Ihr Vater verfasste politische Cartoons. Hat er Ihnen etwas von seinem Talent vererbt? Zeichnen Sie auch?
Als Kind hielt ich ihn für einen großen Künstler. Das hat mich gehemmt, selbst zu zeichnen, obwohl ich mich zu Farben und Mustern hingezogen fühlte. Meine Mutter brachte mir das Nähen bei, als ich sechs Jahre alt war. Ich habe mir selbst bunte Stoffe im Textilgeschäft gekauft. Ich wollte damals Textildesignerin werden, also habe ich im College das Fach Design belegt. Ich war nie gut im gegenständlichen Zeichnen, es hat mich nicht wirklich interessiert. Mein Interesse für die schönen Künste habe ich erst entdeckt, als ich mit Francis Ende der 60er nach New York gereist bin und mir die Werke zweier minimalistischer Künstler angeschaut habe. Das hat mein Leben verändert. Ich erkannte, dass ich mich künstlerisch ausdrücken konnte, ohne zwangsläufig Realität abbilden zu müssen. Von da an liebte ich es, zu malen, vor allem abstrakte Bilder.

Sie lernten Francis beim Dreh zu DEMENTIA 13 kennen, dem ersten kommerziellen Filmprojekt, für das er das Drehbuch schrieb und bei dem er Regie führte. Hatten Sie sich da schon für das Medium Film begeistert?
Film ist ein sehr schönes und kraftvolles Medium. Einige Filme haben sich in meinem Gedächtnis festgesetzt, doch ich bin nicht das, was man einen echten Filmenthusiasten nennt. Ich habe nicht ganz so viele Filme gesehen wie die meisten Menschen, aber ich bin neugierig und experimentierfreudig. Ich habe bei DEMENTIA 13 mitgearbeitet, weil der Kameramann mein damaliger Freund war. Ich hatte ihn gebeten, mir einen Job zu besorgen. Ich wurde Assistentin des Ausstatters, musste die Reise nach Irland aus eigener Tasche bezahlen und verdiente bei diesem 4-wöchigen Projekt ganze 100 Dollar plus Unterkunft und Verpflegung. Es hat Spaß gemacht und war eine echte Herausforderung. Ich war vorher noch nie auf einem Set gewesen.

Was reizt Sie als Künstlerin besonders?
Ich habe mit ganz unterschiedlichen Medien gearbeitet. In mir brennt ein leidenschaftliches Interesse, einem bestimmten Weg zu folgen, eine Reihe von Werken in dem Bereich anzufertigen, doch dann wird das wieder abgelöst durch etwas anderes, das mich reizt. Im Grunde genommen ist es derselbe Drang, den ich als Kind hatte, als ich mit dem Nähen anfing.

Sie haben mal gesagt, dass sich künstlerisches Arbeiten nicht zwangsläufig von anderen Arbeiten des Alltags unterscheidet. Worin liegt diese Einstellung begründet?
Das war von Anfang an mein innerer Kampf. Als Francis und ich heirateten, hatte er mich seiner Familie noch nicht vorgestellt. Mir war damals nicht klar, wie traditionell er eigentlich war. Die Ehefrau war dafür zuständig, sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Dabei war ich als unabhängiger Freigeist aufgewachsen, das führte zu einigen Spannungen. Irgendwann habe ich einen Weg gefunden, meine Projekte in die Struktur von Familie und Haushalt einzubinden. Da ging es mir nicht anders als anderen Künstlerinnen meiner Zeit. Judy Chicago hat ein Buch geschrieben, in dem sie beschrieb, wie zeitgenössische Künstlerinnen ihrer Kunst in dieser traditionellen Gesellschaft nachgingen – auf einer Waschmaschine sitzend, während die Kinder Mittagsschlaf hielten usw. Mir ging es genauso. Ich arbeitete, wann immer mir Zeit dafür blieb. In der Retrospektive von 2014/15 habe ich realisiert, welche Themen sich durch die Jahre meines künstlerischen Schaffens ziehen, obwohl ich unterschiedliche Medien dafür gewählt habe.

Gab es größere Konflikte, wenn es um Ihre künstlerische Arbeit ging?
Francis und ich haben uns öfter gestritten, doch uns beiden war wichtig, die Familie zusammenzuhalten. Er hat mich in meinen künstlerischen Bemühungen nicht sonderlich unterstützt, weil sie mich seiner Meinung nach von meinen eigentlichen Aufgaben als Mutter ablenkten. Die Gesellschaft sah das damals mehrheitlich so. PARIS KANN WARTEN war ein Durchbruch für die Beziehung zwischen mir und Francis. Als ich in Paris die Vorbereitungen für den Dreh organisierte, hielt er einen Vortrag in der Cinémathèque. Anschließend begleitete er mich, um das französische Produktionsteam kennenzulernen. Alle waren ihm auf Anhieb sympathisch und er half dabei, einige entscheidende Probleme zu lösen. Er holte American Zoetrope als zusätzlichen Investor ins Boot und garantierte die Fertigstellung der Produktion. Er hatte Spaß daran, sich für das Projekt einzusetzen. Er beriet mich bei Problemen, bei denen mir die nötige Erfahrung fehlte und er trug entscheidenden Anteil daran, dass der Film überhaupt zustande kam.

Sie haben damals tatsächlich eine ähnliche Fahrt mit einem „Jacques“ erlebt, die sich von geplanten sieben Stunden auf eine zweitägige Reise nach Paris ausdehnte. Ahnten Sie, dass Absicht dahintersteckte? Warum haben Sie nicht dagegen gesteuert? Oder hat Ihnen das Ganze Spaß gemacht?
Ich habe die Zeit tatsächlich sehr genossen. Ich kannte den Franzosen und vertraute ihm voll und ganz. Dass er dabei einen bestimmten Plan verfolgte, habe ich allerdings für den Film erfunden.

Wird die Person, die Sie bei der Entwicklung der Figur „Jacques“ inspiriert hat, sich wiedererkennen?
Er hat den Film gesehen und scheint sich amüsiert zu haben. Es macht ihm nichts aus, wenn ihn jemand wiedererkennen sollte. Ich wollte, dass Jacques als typischer Franzose entsprechenden Wiedererkennungswert hat, ebenso wie Anne als Durchschnittsfrau. Das Publikum soll sich mit beiden identifizieren können.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Aspekte dieser Geschichte?
Michael ist kein perfekter Ehemann. Jacques ist ebenso wenig perfekt. Ich wollte den „schlechten“ Ehemann nicht gegen den „großartigen“ Franzosen ausspielen, der Anne bis ans Ende ihrer Tage glücklich machen wird. Auch der Franzose verhält sich widersprüchlich: Er ist charmant, doch er stellt unbequeme Fragen. Er zeigt ihr einen schönen Ort, wo eine Ex-Freundin von ihm auftaucht. Er bitte sie all die Kosten der Reise zu übernehmen, doch am Ende zahlt er ihr jeden Cent zurück. Anne befindet sich an einem Punkt, an dem die Hälfte ihres Lebens vorbei ist. Ihr Kind hat das Elternhaus verlassen. Sie denkt viel über ihr Leben nach und realisiert, dass ihr Mann nicht derjenige sein wird, der ihr ein zufriedenes Leben schenkt. Auch ein anderer Mann wird das nicht leisten können. Sie ist selbst für ihr Glück verantwortlich. Sie muss sich auf eine innere Reise begeben, um wachsen zu können. Ihre Fotos sind Ausdruck dieses neuen Abenteuers. Sie bilden ab, wie ihr Blick auf die Welt aussieht, welche Verbindung zwischen ihr und der Umwelt besteht. Der Film sollte unterhaltsam und provokativ zugleich sein. Ich wünsche mir, dass das Publikum die Reise der Figuren genießt und sich der kleinen Freuden des Lebens bewusst wird.

Wie sind Sie auf Diane Lane und Arnaud Viard als perfekte Besetzung für Anne und Jacques gekommen?
Diane ist mit sieben Jahren Schauspielerin geworden und ein absoluter Profi. Ich kenne sie von den Filmen, die sie mit Francis gemacht hat. Ich konnte mich also persönlich davon überzeugen, was für eine tolle Schauspielerin sie ist. Für PARIS KANN WARTEN war ich auf der Suche nach einer Schauspielerin, die jeden Frauentyp verkörpern kann. Über ihre Zusage habe ich mich unheimlich gefreut. Sie war immer bestens vorbereitet und verbreitete gute Stimmung. Und Arnaud verfügt über diesen speziellen Charme, der den Franzosen eigen ist. Es war tatsächlich seine erste Rolle, die er auf Englisch absolviert hat, das merkt man ihm überhaupt nicht an. Er ist sehr experimentierfreudig und immer sorgfältig vorbereitet und mit ganzem Herzen bei der Sache.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, die Schauspieler anzuleiten?
Ich habe den Schauspielern gesagt, dass ich sie wegen ihres großartigen Talents, ihrer Erfahrung und Professionalität ausgewählt habe. Sie wussten am allerbesten, was sie zu tun hatten. Ich habe sie lediglich ein wenig unterstützt und ihrem Spiel eine bestimmte Richtung gegeben, wenn ich das Gefühl hatte, dass es von dem abweicht, was ich mir vorgestellt hatte. Wir hatten einen strammen Drehplan, der uns nur wenig Spielraum ließ. Diane und Arnaud haben immer auf Anhieb geliefert. Auch deshalb waren die beiden die perfekte Besetzung.

Wie ist der visuelle Look des Films entstanden?
Ich hatte einen französischen Film gesehen, bei dem Crystel Fournier die Kamera geführt hat und den ich toll fand. Ich traf mich mit ihr und engagierte sie. Für mich war sie die wichtigste Bezugsperson im Team. Sie sollte meinen Blick auf die Dinge einfangen, das war nur möglich, weil wir dieselbe visuelle Herangehensweise haben. Wir sind fast zwei Wochen lang gemeinsam das Drehbuch durchgegangen und haben Storyboards erstellt. Unsere Kostümbildnerin Milena Canonero war deutlich überqualifiziert für diesen Film. Sie hat schon mehrere Oscars gewonnen. Ich kannte sie von den Filmen, die sie mit Francis und Sofia gemacht hat. Sie wählte die Kostüme aus, die allein deshalb so wichtig sind, weil die Figuren fast den ganzen Film über kaum die Kleidung wechseln. Diane zieht sich viermal um und Arnaud wechselt nur einmal sein Hemd. Milena versteht es, Kostüme zusammenzustellen, die selbst dann nicht langweilig werden, wenn sie längere Zeit getragen werden. Produktionsdesignerin Anne Seibel hatte in Sofias Film MARIE ANTOINETTE das Szenenbild gestaltet. Ich lernte sie kennen, als ich das Making-of drehte. Ihr ästhetischer Ansatz gefiel mir. Wir freundeten uns an. Ich habe die Motive zusammen mit Anne und Crystel ausgesucht. Mein Team bestand aus lauter Franzosen, abgesehen von dem Dialogtrainer, den Francis mir schickte, um Arnauds Englisch aufzupolieren.

Wie liefen die Dreharbeiten in Frankreich?
Meine französische Produktionsfirma hat mich bestens betreut, zumal ich kein Französisch spreche und die Kommunikation mit dem Team natürlich enorm wichtig war. Ich habe versucht, so viele Lieblingsorte wie möglich im Film unterzubringen. Das war logistisch nicht immer machbar, manchmal mussten wir uns dann doch für eine andere Location entscheiden. Erst kürzlich habe ich den fertigen Film der französischen Crew und den Schauspielern in Paris vorgeführt. Gerade angesichts der jüngsten Entwicklungen vor Ort hat es mich besonders berührt, dass viele von ihnen meinten, der Film erinnere sie an ein schönes Postkartenbild von Frankreich.

Interview: Beverly Walker

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