Als Tochter der bekannten französischen Schauspielerin und Chansonsängerin Marie Laforêt wuchs Lisa Azuelos in einer Familie auf, in deren Mittelpunkt Musik und Film standen. Ihre Karriere startete sie als Drehbuchautorin für die TV-Serie CLASSE MANNEQUIN, für die sie die beiden Folgen LE COMBAT DE EX und HERITAGE AMOUREUX schrieb.

1995 feierte sie unter dem Namen Lisa Alessandrin ihr Regiedebüt mit AINSI SOIENT-ELLES, zu dem sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Patrick Alessandrin das Drehbuch verfasst hatte. Auch für Patrick Alessandrins Komödie WOCHENENDE! (15. août), u.a. mit Mélanie Thierry und Jean-Pierre Darroussin, arbeitete sie am Drehbuch mit. Der Film erreichte über eine Million Zuschauer.

2006, mehr als zehn Jahre nach ihrem ersten Spielfilm, gelang ihr der Durchbruch mit COMME T’Y ES BELLE, die Geschichte von vier Freundinnen, deren Eltern sephardische, in Paris angesiedelte Juden sind. Mit der Komödie LOL – LAUGHING OUT LOUD aus dem Jahr 2008, mit Sophie Marceau und Christa Théret in den Hauptrollen, bei der Azuelos als Regisseurin, Drehbuchautorin, Darstellerin und Produzentin fungierte, schnellte die Zahl der Zuschauer in Frankreich auf drei Millionen hoch. Weltweit spielte der Film über 60 Millionen Dollar ein. So ließ das amerikanische Remake von LOL nicht lange auf sich warten. Auch hier übernahm Lisa Azuelos die Regie und drehte 2012 mit hochkarätiger Besetzung (Demi Moore und Miley Cyrus) die amerikanische Variante des Films.

2014 inszenierte sie mit Sophie Marceau und François Cluzet die romantische Filmkomödie EIN AUGENBLICK LIEBE (Une rencontre). Ein Jahr später folgte DER VATER MEINER BESTEN FREUNDIN (Un moment d’égarement), zu dem sie das Drehbuch schrieb und 2016 das Biopic DALIDA, mit dem sie als Regisseurin und Produzentin der Ikone Dalida ein Denkmal setzte.

Filmographie (Auswahl)
2019 AUSGEFLOGEN (Mon Bébé)
2016 DALIDA
2015 DER VATER MEINER BESTEN FREUNDIN (Un moment d’égarement), Drehbuch
2014 EIN AUGENBLICK LIEBE (Une rencontre)
2008 LOL – LAUGHING OUT LOUD
2006 COMME T’Y ES BELLE

Interview

Ihre Filme sind zwar häufig autobiografisch, aber in AUSGEFLOGEN scheint sich dieser Aspekt zu verstärken.
Das lässt sich nicht leugnen, denn schließlich ist es meine Tochter, die sich in dem Film spielt! Bei mir läuft das so: Meine Phantasie ist gleich null, wenn sich aber etwas ereignet, was ich für wichtig erachte, dann stürze ich mich darauf, dreh und wende es und schau, was es hergibt! Glücklicherweise haben die Zuschauer das Gefühl, dass ich von ihrem Leben rede, je mehr ich von meinem eigenen erzähle.

Wie erklären Sie sich das?
Weil ich ehrlich bin, das ist das Einzige, was zählt! Ich glaube, wir haben alle mehr oder weniger dieselben Gefühlsregungen, und meine Arbeit ist es im Grunde, die richtigen Worte dafür zu finden. Es geht darum Liebe zu vermitteln, nicht mehr und nicht weniger!

Die Idee zu ihrem Film AUSGEFLOGEN ist Ihnen in dem Moment gekommen, als Sie den Zulassungsbescheid einer kanadischen Universität lasen, der Ihre siebzehnjährige Tochter betraf?
Nein, schon etwas früher, den eigentlichen Anstoß gab der Film BOYHOOD – die Szene, in der Patricia Arquette mit ihrem Sohn konfrontiert ist, der dabei ist, seine Sachen zu packen und dann einfach abhaut, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Da musste ich schlucken, und ich sagte mir: „So sieht’s also aus, eines Tages sind sie weg“. Meine jüngste Tochter war die Erste. Als sie mir sagte, dass sie sich an einer kanadischen Uni bewerben wolle, wurde mir klar, dass ich mit dieser Möglichkeit rechnen musste (lacht). Ich fing dann an, sie mit meinen iPhone zu filmen. Ich habe einfach alles gefilmt, die ganze Zeit über, um etwas von unserem Zusammenleben festzuhalten, das 25 Jahre lang den Mittelpunkt meines Lebens bildete. Es gibt stundenlange Videos mit Thaïs‘ Tiraden, die manchmal umwerfend komisch sind: „Hör auf zu filmen, Mama, du bist total übergeschnappt! (. . .) Hilfe – nicht schon beim Frühstück. Mach sofort das Ding aus!“ usw. Anfangs wollte ich nur einen Film über diese Stunden machen, in denen es rund ging, aber dann habe ich diese Geschichte geschrieben. Das hat sich natürlich so ergeben, in meinen Videos fehlte schließlich ein wichtiger Charakter: die Mutter!

Diese Mutter spielt Sandrine Kiberlain – eine Rolle, die ihr auf den Leib geschneidert ist?
Und ob! Ich habe von Anfang an gehofft, dass sie die Rolle übernimmt, denn es gibt nur wenige Schauspielerinnen, die, wie sie, in der Lage sind, die Zuschauer in ein- und derselben Szene zum Lachen und zum Weinen zu bringen! 48 Stunden nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, bekam ich ihre Zusage. Ich war glücklich. Ich wusste, dass sie in dieser Rolle als Mutter – in meiner Rolle – einfach umwerfend sein würde (lacht)! Privat bin ich ihr öfters begegnet und immer hatte ich den Eindruck gehabt, dass wir uns ziemlich ähnlich sind, und dass meine Worte aus ihrem Mund sehr glaubwürdig klingen würden . . .

Außerdem ist Sandrine einfach liebenswert, was auch in der Zusammenarbeit mit der noch sehr jungen Thaïs wichtig war. Sandrine war verständnisvoll, aufmunternd und liebevoll. Ihre eigene Tochter Suzanne stand auch kurz vor dem Abitur, das Thema des Films sprach sie also an und vielleicht hatte sie auch das Bedürfnis, sich auf den Abschied von ihr vorzubereiten.

Wie ist es, mit der eigenen Tochter zu drehen? Ist es einfacher als ihr zu sagen, sie soll ihr Zimmer aufräumen?
Es ist ganz anders, Gott sei Dank (lacht)! Nach all diesen Monaten, die ich damit verbrachte, Thaïs zu filmen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie von einer anderen Schauspielerin dargestellt werden könnte, ich hatte nur ihr Bild vor Augen. Sie hatte davor auch schon in anderen Filmen mitgespielt, in LOL zum Beispiel, und das Ambiente, das Tempo, die Anforderungen des Metiers waren ihr geläufig. Was ihre schauspielerischen Fähigkeiten betraf, hatte ich keine Bedenken. Meine Aufgabe bestand weniger darin, ihr Anweisungen zu geben, als ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich unter Profi-Schauspielern behaupten kann. Dazu reichte eine entspannte, angenehme Atmosphäre. Das war übrigens während der gesamten Dreharbeiten so. Auch mit dem Kameramann und dem Regie-Assistenten haben wir viel herumgealbert, als wäre die Geschichte, die wir drehten, ansteckend!

Noch ein paar Worte zu den beiden jungen Männern in Jades Gefolge, Victor Belmondo und Mickael Lumière?
Sie sind der lebende Beweis dafür, dass der Film, selbst was das Casting betrifft, quer durch alle Generationen geht! Als ich Victor Belmondo sah, hatte ich sofort das Gefühl, dass er zur Familie gehört. Er und Thaïs verhielten sich beim Casting schon in den ersten fünf Minuten wie Geschwister, die sich ständig gegenseitig aufziehen. Was wirklich komisch ist, denn meine Mutter (Marie Laforêt) hatte drei Filme mit seinem Großvater (Jean-Paul Belmondo) gedreht. Und nach unserem Film haben Thaïs und Victor auch wieder gemeinsam in einem Film gespielt. Was Mickael Lumière betrifft, so trägt er seinen Namen zu Recht! Beide sind Jungs, die sich auch im richtigen Leben mit ihrer Mutter gut verstehen, was mir wohl instinktiv gefallen hat, da ich zu meinen eigenen Kindern auch diese Nähe habe.

Héloïse ist das Oberhaupt einer Familie, die aus nur einem Elternteil besteht. Ist es denn die Vorstellung, allein zurückzubleiben, die ihr den Abschied so schwer macht?
Die Familie besteht nicht nur aus einem Elternteil, aber der Vater (gespielt von Yvan Attal) hat sich im Ausland niedergelassen, was erklärt, warum er in ihrem Leben weniger präsent ist. Ich wollte vor allem das geteilte Sorgerecht bei der Kindererziehung thematisieren, aus der Sicht einer Mutter, denn damit kenne ich mich aus. Soviel ich weiß, ist es der erste Film, der sich damit befasst, obwohl es immer mehr Paare betrifft, und die Auswirkung auf die Erziehung der Kinder und die Beziehung, die man zu ihnen aufbaut, entscheidend ist. Ich selbst gehöre zur ersten „Generation“ von Eltern, die sich für ein geteiltes Sorgerecht entschieden haben. Damals vor fünfzehn Jahren bedeutete geteiltes Sorgerecht, dass die Unterhaltspflicht wegfiel. Die Frauen mussten also das nötige Geld verdienen, aber den Kindern blieb der „doppelte Schmerz“ erspart – einmal, von der Familie getrennt zu werden, wie sie sie kennen, und dann auch von ihrem Vater. Mit meinem Film möchte ich alleinerziehende Mütter ansprechen, die unerfahrenen, wie auch die erprobten. Ich möchte meine Erfahrungen teilen und ihnen sagen: „Es ist ganz schön schwer und nimmt einen ganz schön mit. Auf jeden Fall ist es besser Yoga zu machen, als Whisky zu trinken… Doch man bekommt es in den Griff!“ Und im Grunde glaube ich, dass das Gefühl der Verlassenheit, das man empfindet, wenn der letzte Sprössling das Nest verlässt, dasselbe ist, egal, ob man nun als Paar zusammenlebt oder nicht, verheiratet ist oder nicht, beide Elternteile werden einmal damit konfrontiert.

Die Beziehung zwischen Héloïse und ihren Kindern zeichnete sich nicht nur durch eine große Nähe und Zärtlichkeit aus (alle drei schliefen mit ihr in einem Bett, als sie klein waren, und auch als Jugendliche waren sie verschmust) sondern auch durch ein kameradschaftliches Verhalten (wenn Jades siebzehnjähriger Freund bei ihnen schläft, hat ihre Mutter damit kein Problem, Héloïse hilft ihrer Tochter sogar, sich bei einer Probeklausur durchzumogeln).
Oh, die Vorladung an der Schule habe ich zwar erlebt, aber mein Auftritt war leider nicht so bravourös, wie der von Sandrine. Stimmt schon, Héloïse und ich sind als Mütter eher zärtlich als autoritär. Ich glaube, das ist meist so, wenn kein Vater da ist. Eine Erziehung, die auf einer rein vertikalen Beziehung beruht, ist schwierig, vor allem wenn einer gegen drei antreten muss. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass man mit Gezeter und Zwang nichts erreicht. Unsere Rolle besteht darin, unsere Kinder zu lieben, ganz einfach nur zu lieben. Mit dieser Art von bedingungsloser Liebe, die ein Grundvertrauen entstehen lässt, die verzeiht und die – davon bin ich überzeugt – ein richtiges Erwachsenwerden erst ermöglicht. Meine Kinder mussten nur drei Dinge tun: „Guten Tag“, „Bitte und Danke“ und „Auf Wiedersehen“ sagen. Das haben sie auch gemacht. Ich fand es immer toll, wenn die Leute mich zu meinen gut erzogenen Kindern beglückwünschten.

Wie schätzen Sie die Generation ihrer Kinder ein?
Besonders beeindrucken mich ihr Humor, ihre Cleverness und dieser schnelle, witzige „Ton“ in einer Gesellschaft, die nicht auf sie gewartet hat. Im Gegensatz zu meiner Generation beherrschen sie offensichtlich eine Technik, die ihren Eltern größte Schwierigkeiten bereitet. Sie sind es, die uns auf diesem Gebiet weiterhelfen, und sie sind wirklich stark! Diese Szene, in der sich die drei Kinder auf die Suche nach dem Handy ihrer Mutter machen, habe ich schon mehrmals erlebt, das letzte Mal während der Dreharbeiten zu AUSGEFLOGEN. Wie üblich habe ich es irgendwo liegen lassen, und sie haben, wie im Film, ganz Paris danach abgesucht und es tatsächlich auch gefunden. Mir gefällt die Vorstellung, dass die Rollen sich vertauschen: Unsere Schützlinge werden zu unseren Beschützern. Aber diese Generation muss sich einer rasanten Entwicklung stellen, was Informationen und soziale Netze anbelangt. Die individuelle Entwicklung gestaltet sich meiner Meinung nach immer schwieriger. Die Frage,„wer bin ich“ lässt sich in diesem Alter kaum beantworten, vor allem nicht, wenn die Kinder in der Familie keinen Halt, keine Wärme finden.

Irgendwie drängt sich die Frage auf: Ist diese Begeisterung für Larusso Fiktion oder Realität?
Realität, ist doch klar! Folgende Geburtstagsszene ist das getreue Abbild von dem, was ich seit 15 Jahren erlebe: Man organisiert eine Party bei sich zu Hause, jedes Alter ist vertreten, und ich bin stolz auf „meine“ Musik, die meine Kinder einfach nur bescheuert finden. Aber kaum legt der DJ Disco oder Funk auf, bleibt keiner auf dem Sofa sitzen! Und jedes Mal, wenn Carmen, Ilan und Thaïs mir meine Torte bringen, kommen mir die Tränen, ganz wie im Film. Wenn wir alle Vier zusammen sind und feiern, ist für mich meine Familie ein Geschenk, das mir das Leben machte.

Héloïse macht der Abschied von ihrem „Baby“ zu schaffen. Sie erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, aber letztendlich findet sie sich dann doch damit ab. Sind die Gefühle der Mütter, für die nun ein neues Kapitel beginnt, nicht auch zwiespältig?
Sicher, es bricht ihnen das Herz, aber gleichzeitig sind sie auch erleichtert. Dass ihre Kinder in der Lage sind, ihr eigenes Leben zu leben, bedeutet, dass sie ihre Sache gut gemacht haben und etwas Neues in Angriff nehmen können. Die Rolle der Mutter war für mich eine Lebensaufgabe, aber inzwischen verspüre ich auch Lust, wieder eine Frau zu sein. Es ist eines dieser Worte das man eigentlich nur als „die Frau von“ kennt und das sich zwischen Mutter und Hure ansiedelt! Ich bin wieder soweit, dass ich mich auf einen Mann einlassen, ja sogar mit seiner ganzen Sippe am Frühstückstisch sitzen kann!

Was nicht möglich war, solange die Kinder zu Hause lebten?
Nicht in meinem Fall. Ich hatte zwar ein paar Affären, aber ich wollte nie mit einem Mann zusammenziehen. Ich bewundere und respektiere Familien, die sich neu aufgestellt haben, aber ehrlich gesagt ist es mir ein Rätsel, wie sie das machen. Wo es doch schon in einer bereits aufgestellten Familie so schwierig ist, ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten . . .
Selbst die eigenen Kinder lassen sich manchmal kaum ertragen, von den fremden ganz zu schweigen! Und meinen Kindern einen Mann aufzudrücken, der nicht ihr Vater ist, war eine Vorstellung, die ich nicht sehr verlockend fand, dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Aber ich bedauere nichts.

Es ist ein anrührender Anblick, wenn Sandrine Kiberlain in der letzten Szene mit einem Diadem auf dem Kopf durch den Flughafen geht. . .
Als ich den fertigen Film sah, entdeckte ich in dieser Szene noch etwas anderes als das, was ich meiner Meinung nach in sie hineingelegt hatte. Ich sah eine Frau, die sich wie in einer Kathedrale zu bewegen schien, und ihr Diadem ähnelte einer Krone oder vielmehr einer Gloriole. Kinder groß zu ziehen besteht aus vielen kleinen Dingen: Brote schmieren, mitten in der Nacht aufstehen, Tränen lachen, aus dem Haus stürzen, um sie zur Schule zu fahren, zetern und brüllen, herumliegendes Spielzeug auflesen und Angst haben vor dem, was sie im Leben erwartet. All das macht das Leben einer Mutter aus. Héloïse geht ihrer Zukunft entgegen mit dem stolzen Gefühl, ihre Mission erfüllt zu haben. Die Botschaft an alle jungen Mütter: Habt keine Schuldgefühle. Auch wenn ihr manchmal hilflos seid und euch fragt, wie es weitergehen soll – es wird schon klappen, versprochen! Die Zweifel, die Opfer, die man bringt, man vergisst sie und denkt nur noch an die Freude.

Alamodefilm

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