Stadt Bauen Heute? Herausforderungen neuer Quartiere in Deutschland 28. Juni – 2. November 2025 im Deutschen Architekturmuseum (DAM)


Die Ausstellung im wiedereröffneten Architekturmuseum am Mainufer bietet interessante Ansätze zum Thema Quartier und Stadtentwicklung. Die gestalterische Aufteilung im Ausstellungsraum, die Ausstellung belegt eine Etage im ‚Haus im Haus‘, ist als Rundgang konzipiert. Im mittleren Bereich besteht die Möglichkeit sich hinzusetzen entweder an den Tisch, um Videos zur Themenausstellung anzuschauen oder an einen Büchertisch, auf dem zahlreiche Publikationen zum Thema Bauen in der Stadt zum Reinlesen und Nachschauen verteilt ausliegen. Zudem wurde Teppichboden ausgelegt, vor allem in Abgrenzung zum umliegenden Bereich an den Wänden, an denen anhand beschrifteter Wandtafeln, Fotoleinwänden, Tablet-Videos und erläuternden Abbildungen ein Überblick zu den Umgangsformen im Quartiersleben geschaffen werden soll. Insgesamt wirken die vorgestellten Quartiere exemplarisch ausgewählt. Eine sachliche Unterscheidung zwischen Stadtviertel und Quartier wird nicht gezogen, wobei Quartiere kleinere Einheiten zu den Stadtvierteln bilden. Es handelt sich um eine Auswahl der im Bundesgebiet gemachten Beobachtungen. Einblicke in das tatsächliche Geschehen ist meiner Meinung auf diese Weise nicht ohne weiteres möglich, zu unterschiedlich sind die Realitäten zwischen Städten und Regionen. Vor dem Hintergrund ‚100 Jahre Neues Frankfurt‘ und Reformen besteht in jedem Fall Grund zur Handhabe. Es ist geradezu eine Herausforderung, Vergleiche mit Städten und anderen Orten zu ziehen, nicht zuletzt um kreative Ansätze weiter zu entwickeln, was unbedingt notwendig ist, um Dimensionen der Infrastruktur in Bestand und Neubau aufzuarbeiten. Schließlich soll der Mensch und die Lebewesen mit ihm  von der von ihm und ihr bezogenen Lebenswelt profitieren können. Sollen nicht auf der Strecke bleiben, sondern integriert werden in die Abläufe eines lebendigen Stadtquartiers.           

Foto (c) Kulturexpress

Die Schaffung neuartiger Stadtviertel stellt für zahlreiche Städte in Deutschland gegenwärtig eine Herausforderung dar. Es ist wichtig, Aspekte wie Klimaschutz, Mobilität, soziale Integration und demografischer Wandel zu beachten. Die im Rahmen des Wohnungsbauprogramms des „Neuen Frankfurt“ entstandenen Siedlungen waren vor einhundert Jahren ein Paradebeispiel für innovatives, soziales Bauen. Die Siedlungen, die als Satelliten am Stadtrand entstanden, hatten jedoch nur eine Funktion. Arbeiten und Wohnen wurden in unterschiedliche Zonen verlegt. Dadurch gewann die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur an Bedeutung. Bis zu den Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre prägte dieses flächenintensive Modell der Außenentwicklung die Stadtplanung über mehrere Jahrzehnte.

Die Wende zur Innenentwicklung der bestehenden Stadt begann in den 1980er Jahren, mit den Stadterneuerungsprojekten auf der Internationalen Bauausstellung (IBA) in West-Berlin als beispielhaften Initiativen. Hieraus ergaben sich zum einen Strategien zur Umnutzung von Brachflächen, zum anderen Partizipationspraktiken. Gegenwärtig werden erneut gemischt genutzte Stadtviertel geschaffen, die Wohnen, Arbeiten und Gewerbe miteinander verbinden. Die wesentlichen Herausforderungen bestehen darin, nachhaltige und sozial gemischte Lebenswerte Strukturen trotz wachsender Flächenknappheit.

v.l.n.r.: Peter Cachola Schmal, Andrea Jürges, Yorck Förster, Brita Köhler

Stadt Bauen im Heute? stellt acht Quartiere in Deutschland, die seit 1990 geplant wurden – von der Messestadt Riem in München bis zum WarnowQuartier in Rostock, der historischen Planung der Frankfurter Römerstadt von 1928 gegenüber. Sie machen die Entwicklung nachhaltiger Planung deutlich, wobei zwei Projekte auch Grenzen und Misserfolge aufzeigen.

Eine Stadt stellt immer eine offene Planung dar. Auch die Etablierung flexibler und offener Strukturen zur Bewältigung von Veränderungen zählt gegenwärtig zu den größten Herausforderungen einer zukunftsfähigen Quartiersplanung.

Quartiersentwicklungen

Eine Quartier stellt eine städtische Einheit dar, die größer als eine Nachbarschaft, aber kleiner als ein Stadtteil ist und sich in einem überschaubaren Rahmen bewegt. Das Quartier weist im Gegensatz zur Siedlung eine gemischte Nutzung auf. Die heutigen Herausforderungen bestehen in einer sozialen Diversität der Bewohnerinnen und Bewohner sowie in einem ausreichenden Angebot an kostengünstigem Wohnraum. Außerdem sollten kurze Distanzen und verschiedene Mobilitätsformen realisierbar sein. Ökologisch betrachtet sind alle Aspekte der Klimagerechtigkeit relevant: die Art der Wärmeversorgung, der Schutz bestehender Biotope, Wasserretention und die Verhinderung von Hitzeinseln. Durch die soziale Infrastruktur und ihre architektonische Qualität kann das Quartier eine Identität und Wiedererkennbarkeit erhalten. Es ist notwendig, dass die Bürger_innen rechtzeitig in eine integrierte Planung des Stadtteils einbezogen werden.

Eine Quartiersentwicklung zeichnet sich durch ihren prozesshaften Charakter aus: Die Schritte reichen von Umweltverträglichkeitsprüfungen über Ideenwettbewerbe und Vertragsvereinbarungen bis hin zur Begleitung und Zustimmung durch die Gemeinde- oder Stadtverordnetenversammlung. Gleichzeitig entstehen diverse Planungsinstrumente: vom Flächennutzungsplan über städtebauliche Rahmenplanungen bis hin zum rechtsverbindlichen Bebauungsplan. Es handelt sich dabei nicht um das Resultat eines abgeschlossenen Plans, sondern um ein nachhaltiges, resilientes und sozial vielfältiges Stadtquartier mit gemischter Nutzung. Es ist vielmehr notwendig, dass in diesem Prozess zahlreiche Akteur_innen mit verschiedenen Interessen zu einer auf das Gemeinwohl ausgerichteten Stadtentwicklung zusammenkommen.

Neue Frankfurt Siedlungen

Das neue Planungsdezernat erhielt mit der Berufung von Ernst May zum Frankfurter Stadtbaurat im Jahr 1925 umfangreiche Befugnisse: Die Bereiche Bauaufsicht, Hochbau, Stadtplanung und Gartenwesen wurden zusammengeführt. Bis 1930 wurden auf diese Weise Siedlungen mit etwa 12.000 Wohnungen geschaffen. Neben dem städtebaulichen Entwurf lieferte das Team um May auch die detaillierte Bauplanung für die Gebäude, die Innenausstattung, die Gartenhütten und die Bepflanzungspläne. Die Siedlungen konnten in dieser Geschwindigkeit verwirklicht werden, indem Bauteile normiert und typisiert wurden.

Sie stellten einen Kontrast zur Stadt mit Wohnhäusern neben Fabriken – weg von Lärm und Enge hin zu einem Leben mit Licht, Luft und Erholungsgrünräumen – dar.
Im Niddatal trat der Gartenstadtcharakter besonders deutlich hervor. Soziale Institutionen wie Schulen, Kindergärten, Waschhäuser und Gemeinschaftsbauten vervollständigten die Soziale Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Waschhäuser und Gemeinschaftsbauten wurden in die Planung einbezogen, obwohl nicht alle umgesetzt wurden. Die Mehrzahl der Wohnungen wurde für Haushalte mit vier Personen entworfen. Bei der die Siedlungen waren maßgeblich für die funktionale Detaillierung und Ausstattung der Wohnungen sowie für die Qualität der Außenräume. Die überschaubare Größe schuf Nachbarschaften mit einem ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die funktionale Gestaltung, die auf die Lebensbedingungen der 1920er Jahre abgestimmt wurde, erschwert allerdings eine Anpassung an heutige Anforderungen. Außerdem kennzeichnen diese Siedlungen, die fast ausschließlich einer einzigen Funktion dienen, einen frühen Schritt in Richtung Zersiedelung der Landschaft und Fragmentierung der Stadtstruktur in den folgenden Jahrzehnten.

Stadt bauen in allen seinen Facetten: Acht Quartiere

Im Hauptbereich der Ausstellung werden acht beispielhafte Quartiersentwicklungen aus verschiedenen Teilen Deutschlands präsentiert. Sie zeigen die Vielfalt zeitgenössischer Ansätze für einen differenzierten Stadtbau auf – unterschiedlich in Bezug auf Größe, Lage, Entwicklungsstand und konzeptionelle Ausrichtung.

Ein Fokus liegt auf innerstädtischen Konversionsflächen: Die Bahnstadt Heidelberg und der Neckarbogen Heilbronn wandeln ehemalige Bahnflächen in lebendige Lebensräume um. Das Stadtzentrum wird mit der Hamburger HafenCity bis zur Elbe ausgedehnt – ein Gebiet intensiver Urbanität mit diversen Nutzungen. Im Gegensatz dazu befindet sich das WarnowQuartier in Rostock noch in der Anfangsphase seiner Entwicklung.

Auch abseits der historisch gewachsenen Stadtstrukturen entstanden neue Quartiere auf umgewidmeten Flächen in Randbereichen: die Messestadt Riem auf dem Gelände des ehemaligen Münchner Flughafens und die City of Wood in Bad Aibling, ein Pionierprojekt für ökologischen Holzbau und einfaches Bauen, auf ehemals militärisch genutztem Gelände.

Nicht alle Projekte wurden umgesetzt: Die Berliner WerkBundStadt wurde durch die gewinnorientierte Veräußerung des Grundstücks gestoppt. Selbst die Günthersburghöfe in Frankfurt konnten, trotz versuchter Einbeziehung der Beteiligten, nicht gegen den politischen Widerstand bestehen. Die acht dargestellten Fälle machen deutlich, dass die Entwicklung von Quartieren ein vielschichtiger Prozess ist, der häufig viel Zeit in Anspruch nimmt und dessen Ausgang nicht sicher ist. Sie reflektieren wesentliche Herausforderungen unserer Zeit: von der Umnutzung und ökologischen sowie klimatischen Nachhaltigkeit über die Einbeziehung der Bevölkerung bis hin zur ausgewogenen Nutzungsmischung.

Historische Referenz:
Römerstadt, Frankfurt am Main (1927–1928)
Acht Quartiere:
HafenCity, Hamburg (ab 1999)
Bahnstadt, Heidelberg (ab 1999)
Neckarbogen, Heilbronn (ab 2009)
City of Wood, Bad Aibling (ab 2008)
Messestadt Riem, München (ab 1990)
WerkBundStadt, Berlin (2014–2018)
Günthersburghöfe, Frankfurt am Main (2013–2021)
WarnowQuartier, Rostock (ab 2018)

MAKING OF… Lehrforschungsprojekt der Hochschule Frankfurt am Main

Das Lehrforschungsprojekt „Making of…“ beschäftigte sich mit großflächigen Quartiersentwicklungen der jüngeren Vergangenheit, ausgehend von den Ideen des Neuen Frankfurt. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Welche Kriterien muss ein Stadtviertel erfüllen, damit es für verschiedene Lebensentwürfe gerecht wird und dabei lebenswert sowie vielfältig ist? Welche Entscheidungen, Abläufe und Werkzeuge gestalten die Planung?

Es wurden sowohl fördernde als auch hemmende Einflussfaktoren berücksichtigt.  Studierende des Masterprogramms Umweltmanagement und Stadtplanung in urbanen Agglomerationen analysierten exemplarische Projekte wie die Messestadt Riem (München), die HafenCity (Hamburg) und die Bahnstadt (Heidelberg). Im Mittelpunkt standen dabei Kriterien wie Vergabeverfahren, Wohnformen, Einwohner:innendichte, ökologische Konzepte und gestalterische Leitlinien. Eigenständige Forschungsreisen in die Quartiere bildeten den zentralen Bestandteil. Die Studierenden interviewten lokale Akteur:innen, um Einblicke in die Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse zu erhalten.

Das Seminar beschäftigte sich außerdem mit der Entwicklung des Spiels Plan.Spiel.Stadt., das für die Ausstellung Stadt Bauen Heute? entworfen wurde. Das Spielkonzept und der -verlauf wurden in interdisziplinären Gruppen mit Studierenden der Sozialen Arbeit getestet. Die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum und die Begleitung des Ausstellungsprozesses bereicherten das Projekt um wertvolle Perspektiven.

Plan.Spiel.Stadt.
Verhandle klug, baue weise.

Die Planung einer Stadt ist ein vielschichtiger Vorgang, in dem verschiedene Interessen kollidieren. Es gilt, Wachstum, Nachhaltigkeit, Umweltbelange, soziale Gerechtigkeit und Ökonomie miteinander zu vereinbaren – ein Balanceakt, der kluge Entscheidungen und Verhandlungsgeschick erfordert. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) hat ein Stadtplanungsspiel entwickelt, um diese Herausforderungen erlebbar zu machen, anstelle eines herkömmlichen Ausstellungskatalogs. Das Spiel „Conflicity“ des Vereins Urban Equipe bildete die Grundlage dafür, und das DAM entwickelte es gemeinsam mit dem Spieleverlag Lookout weiter.

Fachwissen, Problemlösungsfähigkeiten und ein vertieftes Verständnis für Stadtplanung werden durch spielerische Elemente gefördert. Im Spiel übernehmen die Spieler:innen unterschiedliche Rollen – von Investor:innen über Stadtverwalter:innen bis hin zu Umweltschützer:innen – und gestalten gemeinsam die Zukunft einer Stadt. Aber jede Entscheidung zieht Folgen nach sich: Welche Bauvorhaben werden realisiert?

An welchen Stellen ist Verhandlung notwendig? Wie können Konflikte gelöst werden? Das Ziel ist es, eine funktionierende Stadt zu gestalten, in der niemand zurückgelassen wird. Es wird dabei hautnah nachvollzogen, wie das Stadtbild durch Interessenskonflikte, Kompromisse und strategische Überlegungen geprägt wird.

Herausgeber: Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Das Spiel wurde von der Abteilung Bildung und Vermittlung des Deutschen Architekturmuseums entwickelt:
Rebekka Kremershof (Leitung Bildung und Vermittlung),
Confiyet Aydin (Stellvertretende Leitung Bildung und
Vermittlung), Gabriel Bär (Freier Mitarbeiter)

In Zusammenarbeit mit: Lookout (Redaktion: Grzegorz Kobiela, Grafik-Support: atelier198). Mit Unterstützung durch: Ruth Schlögl, Prof. Dr.-Ing. Natalie Heger, Lukas Vejnik und Studierenden der Frankfurt University of Applied Sciences

Grundlage: Dieses Spiel basiert auf Conflicity, entwickelt von Urban Equipe (Zürich).
Grafikdesign: VERY, Frankfurt am Main
ISBN/ Barcode: 4170000230878
Altersempfehlung: 8+
Spieleranzahl: 4
Im Museumsshop erhältlich für 25,- EUR.

Stadt Bauen Heute?
Herausforderungen neuer Quartiere in
Deutschland

28. Juni – 2. November 2025
im Deutschen Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt am Main

Öffentliche Führungen
Samstags und sonntags, 15 Uhr mit Yorck Förster

Öffnungszeiten
Di/Do-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr,
Mo geschlossen