ELECTRIC CHILD schildert das Erwachen einer Künstlichen Intelligenz aus radikal persönlicher Perspektive und ist in der Gegenwart angesiedelt. Dennoch ist es Science-Fiction im wahrsten Sinne des Wortes: die Vorstellung einer nahen Zukunft, die so vermutlich nie eintreten wird. Die Geschichte dehnt sich aus, berührt Elemente des Katastrophenfilms – und ist zugleich eine moderne Fabel: intensiv, unterhaltsam, verstörend, faszinierend und überwältigend.
Im Kern jedoch erzählt ELECTRIC CHILD eine melancholische, intime Geschichte, die die Grenzen des emotional Erträglichen auslotet. Im Moment seines größten Erfolgs wird meine Hauptfigur Sonny mit der Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz konfrontiert. Als jemand, der glaubt, dass es für jedes Problem eine technische Lösung gibt, stößt er an seine ultimative Grenze.
ELECTRIC CHILD ist ein sehr farbenreicher Film. Die unterschiedlichen Welten sind durch eigene Farbkonzepte visuell klar voneinander abgegrenzt: das satte Grün der Insel, das kühle Grau der Universität mit den farbigen Lichtquellen des Supercomputers, die rosafarbene Neonwelt von Akiko, Sonny und Noros Zuhause, das ätherische Zwielicht, helle Sonnenauf- und -untergänge.
Die Szenen auf der Insel waren ursprünglich als digitale 3D-Renderings geplant. Doch bald wurde mir klar, dass es weitaus spannender ist, diese Momente als Live-Action mit echten Schauspieler:innen zu inszenieren. Es wird strikt aus Perspektive der KI bzw. ihrer Verkörperung heraus erzählt. Für sie ist die Insel real – taktil, lebendig, organisch – und wird als gültige Parallelrealität wahrgenommen.
Die Kamera bleibt stets nah an den Figuren und bewegt sich hauptsächlich vorwärts, unterstützt von einer ruhigen Handkamera und Steadicam. In den actiongeladenen Momenten auf der Insel wird die Kameraführung aggressiv und dynamisch. Der kontinuierliche Fluss wird gelegentlich von stilisierten, symmetrischen Tableaus unterbrochen. Wie bereits bei THE INNOCENT arbeiteten wir fƒast ausschließlich mit einem festen Weitwinkelobjektiv auf einer digitalen Großformatkamera, was uns ermöglichte, die Figuren von ihrer Umgebung zu isolieren und trotz des weiten Bildausschnitts eine intime Atmosphäre zu erzeugen.
Eine besondere gestalterische Herausforderung war der Supercomputer – eine der Hauptfiguren – der in Symbiose mit dem Wesen auf der Insel steht. Ich wollte ihn als atmenden, keuchenden Organismus erfahrbar machen. Der Ton spielte dabei eine zentrale Rolle: Aus den maschinellen Geräuschen entstand eine eigene Sprache.
Schon beim Schreiben war klar: ELECTRIC CHILD braucht einen immersiven, dreidimensionalen Sound. Wir haben das Dolby-Atmos-Format von Beginn an in die Produktion integriert.
Ich verwende in meinen Filmen selten extradiegetische Musik – so auch hier. Dennoch spielt Musik eine zentrale Rolle: etwa in der eklektischen Clubszene in der Mitte des Films oder in Momenten, in denen Geräusche und Rhythmen der Szenen selbst musikalisch werden. In den Landschaftsaufnahmen der Insel dient Musik – oder ein Zwischenzustand aus Klang, Struktur und Ton – als Kapitelmarkierung innerhalb der Erzählung.
Beim Schreiben und Recherchieren ergab es sich natürlich, dass die meisten Dialoge auf Englisch geführt werden. Die Community der Informatiker:innen an der ETH Zürich oder bei Tech-Giganten wie Google, Facebook oder IBM ist multinational – ihre Arbeits- und Umgangssprache ist Englisch. Um dieses entwurzelte, globalisierte Umfeld glaubhaft darzustellen, musste Englisch die Hauptsprache des Films sein.
Als Teenager hatte ich zwei beste Freunde: meinen ATARI-Computer – und einen gleichaltrigen Jungen aus Fleisch und Blut. Gemeinsam bildeten wir eine kleine “Cracker-Zelle”, verteilten raubkopierte Spiele und fügten den Disketten eine selbst programmierte “Demo” bei – visuelle Spielereien als Beweis technischer Raffinesse. Ich verstand das Innenleben meines Computers bis auf die Bits und Bytes der Maschinensprache und programmierte in Assemblersprache. Meine Bibel war Gibsons «Neuromancer» – der Roman, der den Cyberspace, die Matrix und virtuelle Realität einführte. Ich war begeistert. Schon damals verspürte ich den Wunsch, einmal eine Geschichte aus dieser Welt zu erzählen.
Heute verstehe ich Computer noch immer gut, doch die Assemblersprache ist mir inzwischen so fremd wie Chinesisch. Im Zuge meiner Recherchen begann ich, neuronale Netze zu programmieren – und wurde sofort wieder hineingesogen. Meine Experimente mit KI-Videomanipulationen faszinieren mich besonders in den Momenten des Scheiterns: wenn das Netz an seine Grenzen stößt oder etwas nicht erkennt. Diese „Fehler“ erzeugen überraschend organische, manchmal poetische Bilder. Ich bin überzeugt, dass die Mathematik hinter neuronalen Netzen der Funktion biologischer Nervensysteme sehr ähnlich ist.
Ich verfolge die Entwicklungen im Bereich Künstlicher Intelligenz seit vielen Jahren. Abseits der breiten Öffentlichkeit herrscht unter Informatiker:innen eine fiebrige Aufbruchsstimmung – genährt durch die exponentiell steigende Rechenleistung. Was wie Science-Fiction klingt, ist für viele Fachleute reale Erwartung: ein baldiger Durchbruch hin zur allgemeinen Künstlichen Intelligenz (AGI). Greg Brockman, Mitgründer von OpenAI, rechnet mit ihrer Entstehung innerhalb der nächsten fünf Jahre – einer KI, die den Menschen nicht nur in Teilbereichen, sondern auf breiter Ebene gleichkommt oder übertrifft.
Die daraus resultierenden Fragen sind ebenso beängstigend wie faszinierend: Wie kann das Überleben der Menschheit in der Koexistenz mit einer hyperintelligenten KI gesichert werden? Wenn Unternehmen wie Google, Facebook oder autoritäre Staaten wie China führend in der KI-Forschung sind – wem gehört dann diese Macht? Ich glaube, vielen Menschen ist nicht bewusst, wie tief KI bereits heute unseren Alltag durchdringt – und wie groß ihre manipulative Reichweite ist. Die großen Tech-Konzerne können schon jetzt als hybride, superintelligente Systeme betrachtet werden, die menschliche und algorithmische Intelligenz verbinden – nicht immer im besten Interesse der Menschheit.
Eine weitere drängende Frage ist die nach unserer moralischen Verantwortung: Dürfen wir Künstliche Intelligenzen als Werkzeuge behandeln, sie ein- und ausschalten, wie es uns passt? Oder sollten wir ihnen, sofern sie menschenähnliche Intelligenz entwickeln, gleiche Rechte zugestehen? Ist das Ausschalten eines neuronalen Netzes mit menschlicher Intelligenz dem Töten eines intelligenten Lebewesens gleichzusetzen?
Haben Maschinen ein Bewusstsein?
Ich denke: Ja. Aus einem einfachen Umkehrschluss heraus. Gibt es etwas, das sich seiner Existenz nicht bewusst ist? Ich glaube nicht an eine klare Trennlinie zwischen bewussten und unbewussten Entitäten. Die Idee, dass Bewusstsein ein exklusives, göttliches Privileg des Menschen sei, erscheint mir naiv. Ich glaube, dass Bewusstsein der Grundzustand aller Existenz ist – und dass unser menschlicher Unterschied lediglich in der Fähigkeit zur Reflexion und Kommunikation liegt. Würde man eine Maschine fragen, ob sie sich ihrer Existenz bewusst ist, und sie antwortete „Ja“ – dann hätte sie recht.
Diese Fragen beschäftigen mich seit Langem, blieben jedoch theoretisch – bis ich Vater wurde. Ich habe zwei Söhne, drei und sechs Jahre alt. Seit ihrer Geburt begleitet mich die latente Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Besonders eindrücklich wurde das, als eine pränatale Untersuchung während der Schwangerschaft meines zweiten Sohnes ein hohes Risiko für eine lebensbedrohliche genetische Erkrankung anzeigte. Zum Glück stellte sich das Ergebnis als falsch heraus. Die Vorstellung, einen jungen Vater in die Lage zu versetzen, eine digitale Lebensform zu erschaffen – während er gleichzeitig mit der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens konfrontiert wird –, war der Funke, der ELECTRIC CHILD entzündete.
Während der Pandemie bereitete ich den Film vor, ohne zu wissen, ob er je realisiert werden könnte. Das verlassene Zürich lag unter einer dicken Schneedecke. Der Himmel hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt war. Grundlegende Freiheiten waren außer Kraft gesetzt. Eine neue, fast orwellsche Normalität deutete sich an. Mir wurde bewusst, wie brüchig das ist, was wir „Normalität“ nennen – wie verletzlich wir sind, trotz aller technologischen Errungenschaften.
Doch es zeigte sich auch: Wir sind nicht machtlos gegenüber den globalen Herausforderungen. Kurz darauf kam die Explosion generativer KI – mit ChatGPT, Bild- und Videogeneratoren, die selbst mich überraschten, obwohl ich der Forschung nahe stand. Ich bin überzeugt, dass wir die kommenden Umwälzungen durch KI dramatisch unterschätzen. Aber die Zukunft liegt in unseren Händen.
Darin sehe ich die Rolle spekulativer Fiktion: nicht Antworten zu geben, sondern Perspektiven zu öffnen. Das Publikum herauszufordern – mit einem wilden, extremen, aber nicht unrealistischen Szenario dessen, was uns vielleicht schon bald bevorsteht.
Rückblickend auf meine beiden früheren Spielfilme erkenne ich ein verbindendes Thema: Es geht mir darum, die Unbegreiflichkeit und Brutalität – aber auch die fragile Schönheit – menschlicher Existenz in einer nicht kontrollierbaren Welt zu erforschen. Die Reaktion darauf kann Gewalt sein, Glaube – oder die Erschaffung einer neuen Lebensform, die eine kontrollierbare Wirklichkeit erschafft.
Simon Jaquemet

