‚Gegen Wind‘ (2026) Roman von Gerti Tetzner erschienen im Aufbau Verlag Buchrezension

Gelesen habe ich das Buch auf einer Fahrt, jeden Tag eins, zwei Kapitel, immer morgens nach dem Aufstehen und vor dem Frühstück, so dass ich nicht unter Zeitdruck geriet um meine tägliche Lesegewohnheit. Der Roman selbst ist meiner Meinung nach assoziativ und besteht aus vielen Passagen, immer wieder dazu bereit neue Themenfelder aufzugreifen, daran festhalten im Einklang mit der darin befindlichen Welt und den handelnden Personen. Nicht zuletzt spielen Kinder eine Rolle, die von sich aus immer etwas im Kleinen behalten in ihrem Habitus. Einen roten Faden in diesem Sinne gibt es meiner Einschätzung nach im Buch aber nicht. „Alles fließt“, heißt es bei Heraklit, dafür stehen die Wörter aufgereiht, damit sie ins Rollen geraten. Daraus entstehen neue Einfälle, die bei der Autorin unmittelbar ausgesprochen umgesetzt sind, so wie sie der Autorin aus dem Ärmel zu fallen scheinen, flüchtig, fast wie von alleine beginnende Erzählstränge gehen los. Sind platziert, um sie im Rahmen zu halten. Die Hauptperson ist Kristina, sie ist Kinderpädagogin von Beruf. „Das hier ist die Geschichte einer Freundin“, so lautet passend der erste Satz im Buch. Das hat immer etwas Bedeutsames, wie der erste Satz heißt. Daraus lassen sich durchaus Inhalte eines ganzen Romans vorab erschließen. „Teils erlebt und teils miterlebt“, lautet lapidar die anschließende Bemerkung auf der ersten Seite.

Diesem Handlungsstreben folgt die Autorin bis zum Ende des Romans. Sie bleibt konsequent mit dieser Idee verknüpft. Darin ist sie stoisch. Zugleich deutet sie an, dass doch alles im Roman nur erdacht ist. Welch ein Widerspruch! Die letzte Fassung des Romans wurde im Sommer 1981 in Mecklenburg-Vorpommern geschrieben. Das liegt aus jetziger Sicht weit zurück in der Vergangenheit und lässt die Erzählung wie ein Sonnenstrahl der Erinnerung aufscheinen.

Aus einer Erstveröffentlichung seinerzeit im Luchterhand Verlag in Darmstadt wurde nichts, nachdem schon der Mitteldeutsche Verlag sein Nein zur Veröffentlichung befehligte und dies mit inländischen Verfügungen begründete. So blieb das Manuskript über Jahrzehnte hinweg unveröffentlicht unter Verschluss. Doch dann beginnt Kristina zu reden. Das geschieht durch literarische Anmerkungen, um auf ihre Person in der Erzählung hinzuweisen. Denn sie ist es, die den Antrieb liefert zu den Handlungsräumen, in kurzen Sätzen wiedergegeben. Lauter knapp wirkende Sätze, die grammatikalisch zwar vollständig sind, aber immer nur einen Teil von dem Aussprechen, was wirklich gesagt werden soll. Das sind Merkmale einer Jugendliteratur. Kristina ist die Leitfigur des Romans, an ihr haften die Gedanken. Was sie bewegt, ist gewissermaßen Konsens. Dazwischen Gedankeneinwürfe, zum Beispiel eine niedliche Catcher-Szene, die auf der Matte spielt, so als gehöre dies zum gewöhnlichen Tagesablauf in Mecklenburg-Vorpommern. Dazu zählt auch das imaginäre grüne Haus, ein Ort der häufig beschrieben ist, Zufluchtsort, Werkstatt, Handlungsort und mehr. Die textliche Verspieltheit wirkt lebendig, sie ist liebenswürdig und dürfte dazu beitragen, Nachhall zu finden.

Halbsätze schließen aneinander an, setzen eins ums andere fort, um von einem Idiom zum nächsten zu wandern. Es ist so, als säße die Autorin in einer Wolke, von der sie aufgenommen wurde. Solange sie gefangen ist, kann nichts passieren, ist sie unantastbar für sich und die Welt um sie herum.

Zum Teil wartet die erzählende Person im Roman mit Fakten auf, wie sich jemand bewegt, was er oder sie am Leibe tragen und womit sie beschäftigt sind. Es ist eine Welt der fünf Sinne, die auf ihre Kosten kommen will. Das ist das, was den Roman kinderfreundlich erscheinen lässt, obwohl nicht für Kinder geschrieben, höchstens für Jugendliche, einer Art Plädoyer über das jung sein, indem alle Freiheiten offenstehen, um sie erleben und ausschöpfen zu dürfen.

Wenn vom Schlaf erzählt wird und von den ruhelosen Momenten, die vor sich gehen. Auf das Sinnliche hat sich die Autorin besonnen. Insgesamt ist es aber eine befangene Welt, die sich den Lesern erschließt, zu reibungslos um wirklich wahr zu sein, zu realitätsfern, als sich davon eine Scheibe abschneiden zu wollen. Gedankliche Verfremdungen auf Bedeutungsebene zeichnen das Bild der Erzählung und ermöglichen das Abschweifen wie in eine Traumwelt, in der sich handelnde Personen im Roman gemeinsam aufhalten. Jedenfalls mehr als dass sie sich in der Realität bewegen würden, um auf eigenen Beinen zu stehen und um in Konkurrenz zu treten. Anderseits werden gerade diese Sachverhalte genauso wiedergegeben, in welchem Verhältnis der oder die Einzelne zu den Anderen steht und sich damit behauptet. Sie bewegen sich alle in ihrer Babbel, es gibt keine Ausnahmen auch Charakterliche nicht. Das ist bedauerlich für den Inhalt eines Romans.

Die vielen sprachlichen Verfremdungen sind einerseits poetisch, aber meiner Meinung nach nur der Behelf, um den eigenen schriftstellerischen Impetus zu wahren, zum anderen, um sich nach außen eine eigene Welt zu erschaffen, um nicht zu sagen Heile Welt, in der Personen Gelegenheit bekommen, in Aktion treten zu dürfen.

Immer wieder werden Örtlichkeiten aufgegriffen. „In einem bebuschten Winkel, der sich weitete zum Innenraum zwischen hufeisenförmigem Beton“. Daraus spricht im Grunde Nüchternheit. Dieser Betonwinkel ist zugleich der Handlungsort eines Textabschnitts. Bildet eine Art Gehäuse, das sich die Autorin zurechtgezimmert hat. Solche baulichen Details tauchen immer wieder auf, sie haben die Bedeutung eines Nestes, es sind Räume des Aufenthalts innerhalb des Romans.

Letztlich rekrutiert sich die erweiterte Weltsicht aus den vielen Beobachtungen, die gemacht werden, ohne jedoch aus ihnen auszubrechen, um auch neue Ufer zu erreichen. Die Dinge bleiben weich. Sie sind nicht aus Beton gefügt, wie sie es selbst vorgeben wollen, sondern sind wie ein Teig, der erst noch gebacken werden muss. Teilweise haben die Sinnbilder im Roman auch erotische Bezüge, meist feminin akzentuierte, so als wolle die Autorin damit jemanden auf ihre Seite ziehen. Alle sind sie jugendlich so scheint es, das ist der Traum.

Gerti Tetzner bleibt nicht stehen, sie geht zügig weiter, lässt sich nicht aufhalten von Ungereimtheiten, die ihr auf dem langen Weg begegnen. Doch die Realität findet woanders statt. Die Autorin hat etwas in Gang gesetzt, was jetzt ‚Kristina‘ heißt, das will sie konsequent fortsetzen.

‚Gelbe Farbnasen unter einer Türklinke‘, wer achtet schon auf solche Details? Sind das Fakten oder sind das Wirklichkeitsbegriffe? Wird versucht, wie in „Alice in Wonderland“ in eine andere Welt abzudriften, um damit ein Weltengebäude mit eigener Dynamik zu entflechten? Ein Makrokosmos der kleinen Dinge erscheint im Widerschein der Szenerie. Manchmal scheint es so, als wäre die Erzählerstimme des Romans männlich, ganz klar wird das nicht, wenn es heißt: „Also sah ich mich wieder einmal ertappt wie zu Zeiten meiner Ex-Frau.“. Sind das Attitüden? Oder hat diese Erkenntnis eine Bedeutung in Bezug auf Kristina?

Der Vorteil ist, während des Lesens gelingt es fast immer den Anschluss zu halten. Das Buch kann zur Seite gelegt werden, der Kontext geht nicht verloren. Ein Roman der nicht ins Stocken gerät. Es gibt keine Stelle, an der alle Stricke reißen und der Inhalt sich verabschieden würde, zu weich, erzähltechnisch sanft durchziehen Absätze, Passagen und Sequenzen die Spur des Romans. Andererseits könnte behauptet werden, dieser Roman besteht nur aus sich fortsetzenden Wiederholungen, es gibt gar keine feste Handlung, die Figuren erscheinen wie Arabesken, die als Silhouetten oder Wischfiguren aufscheinen, ineinandergehakt, um nach einer Weile wieder zu verschwinden ohne sich postulieren zu wollen.

Was zeichnet jemanden aus, der immer nur von solchen Unvollkommenheiten lebt, in einem Moment in Erscheinung tritt und dann wieder vom Spielfeld verschwindet. Wie wird jemand erlebt, der getrieben ist von Unmündigkeit, der nicht nach dem Entscheidungswillen fragen will. Mir fehlt im Roman die Spannung. Es bleibt letztlich ein impressionistisches Gefühl übrig, das von sich aus erzählt. Ein reformpädagogischer Ansatz, wie in Ödon von Horwaths „Jugend ohne Gott“, der entscheidend dazu beigetragen hat, einen Sinneswandel zumindest unter den Jugendlichen seiner Zeit zu erreichen, gibt es im Roman nicht. Das Einerlei des Romans ‚Gegen Wind‘ will nicht enden, das passt in die 1970er und 1980er Jahre, in denen der Roman geschrieben ist, in denen das nicht enden wollende ‚Einerlei‘ zum allgemeinen Stimmungsbild in der Gesellschaft gehörte jenseits aller Grenzen.

Das Lebensgefühl, das hier so treffend beschrieben ist, ist die existenzielle Lähmung und das Gefangensein im ewigen Kreis der Gegenwart. Es ist das Porträt eines oder mehrerer Menschen, die keine innere Achse besitzen und der Welt völlig passiv ausgeliefert sind. Denn dieses Einerlei soll in Wirklichkeit niemals enden.

Die im Zentrum stehende junge und engagierte Kindergartenleiterin Kristina tritt im Roman als sehr redegewandt auf, das ist Ausdruck für die Klarheit ihr gegenüber, die sich im Roman um deren Person rankt. Inmitten einer grauen, tristen Plattenbausiedlung der frühen 1980er Jahre schafft sie für die Kinder ein buntes „Kinderhaus“ mit einem grünen Garten – eine „Oase“ frei von staatlicher Kontrolle. Kristina versucht, die Kinder zu kreativen, selbstständigen Individuen zu erziehen. Dabei stößt sie immer wieder auf zivilen Ungehorsam gegen das staatlich normierte Erziehungsmodell, was aber nicht direkt zur Sprache gelangt in Form von Protesten oder Angriffen gegen die Obrigkeiten. Äußerungen zu dieser Thematik sind praktisch wie ausgeblendet im Roman. Kristina lässt stattdessen Spielzeugpanzer verschwinden. Überhängt das verordnete sozialistische Mosaik im Treppenhaus mit bunten, freien Kinderzeichnungen. Trotzt den Vorgaben, um die Eigenart jedes einzelnen Kindes zu schützen.

Empfehlenswert das Interview, das im Anschluss an den Roman abgedruckt ist und das Carsten Gansel mit der Autorin führte. Darin geht es unter anderem um die Frage, welche Bedeutung Kinderpädagogik spielte. Diese war jedenfalls wesentlich fortschrittlicher als dies angenommen wird auch im Vergleich zur Bundesrepublik. Im Roman ist der Kindergarten dann Oase und wird als solche auch Garten-Oase für Kinder benannt. Es geht bei diesen Dingen darum, die gesellschaftlichen Zusammenhänge besser zu verstehen, was mit dem Leben in der Familie, dem Freundeskreis und im Betrieb verstanden wird. All das sind Kennzeichen, die zum sozialen Nahbereich zählen, in der der Einzelne Macht- und Regelungskompetenz besitzt. Trotz aller Hemmnisse der Kollektivierung die aufgeworfen werden, besteht innere Freizügigkeit insbesondere in Bezug auf reformpädagogische Erziehung im Kindergarten seinerzeit und darüber hinaus. R.M.

Gegen Wind

Roman von Gerti Tetzner

Aufbau Verlag, Berlin

1. Auflage, 2026

Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-351-04290-5

ebook bei Aufbau Digital ISBN: 978-3-8412-4156-6

Siehe auch:  Gerti Tetzner – Gegen Wind – Roman – Aufbau Verlag

Siehe auch:  Interview: Nach dem Verbot durch die DDR-Zensur: der nicht veröffentlichte zweite Roman von Gerti Tetzner