Die andere Seite der Medaille sieht im Modellbau einen erhöhten Zugewinn an Plastizität und rechnet die Arbeit am Entwurfsmodell der Bildenden Kunst zu, indem Modellbau und Bauwerk vergleichbar mit der Entstehung einer Skulptur sind. „Architektur bilden“ beschäftigt sich in seinen Beiträgen überwiegend mit Knet- und Würfelmodellen sowie der Frage nach dem besonderen Erkenntniswert der sich aus dem Entwurfsmodell für Betrachter ergeben können.
Zu den im Buch vorgestellten Gebäuden mit Ausformungen als Knetmodell zählt das Festsaalgebäude der Waldorfschule in Stuttgart. Die bauliche Umsetzung durch den Stuttgarter Architekten Rolf Gutbrod (1910 – 1999) zeigt diesen Festsaal als eine in skulptural-monolithischer Form modellierte Architektur. Die Verwendung von Ton- und Plastiliinmodellen im vorliegenden Beispiel weist überdeutlich auf die leitende Bedeutung bei der Entwurfsfindung hin. Umgesetzt wurde das Gebäude schließlich in Sichtbeton, was den Umgang mit Plastilin während des Modellbaus erleichtert hat. Das Entwurfsmodell der Fassade zur Universitätsbibliothek in Köln wurde vom gleichen Architekten um 1960 wiederum mit Holzstäbchen umgesetzt. Carlfried Mutschler ist skulptural mit dem Modell des Gemeindezentrums in Mannheim aus dem gleichen aufgeführt, das baulich nicht die Realität umgesetzt wurde.
Den künstlerisch ausgebildeten und in seinen Entwürfen stark skulptural arbeitenden Nachkriegsarchitekten Gottfried Böhm erwähnt der Buchautor gar nicht, obwohl das skulpturale Verständnis von Architektur als Skulptur einer der beiden Schwerpunkte der Untersuchung bildet.


