Doku zum bevorstehenden Jubiläum im Jahre 2019. Vor beinahe hundert Jahren entstand die Bauhausschule in Weimar. Die Auswirkungen sind bis in die Gegenwart zu spüren. Architektursprache orientiert sich heutzutage in großen Teilen an den Vorgaben des Bauhauses. Angefangen beim Flachdach über durchgehende Fensterreihen hin zu schmucklosen Formen, die kennzeichnend geworden sind für den Bauhausstil.

Vor dem Hintergrund des 100. Bauhaus- Jubiläums erzählt der Dokumentarfilm VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 JAHRE BAUHAUS nicht nur Kunst-, sondern Zeitgeschichte. Von Beginn an fragten die Architekten und Künstler des Bauhaus, darunter Walter Gropius, Wassily Kandinsky oder Paul Klee: Wie geht ein zusammenleben? Was bedeutet „zusammenleben“? Wie lassen sich Räume so gestalten, dass alle Menschen am gemeinsamen Leben teilhaben? Hier werden ethische Grundsätze herausgebildet und das Verständnis von Gestaltung und Architektur grundlegend erneuert. Welche Vorteile das haben kann und welche Nachtteile daraus entstehen, ist ebenso eine interessante Frage. Denn es gibt nicht nur Befürworter, sondern auch Gegner des Bauhausstils.

Der Film ist anregend, nimmt auch Bezug auf die Gegenwart. Was so geschieht auf der Welt aus baulicher Sicht. Es geht um geordneten Wohnungsbau. Die Doku schrickt auch nicht davor zurück in die brasilianischen Slums von Rio de Janeiro hineinzuschauen. Vorschläge und Veränderungen baulicher Art, wie etwas eine Rolltreppe, die einen Hang hinauf von den öffentlichen Verkehrsmitteln bis in die Slums hinein führt. Natürlich werden auch Bauhaus-Klassiker gezeigt. Le Corbusier darf hier nicht fehlen und sein Unité d’Habitation.

Mit dem Bauhaus wurden Kunst, Gestaltung und Architektur politisch. Es entstand eine Raumkunst, die sich ebenso wenig zu schade war, über den Abstand zwischen Badewanne und Toilette nachzudenken wie über den idealen Stuhl. Der Dokumentarfilm VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 JAHRE BAUHAUS geht zurück zu den Anfängen der ersten Bauhaus-Gruppe um Walter Gropius, deren Ausbildungskonzept zwischen Feiern und Forschen revolutionär war. Vom Bauhaus als gesellschaftlicher Utopie ausgehend fragen Niels Bobrinker und Thomas Tielsch nach ihrer Evolution, ihrem Wandel und ihrer Inspirationskraft im Lauf der letzten hundert Jahre. Wie können die Ideen des Bauhaus den Herausforderungen des globalen Kapitalismus und seiner Umwälzung der Wohnungsmärkte begegnen?

VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 JAHRE BAUHAUS führt die Zuschauer vom legendären Bauhausgebäude in Dessau zu visionären Projekten in lateinamerikanischen Favelas, von den Kursen der Bauhaus-Meister Kandinsky, Klee und Schlemmer zu skandinavischen Schulen ohne Klassenräume, von der Berliner Gropius-Stadt zur Vision einer autofreien Metropolis. VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 JAHRE BAUHAUS öffnet Augen, ist viel mehr als eine Geschichte des Bauens. Ihm gelingt eine Kulturgeschichte des modernen Raumdenkens, die so fesselnd wie erhellend ist. 

Crew

Buch & Regie: Niels Bolbrinker, Thomas Tielsch
Kamera: Niels Bolbrinker
Schnitt: Niels Bolbrinker, Thomas TielschJörg Theil
Ton: Jörg Theil
Musik: Jarii van Gohl
Produzent: Thomas Tielsch
Produktionsleitung: Jan-Peter Heusermann
Producerin: Julia Cöllen
Produktion: Filmtank
Animation: Yorgos Karagiorgos
Koproduktion: ZDF/ARTE
Gefördert von Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein,
Creative Europe Media Programm der EU,
Medienboard Berlin-Brandenburg,
BKM – die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,
DFFF – Deutscher Filmförderfonds,
MDM – Mitteldeutsche Medienförderung

Mit Unterstützung von Stiftung Bauhaus Dessau

Modulares Bauen

Walter Gropius hatte schon in Weimar zusammen mit Studenten auf der Grundlage eines Holzbaukastens für Kinder ein modulares System für Typenhäuser entwickelt. Einen „Baukasten im Großen“ mit vorgefertigten Raumzellen, die auf dem Bauplatz vor Ort montiert werden sollten. Es war die frühe Idee der Fertigbauweise für eine günstige Massenproduktion des sozialen Wohnungsbaus. Gebaut wurde 1923 jedoch nur ein einziges aus Kuben zusammengesetztes Haus, das Haus am Horn, innen komplett ausgestattet von den Bauhauswerkstätten.

Nach dem Umzug von Weimar kam in Dessau der erste Großauftrag, mit dem das Bauhaus auch seine Kompetenz im sozialen Wohnungsbau unter Beweis stellen konnte: der Bau einer Arbeitersiedlung mit Selbstversorger-Gärten vor den Toren der Stadt. Hier, in Dessau-Törten, kommt Ernst Neufert ins Spiel. Bei seinen Berechnungen, wie groß der Wohnraum für eine vierköpfige Familie mindestens sein muss, wie breit das Bad und wie groß die Küche, kann Gropius auf die Erkenntnisse dieses Mitarbeiters zurückgreifen. Der Ingenieur Neufert hat akribisch Zusammenhänge zwischen menschlichem Maß und moderner Baugestaltung erforscht. Seine Bauentwurfslehre mit 2.700 erklärenden Zeichnungen ist auch heute noch ein Standardwerk für ArchitektInnen. Daraus geht zum Beispiel hervor, dass ein Mensch 55cm Platz zum Putzen seiner Badewanne braucht, aber 105cm, um sich den Rücken quer zur Wanne trocken zu reiben. Die Umsetzung von Neuferts Erkenntnissen führt zur Normierung der Dinge, wie sie heutzutage bekannt sind.

Neufert

Mit seiner genauen Vermessung aller denkbaren Bewegungsabläufe im Alltag einer Familie schafft Neufert nun in Dessau die Voraussetzungen für ein rationelles und preiswertes, serielles Bauen. Es entstehen ästhetisch sehr „bauhausmäßige“ Reihenhäuser, nüchtern und kubisch, flaches Dach, Fensterbänder, mit viel Licht und Terrassen und Wohnhygiene sowie Modellmöbeln aus den Bauhaus-Werkstätten. Die Grundrisse der Häuser entsprechen verschiedenen Haustypen – ausgerichtet auf die verschiedensten Wohn-Bedürfnisse. Die ersten 88 Häuser entstehen in einem rationellen Bauverfahren mit industriell vorgefertigten Elementen in nur 130 Bautagen, also anderthalb Tage pro Haus. Das beweist: Sozialer Wohnungsbau geht schnell und günstig und kann auch zeitgemäß aussehen.

Jährliches Bauhausfest

Das jährliche Bauhaus-Fest in Dessau, auch heute gestaltet von Künstlern und Kunststudenten, steht in einer ehrwürdigen Tradition. Von Beginn des Bauhaus an sind die Feste ein Teil des Lehrplans. Das Motto der Anfangsjahre lautet: Spiel wird Fest, Fest wird Arbeit, Arbeit wird Spiel. Es ist zugleich das Motto der Schule.

Die kleinen Bühnenprogramme oder kollektive Performances wie beim Drachenfest, wo Dutzende überdimensionale Drachen in den Himmel steigen (außer denen, die „vor lauter Schönheit nicht fliegen konnten“), stärken nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch die gemeinschaftliche Arbeit. Aus den Bauhaus-Tänzen, die dort aufgeführt werden, entwickelt Oskar Schlemmer Kunstfiguren, lebende „Raumplastiken“. Mit ihnen erforscht er das Verhältnis zwischen Mensch und Raum. Für ihn ist der Mensch das Maß aller Dinge und damit auch der Ausgangspunkt für das Neue Bauen.

Die Protagonisten im Film

Stephen Kovats ist Kultur- und Medienwissenschaftler, Stadtplaner und Architekt. Der Kanadier kam Anfang der 1990er Jahre nach Dessau, wo er sich am Bauhaus mit Fragen der Stadtentwicklung befasste und das Forum für elektronische Medien Ostranenie gründete.

Im Jahr 2000 war er an der Entwicklung eines neuen Masterplans für Addis Abeba beteiligt. Bis 2011 war er künstlerischer Leiter der Transmediale, dem Berliner Festival für Kunst und digitale Kultur. Danach gründete er r0g_agency for open culture and critical transformation, eine NGO, die in krisenhaften Regionen an der Entwicklung offener, nachhaltiger, hybrider Strukturen arbeitet.

Als die Architekten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner 1998 zum gemeinsamen Arbeiten nach Venezuela zogen, wurde ihnen schnell klar: Die Lebens und Baurealität in den Wohnvierteln hatte nichts mit dem zu tun, was sie über Fassadenbau und Formgebung gelernt hatten. Sie fingen mit einer Arbeit an, die sie heute aktivistische Architektur nennen und mit der nun das interdisziplinäre Kollektiv Urban-Think Tank mit Büros in Zürich, Caracas, New York und Sao Paolo weltweit erfolgreich ist. Aktivistisch, weil sie nicht wie üblich auf Auftraggeber warten, sondern die Initiative ergreifen. Dabei entsteht Erstaunliches: Ein öffentliches Schwimmbad in einer Favela, in der die Hütten noch nicht einmal einen Wasseranschluss haben. Eine Seilbahn im Slum. Eine Unterkunft für Straßenkinder unter einer Autobahnbrücke. Ihre Projekte bezeichnen die Architekten als urbane Akupunktur: Die punktuelle Wirkung strahlt in das gesamte Viertel, in den Alltag der Bewohner, in die ganze Stadt aus. Es geht hier nie um das einzelne Haus allein, sondern um den Wandel der ganzen Nachbarschaft. Seit 2010 leiten Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner den Lehrstuhl für Architektur und Stadtplanung an der ETH Zürich.

Rosan Bosch ist Leiterin eines Designbüros in Kopenhagen. Mit ihrem Team aus Architekten und Designern gestaltet sie die Klassenzimmer der Zukunft. In der modernen Pädagogik gilt das hergebrachte System der Klassenzimmer und Schulbänke als Schulform des Industriezeitalters: die Ausrichtung des Individuums auf ein gemeinsames Programm, die Synchronität der Prozesse, die Unterwerfung der Körper und der Bewegungen unter ein Muster. Getaktete Zeiten, festgelegte Takte, vorgeschriebenes Pensum. – Rosan Bosch sagt, dass in einer guten Schule vor allem die Kontrolle über die Körper abgeschafft ist. Damit das möglich ist, braucht es neue Räume. So wird Design zu einem Mittel, die Gesellschaft nachhaltig zu
verändern.

Christian „Mio“ Loclair ist Creative Director, Tänzer und Choreograf. Im Zuge dessen war er an einer Performance des Tanzensembles Princemio beteiligt, welche sich auf Wassily Kandinskys Formenlehre bezieht. Durch eine Kombinationen von digital generierten virtuellen
Räumen aus geometrischen Mustern und aus Formen des Urban Dance entsteht eine moderne Reflexion der Arbeiten des Meisters in den 1920er Jahren

Van Bo Le-Mentzel wurde 1977 in Laos geboren. Seit 1979 lebt er in Berlin. Nach seinem Architekturstudium an der Beuth Hochschule für Technik und einem absolvierten Schreiner-Workshop wurde er unter anderem als Erfinder der sogenannten Hartz-IV-Möbel bekannt. Frei nach seinem Motto „konstruieren statt konsumieren“ hat er eine Kollektion kostengünstig selbst nachzubauender Möbel im Bauhaus-Stil entworfen. Durch Projekte wie die platzsparenden Tiny Houses zählt Van Bo Le-Mentzel zu einer neuen Generation von Architekten: Solchen, die aktuelle stadtplanerische Herausforderungen erkennen, verstehen und Lösungsansätze für sie anbieten wollen.

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