinen Rundtempels. Moral wurde ebenfalls Mittel der Argumentation. So attestierten die Architekten dem neu gestalteten Saal „eine solch nüchterne Strenge, daß darin kein unwahres Wort möglich sein sollte.“ Die heftigste Kritik kam von Albert Rapp, dem Direktor des Historischen Museums, den besonders die neue Wandelhalle verärgerte. Vernichtend urteilte er im Spiegel: „Unten Radrennbahn, oben Gasometer, mehr läßt sich nicht verderben.“

DAS PRÄSIDENTENZIMMER

Um überhaupt als Sitz des Bundestages infrage zu kommen, benötigte die Paulskirche ein repräsentatives Büro für den Hausherren, den Bundestagspräsidenten. Die Planungsgemeinschaft richtete dieses sogenannte Präsidentenzimmer im Hauptturm oberhalb des Saals ein. Sie erarbeitete Innenraumstudien, die auch Kunstwerke vorsahen: zwei in die Raumnischen eingepasste Buntglasfenster. Zur Wiedereröffnung der Paulskirche war das Zimmer noch nicht fertiggestellt – und noch ehe es dazu kommen konnte, war ein solcher Raum auch schon obsolet. Denn Hauptstadt und Parlamentssitz war Bonn geworden. Dennoch entwarf der Münchner Künstler Karl Knappe 1951 die Buntglasfenster, die im Folgejahr eingebaut wurden. Seine Technik war für die Zeit revolutionär, da er nicht auf Glas malte, sondern die Fenster aus farbigen Gläsern zusammensetzte. Die Werke tragen den hoffnungsvollen Titel Freundschaft und Friede der Jugend Europas und zeigen den Übergang von Kampfbereitschaft hin zu freundschaftlicher Umarmung. Leider fand sich allerdings keine alternative Nutzung, sodass das Präsidentenzimmer mehr und mehr zu einer Garderobe verkam. Provisorisch wurde das Nötigste ergänzt – ein paar Sitzmöbel, ein Kleiderständer, ein Telefon und eine Nasszelle, die heute auf skurrile Weise die Kunst rahmen.

NOTWENDIGE UMBAUTEN

Nach der Entscheidung für Bonn als Hauptstadt wurde der Wiederaufbau der Paulskirche nicht vollendet. Abrupt brach man die Baumaßnahmen ab, die nach der Eröffnung noch ausstanden. Einige Räume wurden fortan als Abstellkammern genutzt und die Instandhaltung insgesamt vernachlässigt. Dies erschwerte die Akzeptanz des modernen Nachkriegsbaus in der Bevölkerung; ihm wurde eine unwürdige Erscheinung vorgeworfen.

DIE UMBAUTEN DER 1960ER-JAHRE

Als 1960 erste Überlegungen für eine Sanierung und teilweise Rekonstruktion eines Vorkriegszustands laut wurden, machte die Planungsgemeinschaft ihr Urheberrecht geltend. In der Denkschrift zur Fortsetzung des Wiederaufbaus der Paulskirche definierten sie nötige Maßnahmen. Umgesetzt wurden diese nur zum Teil – und zudem verspätet im Jahr 1966. Rudolf Schwarz war 1961 verstorben. Unter der Leitung von Johannes Krahn wurde nun erste Kosmetik betrieben: Anstelle des provisorischen Rohglases wurden große Mattglas-Scheiben in die Fenster eingesetzt. Nach innen sorgten sie tatsächlich für wärmeres Licht, nach außen wirkten sie jedoch abweisend. Die Wandelhalle frischte man mit weißem Rauputz sowie neuer Beleuchtung und Vitrinen in den Fensternischen auf. Im Plenarsaal sorgte ein neuer Anstrich der Wände und der Bestuhlung für einen besseren Gesamteindruck. An den Wänden aufgehängte Fahnen der Bundesländer sollten den Veranstaltungen einen feierlichen Rahmen geben und gleichzeitig die mangelhafte Akustik verbessern. Zu guter Letzt wurde dem Gebäude durch eine gründliche Reinigung „seine Würde“ zurückgegeben.

DIE UMBAUTEN DER 1980ER-JAHRE

In den achtziger Jahren stand eine grundlegende Sanierung der Haustechnik an. Der Magistrat unter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) wollte dies nutzen, um die historische Paulskirche weitgehend zu rekonstruieren – vor allem das Steildach. Anlass zur Kritik bot Wallmann, als er neben dem demütigen Blick auf die junge Bundesrepublik „über den Abgrund der jüngeren Vergangenheit hinweg“ auch wieder einen stolzen Blick auf 1848 zulassen wollte. Er bewegte sich damit nah an der Grenze zur „Geschichtsklitterung“ (Dieter Bartetzko). Die Vorplanung besorgte der Berliner Experte für Versammlungsbauten Klaus Wever. Da inzwischen alle Mitglieder der Planungsgemeinschaft verstorben waren, wurde Rudolf Schwarz‘ Witwe Maria Schwarz zur engagiertesten Gegnerin der Rekonstruktionspläne. Sie mobilisierte die Fachwelt zum Protest – eine öffentliche Kontroverse entstand. Das Hochbauamt der Stadt Frankfurt suchte einen ungewöhnlichen Weg aus dem Dilemma: Es beauftragte Maria Schwarz und Klaus Wever gemeinsam – trotz ihrer eigentlich unvereinbaren Positionen. Maria Schwarz wurde die künstlerische Leitung für den großen Saal und die Wandelhalle übertragen, Klaus Wever zeichnete für die Technik und die übrigen Räume verantwortlich. Das Äußere des Baus blieb unverändert. Im Inneren wurde die Saaldecke durch eine weitgehend ähnliche, aber feuersichere Konstruktion ersetzt. Die Wände wurden mit einem sieben Zentimeter dicken, weiß gestrichenen Akustikputz versehen. Zwei Gehänge aus Lautsprechern, dem Stil der Leuchtketten angepasst, verbesserten die Akustik weiter. Das Gestühl wurde aufgearbeitet und gepolstert. Anstelle der provisorischen Orgel aus der Nachkriegszeit gab es jetzt eine Konzertorgel mit einem von Maria Schwarz entworfenen Prospekt (Orgel-Verkleidung). Das Kellergeschoss wurde vollkommen umgebaut und mit neuer Technik bestückt. Die Kosten von mehr als 23 Millionen Mark hatte zu großen Teilen die Stadt Frankfurt zu tragen, da der Bund, anders als vorgesehen, keinen Zuschuss leistete und ein Spendenaufruf nur 2,1 Millionen Mark einbrachte.

DAS WANDBILD

Ein ovaler Raum bildet seit dem Wiederaufbau das Zentrum der Wandelhalle im Erdgeschoss. Ursprünglich sollte er parlamentarischen Beratungen dienen – im Zuge der Sanierung in den achtziger Jahren wurde er zum VIP-Raum umgebaut. Seine Außenwand sollte seit jeher ein Kunstwerk schmücken. Die Planungsgemeinschaft dachte während des Wiederaufbaus an eine monumentale, figürliche Darstellung der Sehnsucht nach Frieden. Zwölf Jahre später favorisierten die Architekten ganz im Stil der Zeit ein abstraktes Mosaik. Zur Umsetzung kam aus finanziellen Gründen keine der beiden Varianten. 1987 wurde ein Wettbewerb ausgerufen, der wieder die Gegenständlichkeit des Motivs zur Bedingung machte. Als Thema waren der Vormärz und die gescheiterte Revolution von 1848 vorgegeben. Eingeladen wurden Künstler aus Ost und West – die Paulskirche galt noch immer als gesamtdeutsches Projekt. Die ostdeutschen Künstler waren (offiziell) anderweitig gebunden, aber auch unter den westdeutschen hielt sich die Beteiligung in Grenzen. So reichten lediglich vier Künstler einen Beitrag ein. Es gewann der Entwurf von Johannes Grützke: ein langer Zug schwarz gekleideter Volksvertreter, gespickt mit dem Pathos des Amtes und der Ironie von Alltagsszenen. Den zweiten Preis bekam Jörg Immendorf für sein comicartiges, orangefarbenes Panorama Marke Vaterland kinetisch, welches mit blauen Nationalsymbolen verschiedener Ideologien durchsetzt war. A. R. Penck erhielt für seinen felsbildartigen Fries aus schwarzen Figuren und Zeichen den dritten Preis. Frühzeitig ausgeschieden war Alfred Hrdlicka, da seine plastischen Bronze-Entwürfe die Wettbewerbsbedingungen nicht erfüllten.

DIE NEUEN FENSTER

Parallel zu den Sanierungsarbeiten wurden auch neue Fenster eingebaut. Einen bundesweiten Wettbewerb zur Gestaltung der Fenster in historischer Sprossenteilung entschied 1986 der Künstler Wilhelm Buschulte für sich. Er hatte in ganz Deutschland bereits zahlreiche Kirchen ausgestattet und wurde besonders für seine Grisaillefenster geschätzt: strenge geometrische Kompositionen aus farblosen Gläsern, die unterschiedlich transparent oder opak waren. Auch die Fenster der Paulskirche setzte Buschulte in seiner Grisailletechnik um. Mit Rudolf Schwarz hatte ihn seit Ende der fünfziger Jahre eine Freundschaft verbunden.

ERSTER STÄDTEBAULICHER WETTBEWERB, 1975

Die Gestaltung des umgebenden Paulsplatzes war bereits seit dem Wettbewerb 1946 ein Thema. Im Krieg waren viele der Nachbargebäude zerstört worden, sodass sich die Paulskirche auf einem überdimensionierten Platz wiederfand – die Planungsgemeinschaft sprach 1960 von einem „vergessenen Senftopf auf dem Wirtschaftstisch“. Den ersten städtebaulichen Wettbewerb gewannen 1975 Bartsch, Thürwächter und Weber, die Architekten des Technischen Rathauses, mit einem abgetreppten Gebäude um einen Innenhof. Der zweite Preis ging an Klaus Walter und Christoph Rohde, die vielfältige Attraktionen unter einer Dachkonstruktion vorsahen. Den dritten Preis erhielt die Stuttgarter Studentengruppe ASPLAN unter der Leitung von Johannes Strelitz. Sie schlugen einen streng angeordneten Hain aus Platanen vor, zur Berliner Straße hin abgeschlossen von einer Wand aus Wasserfontänen. Realisiert wurde der ASPLAN-Entwurf, jedoch ohne Wasserspiele. Diese Lösung sollte für die Zukunft alle Möglichkeiten offenhalten, erfreute sich bei der Bevölkerung zunehmender Beliebtheit und besteht bis heute unverändert fort.

ZWEITER STÄDTEBAULICHER WETTBEWERB, 1983

Oberbürgermeister Wallmann träumte 1983 davon, die Wahl des Bundespräsidenten in der Paulskirche stattfinden zu lassen, und wünschte daher eine Aufwertung ihrer Umgebung. Die Stadt bat sechs Architekturbüros, die zu jener Zeit für Spielarten postmoderner Formensprache standen, um einen städtebaulichen Vorschlag. Auf ein Nutzungsprogramm verzichtete man, schloss jedoch ausdrücklich „nicht finanzierbare öffentliche Einrichtungen“ aus. So blieb nicht viel mehr übrig als Einzelhandel im Erdgeschoss sowie Büros und Wohnungen darüber. Der Entwurf von Bartsch, Thürwächter und Weber sah einen mächtigen, geschlossenen Baublock vor, während Alexander Freiherr von Branca die Paulskirche mit einem weiten Kreissegment umfing. Jourdan und Müller schlossen den Platz mit einem schmalen Gebäuderiegel, der im Innern die Bäume bewahrte. Oswald Mathias Ungers präsentierte eine Zeile aus Stadthäusern und ein Hochhaus über der Berliner Straße. Hans Hollein schlug eine Bogenwand vor, als symbolische Abwicklung der elliptischen Paulskirchenwand. Jede Öffnung stand dabei für eines der damals zehn Bundesländer und eine halbe für das geteilte Berlin. Ein ähnliches Motiv fand sich auch bei Goldapp und Klumpp, die den gesamten Platz mit einer formal an die Kirchenfassade angelehnten Mauer umrahmten, an die sich ein Gebäude anschloss. Dies war der einzige Entwurf, der auch die Rekonstruktion des historischen Daches der Paulskirche vorsah. Die Ideen verebbten bald darauf in der hitzigen Debatte über die Form der Paulskirche selbst.

ORT DER DEBATTEN

Die Paulskirche ist von Beginn an ein Raum des gesprochenen Wortes gewesen: zunächst als protestantische Kirche, in der die Predigt im Mittelpunkt der Liturgie stand, und nach dem Krieg als der bundesdeutsche Festsaal. Hier wird seit 1951 die höchste geistige Auszeichnung des Landes verliehen, der Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Beim Wiederaufbau mussten die Architekten noch geistliche und parlamentarische Zwecke berücksichtigen. So gestalteten sie das Rednerpult, das zugleich auch Kanzel war, als eine Skulptur aus Muschelkalk und bezeichneten es neutral als „Sprechstelle“. Prominentester Redner war US-Präsident John F. Kennedy, der hier 1963 den Begriff der Paulskirche als „Wiege der deutschen Demokratie“ prägte. Inzwischen haben von der Sprechstelle aus viele Persönlichkeiten zur deutschen Öffentlichkeit gesprochen – nicht immer ohne Widerspruch. Oftmals nehmen gesellschaftliche Debatten hier ihren Ausgang. Es sei an den Goethe-Preis für den Schriftsteller Ernst Jünger (1982), den Friedenspreis für die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1995), an die Walser-Bubis-Kontroverse über die Erinnerung an den Holocaust (1998) oder an den Adorno-Preis an die Philosophin Judith Butler (2012) erinnert. Proteste suchen gezielt die Paulskirche auf, um sich Gehör zu verschaffen, so zum Beispiel das globalisierungskritische Netzwerk Attac, das das Gebäude im Herbst 2018 einen Tag lang besetzte.

ZUKUNFT PAULSKIRCHE

Während aktuell eine technische Sanierung der Paulskirche ansteht, werden Stimmen laut, die in diesem Zuge die Rekonstruktion eines Vorkriegszustandes wünschen. Diese Debatte, die eigentlich in den 1980er-Jahren bereits erschöpfend geführt worden war, geriet im Herbst 2017 erneut ins Rollen. Auslöser war ein Zeit-Artikel von Benedikt Erenz, der die Wiederaufbau-Lösung brüsk aburteilte und für die Rückkehr einer Empore plädierte: „Denn hier saß das Volk.“ Die Frankfurter Koalition aus CDU, SPD und Grünen steht klar hinter dem Erhalt des Wiederaufbaus. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wünscht sich hingegen eine breite, offene Diskussion über die Zukunft der Paulskirche und weckt somit auch Hoffnungen bei den Rekonstruktionsfreunden. Weiteren Rückenwind gibt ihnen der Erfolg der Neuen Altstadt. Im Jahr 2018 hat sich aus den Kreisen der Jungen Liberalen der Verein „Demokratiedenkmal Paulskirche“ gegründet. Dessen Mitglieder plädieren für den Einbau einer Empore und eines Kuppeldaches als moderne Zitate der historischen Paulskirche. So möchten sie die Paulskirche zum Ort der Bundespräsidentenwahl machen. Die rechtspopulistische Opposition aus Alternative für Deutschland (AfD) und Bürger für Frankfurt (BFF) fordert dagegen deutlich eine Rekonstruktion des Zustands von 1848. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte die Zukunft der Paulskirche zur nationalen Aufgabe. Er wünscht, ebenso wie die Stadtpolitik, einen Erlebnisort unter dem Namen „Demokratiezentrum“. Als möglicher Standort für solch ein Zentrum werden die Wandelhalle, der Paulsplatz, das Erdgeschoss der benachbarten Stadtkämmerei sowie ein Neubau auf der Freifläche in Richtung Berliner Straße diskutiert.

BEGLEITPROGRAMM

Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Vortrags- und Veranstaltungsprogramm: Details im beigefügten Flyer sowie auf: dam-online.de/veranstaltungen.

PUBLIKATION

Paulskirche Eine politische Architekturgeschichte A Political Story of Architecture Herausgegeben von Maximilan Liesner, Philipp Sturm, Peter Cachola Schmal und Philip Kurz av edition, Stuttgart 27 x 19, 5 cm, 160 Seiten ISBN 978-3-89986-315-4 (deutsch/englisch) Im Museumsshop erhältlich für 29,– EUR, im Buchhandel erhältlich für 39,– EUR.

Ein gemeinsames Projekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung Direktor Peter Cachola Schmal Stellvertretende Direktorin Andrea Jürges Kuratoren Maximilian Liesner, Philipp Sturm Wüstenrot Stiftung Geschäftsführer Philip Kurz Wüstenrot Stiftung Projektleiterin Verena Gantner Ausstellungsdesign und -architektur Feigenbaumpunkt, Frankfurt am Main Arne Ciliox, Jochen Schiffner mit Simon Senkal, Frankfurt am Main Öffentlichkeitsarbeit Brita Köhler, Anja Vrachliotis, Jonas Malzahn Vermittlung Christina Budde Führungen Yorck Förster DAM Corporate Design (Flyer, Plakat und Banner) Gardeners, Frankfurt am Main Archiv Inge Wolf Registrar Wolfgang Welker Bibliothek Christiane Eulig Sekretariat Inka Plechaty Verwaltung Jacqueline Brauer Aufbau Marina Barry, Leo Laduch, Eike Laeuen, Anke Menck, Jörn Schön, Ömer Simsek, Beate Voigt, Gerhard Winkler unter der Leitung von Christian Walter Modellrestaurierung Christian Walter Papierrestaurierung und Rahmung Heike Schuler Haustechnik Joachim Müller-Rahn Schreinerarbeiten Schreinerei Christian Dörner, Offenbach Druck und Montage der Ausstellungsgrafik inditec GmbH, Bad Camberg Leihgeber Erbengemeinschaft Buschulte, Radevormwald Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main Historisches Museum Frankfurt Mayer‘sche Hofkunstanstalt, München Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

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