Ab 21. März 2024 im Kino, ab 10. Oktober 2024 auf DVD und VoD: Die Privatbibliothek von Umberto Eco öffnet ein Fenster zu einem magischen Kosmos – meterhohe Regale, gefüllt mit über 30.000 zeitgenössischen sowie 1.500 antiken und seltenen Büchern. Nach dem Tod Ecos gewährte seine Familie dem Regisseur Davide Ferrario, der zuvor mit Eco auf der Kunstbiennale zusammengearbeitet hatte, exklusiven Zugang zu diesem literarischen Schatz. Ursprünglich sollte der Film lediglich die Bibliothek vor ihrer Übergabe an den italienischen Staat und dem damit verbundenen Umzug dokumentieren. Doch daraus entwickelte sich weit mehr.
Der Film taucht ein in die inspirierenden Gedankenwelten des renommierten Philosophen und Schriftstellers sowie seiner Weggefährten. Dabei entfaltet sich nicht nur ein faszinierendes Porträt von Umberto Ecos Gedächtnis, sondern auch Einblicke in das kollektive Gedächtnis der Welt.

Diese Dokumentation verwebt auf einzigartige Weise die Geschichte der Bibliothek mit den philosophischen Reflexionen Ecos und schafft so ein beeindruckendes Zeugnis über die Kraft von Literatur, Erinnerung und dem Erbe der Menschheit.
Unterschiedliche Bereiche aus der Kultur werden im Film angesprochen. Sein berühmtester Roman „Der Name der Rose“ darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. „Das Foucaultsche Pendel“ ist ein anderer ebenso berühmter Roman Ecos. Es sind aber vielfältige Gedankenansätze, die immer wieder zum Vorschein kommen. Handelt es sich hierbei nur um Parenthesen oder bricht in Eco immer wieder der Wille auf, die Welt auf den Kopf zu stellen, Missdeutungen in ihr aufzudecken, aufzuklären und der Welt ins Gewissen zu reden. Seine Sprachuntersuchungen zur Semiotik haben ihn zum anerkannten Wissenschaftler gemacht.
Eins persönlicher Film, der Ecos Familie einbezieht, Kinder wie Enkel kommen zu Wort und erzählen über ihre Kindheit und den Bezug den sie zu ihm haben. Ein Film über Bücher als Halt im Leben und als Lebenselixier. Einmal kam das Bauamt und wollte Eco die Bücherregale im Haus verbieten mit dem Argument, die großen schweren Bücherregale bringen die Hauswand zum einstürzen.
Umberto Eco (1932-2016) liebte seine Bücher, um so mehr als sie ihm Vorlage für seine eigene schriftstellerische Tätigkeit waren. Genauso wie ein Labyrinth ein System der Ordnung sein kann. Hier bezieht er sich auf Jorge Luis Borges, der eine universelle Auffassung von Bibliotheken einnahm. Doch der Film schneidet nur an, gibt Einblicke, übt Kritik. Wenn gesagt wird, Eco findet 10.000 Titel in der Enzyklopädie des Internets, fand früher nur drei Bücher, las die dann aber auch. Niemand mehr mag Bücher bis zu Ende lesen. Es geht während des Wissenskonsums immer mehr darum, sich des enzyklopädischen Wissens zu entledigen, Ballast abzuwerfen, obwohl die Menschheit erst seit Existieren der Enzyklopädien miteinander kommunizieren kann. Das ist ein Widerspruch, wie im Film gern mit Widersprüchen aufgewartet wird. Eco wollte keine Nachrichten mehr lesen und wollte keine mehr verschicken. Sie waren ihm zu kurzweilig. Bildung besteht nicht mehr allein aus purer Wissensaneignung, sondern durch Auswählen aus dem was zur Bildung gehört. Um sich ein Bild von der Welt zu machen werden Gegensätze gebraucht. Wer in Büchern liest, will seine intellektuelle Neugierde stillen.
Zur Filmwebsite: UMBERTO ECO • mindjazz pictures
Produktionsland/-jahr: Italien, 2022, Spieldauer: 80 Minuten, Sprache: Italienisch mit deutschen Untertiteln
CREDITS
Regie: Davide Ferrario
Produktion: Rossofuoco
Produzent*innen: Davide Ferrario, Francesca Bocca
In Zusammenarbeit mit: Rai Cinema
Mit Unterstützung von: MiC – Direzione Generale Cinema e Audiovisivo
Piemonte Doc Film Fund – Film Commission Torino Piemonte, Regione Piemonte
Editing: Christina Sardo
Cinematography: Andrea Zambelli, Andrea Zanoli
Musik: Carl Orff
Originalmusik: Fabio Barovero
Sound Design: Vito Martinelli
Executive Producer: Ladis Zanini
Deutscher Verleih: mindjazz pictures
Weltpremiere: Internationales Filmfestival Rom
Ein Kommentar von Umberto Ecos Familie
Die Motivation, Davides Dokumentarfilm zu unterstützen und daran mitzuwirken, lag darin, die Existenz von Umbertos heimischem Bibliotheksstudio zu bezeugen, das er gemeinsam mit seiner Frau Renate im Laufe der Jahre aufgebaut hat und in dem wir als Familie so lange gelebt haben. Dort gibt es viele Bücher, ja. Sie füllen die Regale, sie quellen auf den Tischen über, sie belegen Kisten und Schubladen und manchmal liegen sie einfach in Stapeln auf dem Boden: sie sind das ruhende Gedächtnis, in dem Umbertos Seele weiterlebt.
Von seiner Bibliothek zu erzählen bedeutet auch, seine Leidenschaften zu beschreiben, die Weite seines Gedächtnisses, seine grenzenlose Neugier, seinen Sinn für Humor und Ironie, das Konzept der „Enzyklopädie“ als umfassende Bildung und schließlich seine Leidenschaft für ein offenes Wissen.
Nach der Vereinbarung, die wir mit dem Kulturministerium unterzeichnet haben, werden die Bücher ein neues Zuhause finden: die zeitgenössische Sammlung wird nach Bologna an die Universität gehen; die Sammlung seltener Bücher wird in die Biblioteca Braidense in Mailand gebracht. Bevor sie dorthin gehen, war es uns ein Bedürfnis, mit anderen zu teilen, was es bedeutet, an einem solchen Ort gelebt zu haben.
Davide Ferrario war der ideale Projektpartner für dieses Vorhaben. Die Sequenz, in der Umberto in seiner Bibliothek spazieren geht, hat sich viral verbreitet und wir fanden heraus, dass Davide selbst die Bibliothek noch einmal filmen wollte und so begannen wir, Geschichten, Fotos, Erinnerungen auszutauschen… Davide hat seine persönliche Sicht der Dinge dargelegt und einen wunderbaren Film geschaffen, über den sich Umberto selbst freuen würde.
Siehe auch: Regiestatement und Gespräch mit Davide Ferrario – kulturexpress.info

