WEtransFORMZur Zukunft des Bauens lädt zu einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Zukunft unserer gebauten Umwelt ein. Im Mittelpunkt stehen grundlegende Gestaltungsprinzipien für eine klimagerechte Erneuerung unserer Baukultur. Dazu zählen insbesondere Themen zu Klimaresilienz, Biodiversität, Suffizienz, Revitalisierung, Kreislaufmanagement sowie das Experimentieren und Aktiv werden.
Zu sehen sind rund 80 Projekte, die sich auf vorbildliche Weise mit den Herausforderungen des Klimawandels beschäftigen. So versucht das Haus Glasner im Ahrtal vor künftigen Überflutungen zu schützen und das Rambla Climate House vor der Dürre in Spanien. Die Verwendung von natürlichen Materialien wie Stampflehm bei Anna Heringer oder Holz bei Hermann Kaufmann kann durchaus als Antwort auf die philosophische Frage nach dem Wesentlichen verstanden werden. Die Renovierung einer alten Scheune durch Studio Bua auf Island und die Umnutzung des ehemaligen World Trade Centers in Brüssel durch 51N4E reduzieren den Ressourcenverbrauch, CO2 Ausstoß und Bauabfall. Innovative Forschungsprojekte wie das NEST UMAR vom Karlsruhe Institute of Technology oder der Hybrid Flachs Pavillon der Universität Stuttgart erkunden neue Möglichkeiten im Umgang mit zirkulären Materialkreisläufen oder computerbasierte Bauweisen.
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AHEC / Diez Office / OMC°C, Vert, Frankfurt am Main / Bonn, 2023–2025, Foto David Ertl
Als Highlight wird auf dem Museumsplatz Vert präsentiert –eine begrünte Holzbalkenkonstruktion von AHEC/ Diez Office/ OMC°C, die zur Kühlung von Plätzen und zur Stärkung der Artenvielfalt in städtischen Umgebungen beiträgt.
Das Foyer der Bundeskunsthalle beherrscht die bis zur Decke reichende Installation – ein aus Mikroalgen gezüchteter, synthetischer Baum, der CO2 aus der Atmosphäre absorbiert und in Biomaterial umwandelt. Für das Ausstellungsdesign hat das Architekturbüro MVRDV (Rotterdam) fast ausschließlich auf bereits vorhandene Materialien in der Bundeskunsthalle zurück gegriffen. Die Ausstellungseröffnung wurde von einem zweitägigen Festival in Partnerschaft mit dem New European Bauhaus der Europäischen Kommission begleitet. Eine Initiative der Bundeskunsthalle in Partnerschaft mit dem New European Bauhaus und transform.NRW.

Nachhaltig Bauen
Die Umweltprobleme unseres Planeten sind eigentlich recht einfach zu verstehen: Unser Raumschiff Erde kann als ein geschlossenes System verstanden werden. Die Ressourcen an Bord sind begrenzt. Wenn wir zu viele Rohstoffe verbrauchen, Treibhausgase ausstoßen und Abfall produzieren, droht das Gleichgewicht innerhalb der Raumkapsel früher oder später zu kippen. Die Lebensbedingungen verschlechtern sich und mehr und mehr Arten sterben aus. Deshalb müssen wir mit dem, was wir haben, vernünftig haushalten und uns um den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen kümmern. Damit auch künftige Generationen gesund und glücklich leben können. Eigentlich ganz einfach, oder?
Architektur und Stadtentwicklung spielen in diesem Zusammenhang eine gewichtige Rolle: Der Bausektor ist für einen beträchtlichen Anteil des Ressourcenverbrauchs, der Treibhausgasemissionen und der Abfallproduktion verantwortlich. Deshalb machen sich immer mehr Architekt*innen und Stadtplaner*innen auf den Weg, ihre bisherige Praxis zu hinterfragen und nachhaltige Praktiken für ein Bauen innerhalb der planetaren Grenzen zu entwickeln.
Vor diesem Hintergrund präsentiert die Ausstellung in der Bundeskunsthalle rund 80 Projekte, die sich in Europa für nachhaltige Architektur und Stadtentwicklung engagieren. Das kuratorische Konzept zielt auf ein breites Spektrum von unterschiedlichen Ansätzen und Vorgehensweisen – auch deshalb, weil zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand mit Gewissheit sagen kann, was sich in 30 Jahren tatsächlich als nachhaltig erwiesen haben wird. Was es braucht, ist vielmehr eine Pluralität von baulichen Praktiken und deren kontinuierliche Diskussion. Die für die Ausstellung definierten Themencluster bilden daher keine strengen Kategorien, sondern stellen grundlegende Gestaltungsprinzipien nachhaltigen Bauens der Gegenwart anhand vorbildlicher Projekte zur Diskussion.
Der Klimawandel ist zweifelsohne eine globale Herausforderung und wird zu einem guten Teil in Asien, Afrika und Amerika entschieden. Das heißt aber nicht, dass Europa keine Rolle spielen würde. Im Gegenteil: Mit dem European Green Deal wurde im Jahr 2020 das ehrgeizige Ziel formuliert, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu entwickeln. Damit einher gehen eine ganze Reihe von politischen Regulierungen und wirtschaftlichen Optionen, die Europa gleichermaßen als gestaltbaren Handlungsraum wie handlungsfähigen Akteur auf der Weltbühne erscheinen lassen.

Klimaresilienz stärken!
Die Auswirkungen des fortschreitenden Klimawandels sind inzwischen keine abstrakten Zukunftsprognosen mehr, sondern auch in Europa konkrete Alltagsrealitäten. Die Temperaturen steigen und konfrontieren mehr und mehr Regionen mit Trockenheit, Hitze und Bränden. Gleichzeitig nehmen Stürme, Regenfälle und Überflutungen zu. Steigende Pegelstände verschärfen die Bodenerosion an Küstenregionen.
All das hat weitreichende Konsequenzen für die Lebensräume von Menschen, Tieren und Pflanzen und damit auch für die Anforderungen an die gebaute Umwelt. Architektur und Stadtentwicklung reagieren auf diese Entwicklungen mit einer Vielfalt von kleineren und größeren Maßnahmen: Die Entsiegelung von asphaltierten Flächen erleichtert das Versickern von Regenwasser. Die Begrünung von Straßen und Plätzen spendet Schatten und verbessert das Mikroklima. Überschwemmungsflächen und unterirdische Wasserspeicher nutzen die Niederschläge, um lange Trockenperioden auszugleichen. Schwimmende Bürogebäude passen sich wechselnden Pegelständen an. Vorausschauendes Handeln hilft, die Lebensqualität zu erhöhen, Risiken zu minimieren und Katastrophen zu verhindern.
Biodiversität fördern!
Neben ihrem Nutzen für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Bewohner*innen erfüllt die Begrünung urbaner Lebensräume wichtige Funktionen für die Stärkung der Biodiversität und Selbstregulierung der Ökosysteme. Balkone, Gärten und Parks, aber auch Brachen, Mittelstreifen und Gleistrassen sind wertvolle und oftmals artenreiche Lebensräume für eine Vielfalt an Lebensformen. Wild lebende Insekten, Tiere und Pflanzen finden hier geeignete Lebensbedingungen. In der Konsequenz arbeiten Expert*innen aus den Bereichen Architektur, Design, Kunst, Gartenbau, Landschaftsgestaltung und Naturwissenschaften zusammen, um die natürliche Artenvielfalt in unseren Städten zu stärken und das Zusammenleben der Spezies zu erleichtern. Ökologisches Wissen, kreative Gestaltung und ästhetisches Empfinden gehen Hand in Hand.

Genügsamkeit üben!
Was brauchen wir eigentlich wirklich? Und worauf könnten wir auch gut verzichten? Würde uns die Konzentration auf das Wesentliche nicht vielleicht sogar glücklicher machen? Die Frage hat eine philosophische Dimension, stellt sich im Alltag aber aus ganz praktischen Gründen: Der weltweite Ressourcenverbrauch muss dringend reduziert werden. Unter Suffizienz versteht man vor diesem Hintergrund die Frage nach dem richtigen Maß. Nicht alles, was heute als komfortabel erscheint, ist auch wirklich sinnvoll. Das betrifft den persönlichen Bedarf ebenso wie für technische Lösungen oder rechtliche Vorschriften. In diesem Sinne gilt es, unsere baulichen Praktiken kritisch zu hinterfragen: Wie lassen sich vorhandene Ressourcen effizienter nutzen? Wo können wir auf Hightech-Varianten verzichten und mit Lowtech-Lösungen zufriedenstellende Ergebnisse erzielen? Wann stellt der Einsatz von regionalen Baustoffen wie Holz oder Lehm die bessere Wahl dar? Im Grunde gibt es unendlich viele Möglichkeiten, unseren alltäglichen Ressourcenverbrauch ohne allzu große Einschränkungen zu reduzieren.


Bestand revitalisieren!
Die europäische Stadt ist gebaut. Dieser Satz mag für viele eine Provokation darstellen. Immerhin fehlt es an ausreichend Wohnraum und die Unwirtlichkeit so mancher Stadtquartiere ist kaum zu akzeptieren. Tatsächlich kann es mit dem Verbrauch von Flächen und der Versiegelung von Böden nicht mehr so weitergehen wie bisher. 7 Gleichzeitig stellt jeder Abriss eines Gebäudes eine gewaltige Verschwendung von Material und Energie dar. In der Konsequenz wird immer öfter gefordert, den vor handenen Bestand zu erhalten und an sich verändernde Bedürfnisse anzupassen, Nutzflächen zu verdichten und Nutzungskonzepte zu optimieren. Das Spektrum der Maßnahmen reicht von der Renovierung und dem Umbau existierender Altbauten bis zu groß angelegten Transformationsprozessen ganzer Areale und Stadtquartiere.

Kreisläufe optimieren!
Die Wiederverwertung von alten Ziegeln, Balken und Fenstern hat eine lange Tradition. Was früher nicht selten aus der Not geboren wurde, erfährt heute eine neue Wertschät zung. Mehr noch: Mit akademischer Strenge wird an Modellen für die systematische Wiederverwertung von Ressourcen und Optimierung von Materialkreisläufen ge arbeitet. Städte werden als Rohstofflager betrachtet, aus denen mithilfe von Urban Mining geeignete Ressourcen aus Rückbauten oder Abbrüchen für die Wiederverwertung gewonnen werden. Ganze Forschungshäuser experimentieren mit der temporären Einlagerung von Baustoffen und wertvollen Materialien wie Metallen, die am Ende eines Lebenszyklus in ihre Bestandteile zerlegt und neu arrangiert werden können. Recyceltes Plastik liefert die Grundlage für innovative Fassadenelemente. Nicht selten bildet das vorhandene Material den Ausgangspunkt für den weiteren Gestaltungsprozess und bestimmt deshalb das endgültige Erscheinungsbild maßgeblich mit.
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Experimente wagen!
War die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts maßgeblich durch Materialien des Industriezeitalters wie Beton, Stahl und Glas geprägt, zeichnet sich für das 21. Jahrhundert ein neues Bild ab: Die Rückbesinnung auf naturnahe, umweltverträgliche und klimafreundliche Bauweisen füllt die Forschungslabore der Gestaltungshochschulen mit allerlei neuen Materialien – wie Algen, Pilzen oder Pflanzenfasern. Gleichzeitig ermöglichen technologische Innovationen in Digitalisierung, Robotik oder 3D-Druck völlig neue Konstruktionsweisen. In der Kombination entstehen futuristische Räume, in denen die archaische Sehnsucht nach einer schützenden Hülle auf das freie Formenspiel computerbasierter Gestaltungsinstrumente trifft.

Aktiv werden!
Architektur und Stadtentwicklung gehen uns alle an. Wer zur Miete wohnt oder eine Immobilie besitzt – jeder hat ein Recht darauf, mit über die Zukunft unserer Städte und Gemeinden zu entscheiden. Die Möglichkeiten zur Partizipation sind vielfältig: Nachbarschaften finden sich zu gemeinsamen Pflanzaktionen zusammen. Zivilgesellschaftliche Initiativen kämpfen für den Erhalt von Gebäuden. Genossenschaften bieten gemeinwohlorientierte Wohnformen an. Start-ups gründen digitale Plattformen für die Wiederverwertung von Baumaterialien. Große Immobilienentwickler orientieren sich an Nachhaltigkeitsstandards und lassen ihre Arbeit zertifizieren. Städte und Gemeinden verankern Klimaschutz in ihren Ausschreibungen und Auftragsvergaben. Angesichts dieser Entwicklungen besteht durchaus Hoffnung, dass viele kleine Initiativen die große Transformation in Europa bewerkstelligen werden. Ganz von alleine wird es allerdings nicht gelingen. Deshalb sollten sich alle überlegen, was sie selbst beitragen können. In diesem Sinne kann WEtransFORM als Einladung und Ermunterung verstan den werden, an der gesellschaftlichen Bewegung zur Umgestaltung unserer gebauten Umwelt aktiv mitzuwirken.









