Vor rund einhundert Jahren entstand das Gemälde »Le passage à niveau« (Der Bahnübergang) von Fernand Léger. Im Rahmen des seit 2011 von der Fondation BNP Paribas Suisse unterstützten Restaurierungsprojektes führte das Restauratorenteam eine umfassende Untersuchung durch. Légers Gemälde ist Teil der Sammlung Beyeler und wurde durch einem Beitrag von Kurt Schwank erworben.
Fernand Léger (1881-1955) ist mit zwölf Gemälden prominent in der Basler Sammlung vertreten. Die Werke offenbaren seine gesamte Schaffensbreite. Schon früh beschäftigte sich Ernst Beyeler mit Léger, fasziniert von seiner eigenständigen Position unter den Hauptakteuren der Klassischen Moderne, wie seine Wirkung auf US-amerikanische Künstler wie Roy Lichtenstein und Ellsworth Kelly nachweisbar ist, die ebenfalls in der Sammlung vertreten sind.
Als frühes und seltenes Landschaftsbild Légers, das auf dem bedeutenden Scheideweg zwischen figürlicher Darstellung und Abstraktion liegt, kommt »Le passage à niveau« nicht nur im Werk des Künstlers eine Scharnier-Funktion zu. Es vermittelt auf eindrückliche Weise auch zwischen den Werken von Paul Cézanne und Henri Rousseau und den kubistischen Bildern von Pablo Picasso und Georges Braque.
Durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden gewannen die Restauratoren wichtige Informationen zu Material, Technik und Geschichte des Gemäldes. Die resultierenden Erkenntnisse haben gezeigt, dass Légers Werk nicht grundsätzlich als fragil einzustufen ist. Gemälderestauratorin Friederike Steckling berichtet: »Vielmehr waren die Materialwahl des Künstlers und die Einwirkung der Geschichte, die »Le passage à niveau» zum heutigen Zustand führten«.
Um die Leinwand zu präparieren, benutzte Fernand Léger eine ungewöhnlich wasserempfindliche Grundierung. Ein früher Kontakt im Umgang mit Nässe, vermutlich während des ersten Weltkriegs sowie eine vergangene Restaurierung mit Feuchtigkeit fügten dem Werk Schaden zu. Deshalb recherchierte das Team nach historischen Abbildungen, um die Veränderungen am Werk nachzuvollziehen.
Tragweite und Maßnahmen der Restaurierung wurden anhand der gesammelten Ergebnisse konzipiert. Vorrangig wurden schlecht integrierte Retuschen einer vergangenen Restaurierung entfernt. Außerdem wurden stecknadelgroße, gesamthaft über der Oberfläche verteilte Abriebe farblich angepaßt. Reversible Retuschen wurden ausschließlich auf diese bereits vorhandenen Schadensstellen punktuell gesetzt.
Das Team verfolgte das Ziel, die eher ungleichmäßige und aufgebrochene Erscheinung der Malschicht zu schließen, um das Werk wieder an sein Entstehungsjahr 1912 anzunähern, ohne dessen Geschichte und Alter zu verbergen. Untersuchungen weiterer Frühwerke von Fernand Léger waren dabei sehr hilfreich, denn sie ermöglichten eine Annäherung von »Le passage à niveau« an die Wirkungsweise noch nicht beschädigter Oberflächen in den Frühwerken Légers.
Schließlich wurden historisch unpassende Textilbänder von der Rückseite des Keilrahmens entfernt und die Leinwandkanten stabilisiert. Auch wurde das Werk mit einer stabileren Neurahmung und einem am Rückseitenschutz befestigten Vibrationsschutz versehen, um allfällige Schäden bei Transporten zu vermeiden. Die durchgeführten restauratorischen Maßnahmen sind diskret und mehrheitlich in Details erkennbar.
Restaurierung ist die Kunst, Kunst zu erhalten, sagen die Mitarbeiter. Die Zeit hinterläßt ihre Spuren an den Kunstwerken. In der Fondation Beyeler arbeitet seit 2001 im Bereich Restaurierung ein Team unter der Leitung von Restaurator Markus Gross.
Die Restaurierung von Werken ist eine wissenschaftliche Disziplin, die neue Untersuchungsmethoden mit umfassend historischen Kenntnissen verbindet und zum Teil nahezu detektivische Arbeit leistet. Die Fondation Beyeler hat als museale Institution die Aufgabe, langfristig Kunstwerke zu bewahren und für zukünftige Generationen zu erhalten.
Die Restaurierung nahm länger als ein Jahr in Anspruch. Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, sagt dazu: »Die Fondation BNP Paribas Suisse hat die Restaurierung eines bedeutenden Gemäldes von Fernand Léger ermöglicht. Als Museum mit einer großen Sammlung von Werken des Künstlers ist die Fondation Beyeler dankbar für die Unterstützung und das Engagement für Kulturgüter der Fondation BNP Paribas Suisse und glücklich, dass »Le passage à niveau« erforscht, restauriert, ausstell- und transportierbar gemacht werden konnte«.
Die Fondation engagiert sich seit über 20 Jahren für die Restaurierung von Kunstwerken in Europa, Asien und den USA mit dem Anliegen aktiv daran mitzuwirken, dass Museumsbestände erhalten bleiben und so an zukünftige Generationen weitergegeben werden können. In der Schweiz hat sie bereits über ein Dutzend Projekte gefördert, die dem Erhalt bedeutender Werke von Max Ernst, Mattia Preti, Auguste Rodin, Bram van Velde und Paolo Veronese galten. Bis 2014 setzt sie das Restaurierungsprojekt mit der Fondation Beyeler fort, das Arbeiten an insgesamt drei Werken der Sammlung umfasst.
Ab Februar 2013 wird das restaurierte Gemälde von Fernand Léger in der neuen Sammlungshängung in der Fondation Beyeler präsentiert. Zugleich startet zu Beginn des neuen Jahres das nächste Restaurierungsprojekt für den Originalgips von Max Ernsts Skulptur »The King Playing With the Queen« (Der König spielt mit seiner Königin) von 1944. Dieser wird anlässlich der kommenden Retrospektive präsentiert, welche die Fondation Beyeler vom 26. Mai bis 8. September 2013 dem Künstler Max Ernst widmet. Mit über 170 Gemälden, Collagen, Zeichnungen, Skulpturen und illustrierten Büchern präsentiert sich diese Ausstellung anhand zahlreicher Hauptwerke alle Schaffensphasen, Entdeckungen und Techniken des Künstlers. Die Ausstellung wurde von Werner Spies und Julia Drost konzipiert und entstand in Zusammenarbeit mit der Albertina in Wien. Kurator der Ausstellung in der Fondation Beyeler ist Raphaël Bouvier.
Meldung: Elena DelCarlo, Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, vom 15. 01. 2013
Ausstellung Fondation Beyeler mit Ferdinand Hodler vom 27. Januar – 26. Mai 2013
Siehe auch: Fernand Légers Gemälde „Le passage à niveau“ wird restauriert




