
Was zunächst wie eine groteske Unterhaltungssituation anmutete, entwickelte sich zu einem ebenso komischen wie nachdenklichen Monolog über die Kunst, sich selbst nicht aufzugeben. Ilja Richter kennt diese Figur wie kaum ein anderer. Bereits 1995 hatte er den Ansager bei der Uraufführung am Schauspielhaus Düsseldorf gespielt. Drei Jahrzehnte später kehrte er in seine Paraderolle zurück – und bewies, dass ein guter Schauspieler nicht unbedingt eine aufwendige Bühne benötigte, um einen ganzen Theaterraum in seinen Bann zu ziehen.
Die Ausgangslage war denkbar einfach: Der Ansager sollte das Publikum auf den Auftritt der Stripteasekünstlerin Andrea einstimmen. Mit großen Worten pries er ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, versprach ein Ereignis der Extraklasse und bemühte sich, die Spannung hochzuhalten. Doch Andrea ließ auf sich warten. Und während die angekündigte Künstlerin unsichtbar blieb, wurde der Mann, der eigentlich nur das Vorprogramm bestreiten sollte, selbst zur Hauptfigur.
Ilja Richter gestaltete diesen Balanceakt mit sichtbarer Lust an Sprache, Gestik und Zwischentönen. Er kokettierte, fabulierte und wechselte zwischen großspuriger Selbstsicherheit und entlarvender Offenheit. Mitunter schien er sich in seinen eigenen Worten zu verfangen, nur um sich im nächsten Augenblick mit einer neuen Pointe zu retten. Das Publikum konnte lachen, doch hinter dem Witz lauerte zunehmend die Erkenntnis, dass dieser Mann um weit mehr kämpfte als um die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer.
Denn der Ansager machte sich tatsächlich „nackt“. Aus der vermeintlich souveränen Bühnenfigur schälte sich ein verletzlicher Mensch heraus, der Anerkennung suchte und die Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust überspielte. Bodo Kirchhoffs Text lebte von solchen Brüchen. Der Satz „Die Nacktheit ist das undurchsichtigste aller Kleider“ brachte die paradoxe Wahrheit des Stücks auf den Punkt: Wer sich offenbarte, konnte sich zugleich verbergen.
Die Inszenierung nach Detlef Altenbeck ließ Ilja Richter viel Raum, die Figur mit seiner langjährigen Bühnenerfahrung auszuloten. Der Verzicht auf große szenische Ablenkungen lenkte den Blick ganz auf den Darsteller und seine sprachliche Präzision. Dabei bestand die Herausforderung gerade darin, den Monolog nicht zur bloßen Nummernrevue werden zu lassen. Wo die Pointen dicht aufeinanderfolgten, drohte bisweilen die nachdenkliche Tiefe hinter dem Entertainer zu verschwinden. Doch Ilja Richter fand immer wieder zurück zu den stilleren Momenten, in denen die Komik plötzlich wehtat.
Der Abend im Bad Homburger Kurtheater war mehr als eine scharfzüngige Komödie. Er führte vor, wie dünn die Grenze zwischen Unterhaltung und Verzweiflung sein kann und wie viel Menschlichkeit gerade dann sichtbar wird, wenn die große Nummer ausbleibt.
Text und Foto: Barbara Altherr


