Dieser Beitrag enthält Auszüge aus der Rede: „Die deutsche Wirtschaft: Konjunkturschwankungen bewältigen und langfristiges Wachstum ankurbeln“ Öffentliche Vorlesung von Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank bei der Eesti Pank am 07.07.2025 in Talinn in englischer Sprache.
Im Jahr 2024 lag das reale BIP (Bruttoinlandsprodukt) in Deutschland nur 0,4 Prozent über dem Wert des Jahres 2019. Im Vergleich dazu stagnierte auch die estnische Wirtschaft weitgehend auf dem Niveau von 2019. In Deutschland lässt sich diese ernüchternde Bilanz auf mehrere Ursachen zurückführen. Zum einen haben sich die jüngsten Krisen erheblich auf die Wirtschaft ausgewirkt.
Deutschland gehört zu den weltweit stärksten Volkswirtschaften. Deshalb war es während der Corona-Pandemie auch stärker als viele andere Staaten von den Lieferkettenstörungen betroffen. Zudem war das Land aufgrund der großen Abhängigkeit von russischem Gas besonders anfällig gegenüber dem hohen Energiepreisanstieg. Gleichzeitig verliert die deutsche Industrie an den internationalen Märkten allmählich an Wettbewerbsfähigkeit. Dies ist zum Teil auf die zunehmende Stärke globaler Wettbewerber zurückzuführen, vor allem jener aus China, die bereits lange vor Ausbruch der Pandemie zu beobachten war.
Neben diesen außenwirtschaftlichen Herausforderungen gibt es auch anhaltende binnenwirtschaftliche Wachstumshemmnisse. Insgesamt liegt das Wachstum des Produktionspotenzials bei moderaten 0,4 Prozent und dürfte ohne wesentliche politische Änderungen auf diesem niedrigen Niveau bleiben.
Konjunkturausblick
Wie sind die kurzfristigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft vor dem Hintergrund dieser strukturellen Herausforderungen? Die Wirtschaft in Deutschland wuchs im ersten Quartal des laufenden Jahres um 0,4 Prozent, nachdem Ende des vergangenen Jahres ein leichter Rückgang verzeichnet worden war. Damit fiel das Wachstum stärker aus als erwartet. Dies war unter anderem dem Umstand zuzuschreiben, dass Lieferungen aufgrund von Bedenken hinsichtlich steigender Zölle vorgezogen wurden.
Dennoch ist die wirtschaftliche Grunddynamik weiterhin schwach. Der Prognose der Bundesbank vom Juni 2025 zufolge dürfte die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr mehr oder weniger stagnieren. Unter Berücksichtigung der unerwartet guten Wachstumszahlen für das erste Quartal scheint ein leichter jährlicher Anstieg möglich. Das würde aber immer noch bedeuten, dass das Wachstum drei Jahre in Folge gering ausfiel.
Die Prognose der Deutschen Bundesbank steht im Einklang mit den jüngsten Prognosen des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der Europäischen Kommission, die für 2025 mit einem Nullwachstum rechnen. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ist etwas optimistischer und geht von einer Wachstumsrate von 0,4 Prozent aus.
Anzeichen der Erholung
Für 2026 prognostiziert die Bundesbank ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 0,7 Prozent. Im Jahr 2027 könnte das Wachstum dann 1,2 Prozent betragen. Im Vergleich zur Prognose vom Dezember letzten Jahres wurden die Aussichten für 2025 somit nach unten revidiert, während sich jene für 2027 verbesserten. Die Prognose wird von zwei gegenläufigen Faktoren beeinflusst.
Einerseits werden die Zollanhebungen und die erhöhte Unsicherheit das Wachstum der deutschen Wirtschaft Schätzungen zufolge um etwa 0,75 Prozentpunkte verringern. Dieser Effekt dürfte in erster Linie das Wachstum in den Jahren 2025 und 2026 beeinflussen. In der Basisprognose wird davon ausgegangen, dass die seit April von allen US (United States)-Handelspartnern geforderten zusätzlichen Zölle von mindestens 10 Prozent bestehen bleiben. Darüber hinaus werden die Zölle auf Stahl und Aluminium sowie auf Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile berücksichtigt. Schließlich wird auch mit einem deutlichen Anstieg der Unsicherheit gerechnet, insbesondere im Hinblick auf die Handelspolitik.
Andererseits werden die wachstumsdämpfenden Effekte der Zölle ab 2026 durch positive Wachstumsimpulse aufgrund der fiskalpolitischen Maßnahmen in Deutschland ausgeglichen. Es wurde erheblicher Spielraum für eine höhere Verschuldung geschaffen, die Defizite dürften steigen. Dieser Spielraum wird unter anderem zur Finanzierung zusätzlicher Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben genutzt werden. Schätzungen der Fachleute zufolge könnten diese Mehrausgaben das Wirtschaftswachstum bis 2027 um insgesamt 0,75 Prozentpunkte erhöhen.
In der Basisprognose heben sich die beiden gegenläufigen Kräfte weitgehend auf. Die Projektionen sind jedoch mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Risiken ergeben sich aus den Handelskonflikten wie auch den geopolitischen Spannungen und der konkreten Ausgestaltung der deutschen Wirtschafts- und Fiskalpolitik. So könnten sich die BIP (Bruttoinlandsprodukt)-Verluste durch eine Eskalation des Handelskonflikt bis 2027 auf 1,5 Prozentpunkte erhöhen.
In diesem Risikoszenario würden die Anfang April angekündigten Zollanhebungen durch die USA (United States of America), die derzeit teilweise ausgesetzt sind, ihre volle Wirkung entfalten. Dies würde erneute starke Finanzmarktreaktionen und eine anhaltend hohe Unsicherheit in Bezug auf die US (United States)- Wirtschaftspolitik nach sich ziehen. Zudem wird angenommen, dass die EU (Europäische Union) mit Vergeltungszöllen in gleicher Größenordnung reagieren würde.
Die Lage kann sich jederzeit verändern, wobei sowohl eine Verschärfung als auch eine Verringerung der Spannungen möglich sind. I Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die deutsche Wirtschaft auf kurze Sicht mit deutlichem Gegenwind zu kämpfen hat. Dennoch bietet ein Blick in die weitere Zukunft Anlass zu vorsichtigem Optimismus.
Deutschlands Wirtschaftspolitik für mehr Wachstum
Verfolgt man die öffentliche Debatte in Deutschland, so scheint der Krieg in der Ukraine für viele Menschen noch immer weit entfernt zu sein. Ganz anders sieht es da in Estland aus, wo ein direktes Nachbarland zu einer unmittelbaren Bedrohung geworden ist. „Schon wieder“ könnte man angesichts der Geschichte Estlands und seines wiederholten Kampfes um Unabhängigkeit sagen, die neue Bundesregierung versteht den Ernst der Lage durchaus. Es werden die notwendigen Schritte unternommen, um die Sicherheit Europas zu erhöhen.
Der europäische Binnenmarkt ist bis heute einer der Grundpfeiler unseres Wohlstands. Er ermöglicht den freien Warenverkehr über Grenzen hinweg und fördert zugleich Wettbewerb, Innovationen und Wirtschaftswachstum.
Bei den Dienstleistungen bestehen jedoch nach wie vor erhebliche Handelsbarrieren. Der grenzüberschreitende Handel mit Dienstleistungen ist weiter‐ hin wesentlich weniger entwickelt als der Handel mit Waren. Verantwortlich hierfür sind zum Teil nationale Vorschriften, die freiberufliche Dienstleistungen etwa im Bereich der Rechtsberatung, der Architektur und im Ingenieur‐ wesen einschränken. Einige Vorschriften sind zwar gerechtfertigt, doch viele sind es eben nicht. Ergebnis sind Ineffizienzen und entgangene Chancen.
Die digitale Revolution bietet eine einmalige Gelegenheit, diese Hindernisse zu überwinden. Digitale Plattformen, virtuelle Zusammenarbeit und Online‐ dienste verändern die Arbeitsweise und den Austausch von Unternehmen untereinander grundlegend. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, müssen wir Vorschriften vereinfachen, den Verwaltungsaufwand verringern und einen wirklich einheitlichen digitalen Marktplatz schaffen. So ist beispielsweise das von der Europäischen Kommission ins Leben gerufene zentralisierte digitale EU (Europäische Union)-Portal für Leistungen der öffentlichen Verwaltung ein wichtiger Schritt, um die grenzüberschreitende Beschäftigung von Fachkräften zu erleichtern. Das Portal stellt ein Instrument dar, das den Zugang zu Dienstleistungen in anderen Mitgliedstaaten für die Bürgerinnen und Bürger vereinfacht.
Ein stärker integrierter europäischer Strommarkt würde es uns ermöglichen, Angebot und Nachfrage über die Grenzen hinweg besser aufeinander abzustimmen, die Abhängigkeit von teuren Reservekraftwerken zu verringern und den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Um dies zu erreichen, müssen wir in eine grenzüberschreitende Infrastruktur investieren, unsere Stromnetze modernisieren und regulatorische Barrieren beseitigen, die den Energiehandel einschränken. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir nicht nur unsere Klimaziele erreichen, sondern vor dem Hintergrund eines sich rasant verändernden globalen Umfelds – auch die Energiesicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit in Europa fördern.
Und nicht zuletzt müssen wir die Integration der europäischen Finanzmärkte vertiefen. Die europäische Spar- und Investitionsunion kann dazu beitragen, die notwendigen Finanzmittel für zusätzliche Investitionen zu mobilisieren. Diese können dann beispielsweise in den ökologischen Wandel fließen oder für die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit verwendet werden.
Hierbei spielen drei wesentliche Elemente eine Rolle:
Erstens können durch die europäische Spar- und Investitionsunion die Finanzierungsquellen diversifiziert werden. Ein verbesserter Zugang zu Eigenkapital, zu marktbasierter Fremdfinanzierung und zu Wagniskapital ermöglicht die Finanzierung einer größeren Palette an Investitionen.
Zweitens vereinfacht die europäische Spar- und Investitionsunion grenzüberschreitende Investitionen, da Vorschriften harmonisiert und Barrieren abgebaut werden. Europaweit tätige Unternehmen zu gründen, würde dadurch leichter, denn diese Firmen könnten sich kostenreduzierende Skaleneffekte zunutze machen.
Dieser Punkt steht in Einklang mit der „Theorie des gleichgewichtigen Wachstums“ von Ragnar Nurkse. Angewendet auf die Situation von Ländern mit einem hohen Einkommensniveau könnte man seine Lehrmeinung wie folgt wiedergeben: Die begrenzte Größe des Binnenmarkts kann ein Hindernis für die Kapitalverwendung durch Unternehmen oder Branchen und somit ganz allgemein ein Hindernis für das Wirtschaftswachstum darstellen.
Drittens erhöht die europäische Spar- und Investitionsunion die Attraktivität Europas für externe Investoren. Dies würde die verfügbaren Finanzmittel in ihrer Quantität steigern und die Kosten verringern.
Die jüngsten politischen Maßnahmen der US (United States)-Regierung haben dazu geführt, dass internationale Investoren den Status des US (United States)-Dollar als sichere Anlagewährung (Safe Haven) infrage zu stellen beginnen. Zudem bewerten sie die relative Attraktivität von Europa als Investitionsstandort gegenüber den Vereinigten Staaten neu.
Meldung: Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main
