Die Vielfalt der Möbeldesigns aus den letzten 200 Jahren scheint fast unüberschaubar. Die Autoren haben sich der Aufgabe gestellt, um die Vielfalt zu erforschen und zu deuten. Dieser Atlas erschließt die umfassende Geschichte des Möbeldesigns zu einer Vielzahl an Einzelobjekten, die in Kurzessays analysiert und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet wurden.

Mit Inhalten aus über 20 Jahren Forschung und mehr als 1.000 Seiten ist er das umfassendste Buch, das je zu diesem Thema publiziert wurde. Dokumentiert werden 1.740 Objekte von über 540 Designern und enthält mehr als 2.800 Abbildungen. Über 550 Texte liefern detailgenaue Objektanalysen, Essays zu vier großen historischen Epochen beschreiben den soziokulturellen und designhistorischen Kontext der gezeigten Objekte. Hinzu kommt ein umfangreicher Anhang mit Designerbiografien, Informationsgrafiken, Bibliografien sowie Hersteller- und Materialglossar. Die gebundene Ausgabe umfasst 1028 Seiten. Die erste Auflage der deutschsprachigen Ausgabe wurde in 3500 gedruckten Exemplaren publiziert. Es gibt auch eine englischsprachige Version ‘Atlas of Furniture Design’ gleichen Umfangs. Die Maße des gewichtigen Buches betragen: 25,4 x 33,8 cm Höhe mal Breite und einer seitenstarken Dicke von 8,1 cm.

Mit dem ‘Atlas des Möbeldesigns’ veröffentlicht das Vitra Design Museum das neue Grundlagenwerk zur Geschichte des modernen Möbeldesigns. Der inhaltliche Bogen der Publikation reicht von den Anfängen der Industrialisierung bis zum digitalen Zeitalter. Die Herausgeber sind: Mateo Kries, Jochen Eisenbrand, Henrike Büscher, Janna Lipsky, Adrian Luncke und Nina Steinmüller.

Immer wieder ist zu hören, Designgeschichte sei objektfixiert, doch wie in der Kunst steht vor jeder Auseinandersetzung das Verständnis des einzelnen Werks, das durch und mit seinem Autor, seinem Entwurf, seinen Materialien, seiner Produktion, seiner Rezeption und den vielen Einflüssen, die es geprägt haben zur Geltung gelangt. Neben den auf einzelne Möbelstücke bezogenen Texten umfasst der Atlas des Möbeldesigns Essays, Informationsgrafiken, Verweissysteme, Biografien und Glossare, die Verbindungen zwischen den Objekten aufzeigen und die großen Entwicklungsstränge des Möbeldesigns verdeutlichen. Basis für den Atlas des Möbeldesigns ist, wie nicht anders zu erwarten gewesen wäre, die Sammlung des Vitra Design Museums. Sie ermöglicht neben dem visuellen Eindruck eine Forschung am Objekt, die eine wesentliche Voraussetzung für die Produktion ist. Das geht bis in Details wie Polsternähte, Stofftexturen, Holzverbindungen oder Herstellermarken. Andererseits entwickelt sich die Aufstellung aus dieser Vielzahl an Objekten schnell zum Katalog, um nicht zu sagen zum Produktkatalog. Lediglich die ausgedehnten historisch belegten Bezüge, welche die Herausgeber mit ihren Forschungen präsentieren, haben nicht das Produkt sondern das Exponat im Blick.

Der Atlas des Möbeldesigns veranschaulicht eine Bandbreite an Gestaltern, Epochen, Stilen, Herstellern, Materialien und Entwurfshaltungen. Der Stuhl ist am häufigsten vertreten, denn kein anderes Möbel wurde von Designern, Architekten und Künstlern so oft neu gestaltet und interpretiert. Von allen Möbeln wird der Stuhl am häufigsten gebraucht, am stärksten belastet und exponiert im Raum aufgestellt. Oft weist er zudem eine anspruchsvolle Konstruktion auf, die unterschiedlichen Funktionen und Belastungen gerecht werden soll. Hinzu kommt eine vielschichtige Ikonografie und Symbolik, die schon damit beginnt, dass ein Stuhl ein Angebot ist, um sich zu hinzusetzen. Ein freier Platz symbolisiert immer zuerst die Möglichkeit einer freundschaftlichen Geste an das Du und an ein Gegenüber. Du bist gemeint, um Platz zu nehmen auf dem freien Stuhl. Allein der freie Stuhl für sich ist damit schon ein sprechendes Kommunikationsmittel. Der Kulturhistoriker Hajo Eickhoff bezeichnet das Sitzen als Ausdruck des aufgeklärten, anthropozentrischen Weltbildes schlechthin.

Die frühesten Auswahlstücke aus dem Atlas des Möbeldesigns entstanden im späten 18. Jahrhundert und damit schon Jahrzehnte bevor Henry Cole im Vereinigten Königreich den Begriff „Design“ prägte und dabei jenes Designverständnis umriss, das in groben Zügen auch im 20. Jahrhundert galt: als Gestaltung von Gebrauchsgütern für eine serielle Herstellung nach ökonomischen und ästhetischen Kriterien.

Etliche Entwürfe stammen aus der Hand berühmter Architekten wie Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe oder Richard Neutra – gerade aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem das Berufsbild des Designers noch kaum etabliert war. Andere Möbel in der Sammlung wurden von Künstlern entworfen, etwa von El Lissitzky, Donald Judd, Allen Jones oder Richard Artschwager. Vor allem die Künstler- und Architektenmöbel zeigen, wie eng die Verflechtungen zwischen Design, Architektur und Kunst seit jeher sind.

Eng ist auch die Verbindung mancher Möbel zur Biografie ihrer Entwerfer, etwa bei einem Schreibtisch, den sich der aus Wien stammende Architekt Friedrich Kiesler für sein New Yorker Studio bauen ließ (1930–1935), oder bei einem filigranen Schrank, den Eileen Gray als Einzelstück um 1935 für ihr Sommerhaus Tempe a Pailla an der Côte d’Azur fertigen ließ. Weiteres im Buch nicht erwähntes Beispiel wäre der demonstrativ zur Schau gestellte Schreibtisch in einer großen kastenförmigen Vitrine von Theodor W. Adorno auf einem öffentlichen Platz in Frankfurt am Main. Wobei in diesem Fall nicht die Eigenschaft als Entwerfer sondern die des Philosophen gefragt ist, vor Ort nicht mehr anwesend, dafür aber sein Arbeitstisch mit Schreibtischstuhl aufgestellt wurden, so als ob die Gegenstände noch in Gebrauch sind.

Bei anderen Stücken ist der Entwerfer kaum oder nicht bekannt, etwa bei dem bis heute beliebten Gartenstuhl aus gebogenen Eisenstäben oder einem faltbaren Outdoor-Hocker der 1920er Jahre, dessen Verpackungsaufschrift umso interessantere Einblicke in das Sitzverhalten der entstehenden Freizeitgesellschaft gibt.

Print Friendly, PDF & Email