Er studierte in seiner Heimatstadt Wien zunächst Theaterwissenschaft sowie Geschichte und besuchte Kurse bei namhaften Filmemachern wie Drehbuchautor Syd Field und Kameramann Vilmos Zsigmond. Zunächst war Ruzowitzky als Theaterregisseur und Autor von Hörspielen tätig. Es folgten Arbeiten fürs Fernsehen, Werbespots und Musikvideos, etwa für die Scorpions und ‘N Sync.

Sein rasantes Kinodebüt Tempo (1996), in dem Ruzowitzky einen Fahrradkurier mit Kokain durch Wien jagt, wurde beim Max-Ophüls-Preis mit dem Förderpreis der Jury ausgezeichnet und wies den österreichischen Filmemacher als Vertreter eines international orientierten, populären Kinos aus. Diesen Ansatz entwickelte Stefan Ruzowitzky mit dem Alpen-Western Die Siebtelbauern (1998), der ebenfalls beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis prämiert wurde, und Anatomie (2000) weiter. Der Horrorthriller zog allein in Deutschland über zwei Millionen Zuschauer in die Kinos. 2003 folgte Anatomie 2. Zu allen vier Filmen verfasste der Regisseur selbst die Drehbücher.

Nach diesen erfolgreichen Genre-Arbeiten feierte das KZ-Drama Die Fälscher auf der Berlinale 2007 Premiere und erntete sieben Nominierungen für den Deutschen Filmpreis, darunter auch eine für Drehbuchautor Ruzowitzky. Bei der 80. Verleihung der Academy Awards wurde Die Fälscher 2008 mit dem Oscar® als bester fremdsprachiger Film gewürdigt.

Mit Hexe Lilli – Der Drache und das magische Buch (2008) wandte sich Stefan Ruzowitzky einem leichteren Stoff zu und adaptierte die beliebte Kinderbuchreihe für die Leinwand. Sein erster Familienfilm war mit über einer Million Zuschauern ein Erfolg und erhielt eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Kinder- und Jugendfilm. Beim Deutschen Kinder-Medien-Festival „Goldener Spatz“ wurde Ruzowitzky 2009 zudem der Regie-Sonderpreis verliehen.

2012 legte der Regisseur mit dem Thriller Cold Blood – Kein Ausweg. Keine Gnade”, (Deadfall) seinen ersten Hollywoodfilm vor. Trotz hochkarätiger Besetzung mit Eric Bana und Sissy Spacek sorgte er im Jahr darauf mit Das radikal Böse (2013) für weitaus größeres Aufsehen: In seinem Dokumentarfilm geht Ruzowitzky der Frage nach, wie während des Zweiten Weltkriegs aus ganz normalen jungen Männern Massenmörder werden konnten.

Im Januar 2017 kam sein nächster Spielfilm in die deutschen Kinos: Der Psychothriller: Die Hölle – Inferno, in dem eine Wiener Taxifahrerin ins Visier eines Serienkillers gerät, brachte Ruzowitzky den österreichischen Film- und Fernsehpreis Romy (Kategorie Beste Regie Kinofilm) ein. Auf die britische Produktion Patient Zero (2018) folgte die apokalyptische Sky-Serie „8 Tage“ (2019), die Stefan Ruzowitzky gemeinsam mit Michael Krummenacher inszenierte.

Inzwischen hat der Regisseur den aufwendigen Thriller Hinterland mit Murathan Muslu, Liv Lisa Fries und Matthias Schweighöfer fertiggestellt, in dem er das Wien der 1920er-Jahre per Bluescreen-Technik wiederaufstehen lässt.

Interview

Vom Oscar-prämierten Holocaust-Drama Die Fälscher über den Horror-Slasher Anatomie bis zum Kinderfilm Hexe Lilli: Sie haben eine sehr eklektizistische Filmografie, Herr Ruzowitzky. Was war diesmal Ihr Anspruch?

Ich wollte so richtig schönes Gefühlskino machen, mit großen Kinobildern, tollen Kostümen und wunderbaren Schauspielern. Geld zurück, wenn man nicht ein paar Mal einen Kloß im Hals hat, weil alles so berührend, so traurig oder einfach so schön ist!

Haben Sie zu Hermann Hesse eine besondere Beziehung?

„Narziss und Goldmund“ war als Teenager mein Lieblingsbuch! Es ist, glaube ich, wirklich gelungen, aus dieser Liebe und diesem Respekt heraus Hesse treu zu bleiben und ihn zugleich mutig in die heutige Zeit und in das andere Medium zu verpflanzen. Ich habe noch nie einen Film gemacht, in dem so viele Figuren meine ureigensten Gedanken und Gefühle bezüglich Freundschaft, Liebe, Kunst formulieren bzw. ausleben.

Aber warum gerade jetzt Hesse verfilmen? Hat uns ein 90 Jahre altes Buch heute noch etwas zu sagen?

Das Besondere an Hesses Erzählung ist ihre Zeitlosigkeit, dass die hier aufgeworfenen Fragen so tief und universell sind. Es ist wohl auch kein Zufall, dass Zeit und Ort in der Erzählung nicht definiert werden. Im Zuge der Arbeit an dem Film habe ich erstaunlich viele Menschen getroffen, für die Hesse und im Besonderen „Narziss und Goldmund“ eine Art Lebenskompass darstellen, die seine Bücher immer wieder lesen. Gerade die Frage nach dem richtigen Lebensweg – zwischen Narziss’ Verinnerlichung und Goldmunds leidenschaftlicher Weltzugewandtheit – ist ja eine, die immer aktuell sein wird. Für Jugendliche, die noch auf der Suche sind, aber offensichtlich genauso für Ältere, die ihr Lebenskonzept weiter ständig hinterfragen.

Die Frauen dürfen in der Erzählung nicht viel mehr, als Goldmund schmachtend in die Arme zu sinken…

Ich habe die Frauenfiguren massiv aufgewertet. Ja, sie verlieben sich wie bei Hesse allesamt in Goldmund – was bei Jannis Niewöhner ja durchaus nachvollziehbar ist. Sie haben jedoch im Film viel stärkere Persönlichkeiten und sind in der Beziehung zu ihm jeweils die deutlich Dominanteren. Jede der Frauen weiß genau, was sie von Goldmund will: seine Arbeitskraft, sein Talent oder einfach nur seinen schönen Körper für ein Schäferstündchen.

Goldmunds Drang hinauszugehen, frei zu sein – kann eine Generation, die eher dafür kämpft, möglichst lange im Hotel Mama bleiben zu dürfen, das nachvollziehen?

Goldmunds Wunsch nach Freiheit, möglichst viel von dieser Welt zu erleben, ist heute sicherlich anders zu bewerten. Es geht nicht mehr wie 1930 darum, aus einer repressiven Gesellschaft mit rigider Sexualmoral auszubrechen, sondern eher darum, einen grenzenlosen Eskapismus zu überdenken. Alles muss man heutzutage ausprobiert haben, immer extremer müssen die Erfahrungen sein, um überhaupt noch einen Kick zu bekommen. Da scheint sich das Pendel gerade Richtung Narziss zu bewegen, im Sinne von Verinnerlichung, mehr Konzentration auf das Wesentliche.

Der Film zeigt ein geradezu irreal schönes, farbenfrohes Mittelalter. Ist das ein bewusster Bruch mit den derzeit gängigen Sehgewohnheiten?

Man könnte natürlich aus guten Gründen ein dreckigeres, gewalttätigeres, kontroverseres Mittelalter zeichnen. Bei Hesse bzw. im Film geht es aber nicht um ein naturalistisches Bild, sondern darum, diese Welt durch die Augen eines leidenschaftlichen Künstlers als überwältigend reich und schön zu sehen. Vielleicht waren da in Wirklichkeit gar nicht so viele pittoreske Klatschmohnblüten, vielleicht war sogar Lene in Wirklichkeit gar nicht so hübsch – aber Goldmund hat es so empfunden, also haben wir es so gedreht.

Hermann Hesse wird oft vorgeworfen, etwas kitschig zu sein. Haben Sie versucht, das zu vermeiden – oder gehört ein bisschen Kitsch dazu, wenn man Hesse gerecht werden will?

Hesse bzw. der Film erzählen auch von schrecklichen Ereignissen, von Tod und Leid, von existenziellen Krisen; wie man an seinem Lebensweg zweifelt, die große Liebe verliert oder erkennt, dass man sie nie bekommen wird. „Narziss und Goldmund“ zeichnet dabei aber ein sehr unzynisches Bild vom Leben und der Welt, das mir sehr nahe ist. Ja, es gibt fürchterliche Dinge, es gibt das Böse, auch in einem selbst. Trotzdem lohnt es sich, immer weiter zu suchen und zu kämpfen, weiter zu leben und zu lieben.

Mit Jannis Niewöhner und Sabin Tambrea haben Sie die Hauptfiguren sehr jung besetzt.

Jannis Niewöhner hat bei einem jungen Publikum schon eine große Fangemeinde. Und ich bin sicher, dass ihn durch Goldmund jetzt auch die Älteren entdecken. Ich kenne kaum einen Schauspieler, der emotional so „aufmachen“ kann wie Jannis, der sein Publikum ganz ohne Scham tief in sein Innerstes blicken lässt. Man spürt bei ihm, dass all diese großen Gefühle echt sind, dass da keine Berechnung und vor allem keine Eitelkeit ist. Und mit Sabin Tambrea haben wir das ideale Gegenstück gefunden: Wie er diesen Narziss zeichnet, als äußerlich so beherrschten, ausgeglichenen Intellektuellen, und wir dabei aber genau die große Liebe und die Leidenschaften spüren, die in ihm wüten – das ist schon ganz großes Kino!

Quelle: Sony Pictures Entertainment Germany

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