Interview mit Regisseur Timo Großpietsch FLUSS (2025)

Timo Großpietsch ist ein deutscher Filmemacher und Dokumentarfilmredakteur aus Hamburg. Für seine Produktionen für Kino, Mediathek und Fernsehen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Seine Filme liefen auf renommierten Festivals wie der Berlinale, dem DOK.fest München und dem Filmfest Hamburg. Beim NDR entwickelt und betreut er Dokumentarfilme und Doku-Formate für die ARD Mediathek. Neben seiner Arbeit als Dokumentarfilmer und Redakteur lehrt Timo Großpietsch an Universitäten im Bereich Dokumentarfilm und ist Mitglied im Gremium „Director’s Cut“ der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

Interview

Warum war es für Sie naheliegend, nach den beiden ersten Filmen nun den Fluss, die Elbe, ins Zentrum zu stellen?

Timo Großpietsch: Für mich war FLUSS nicht nur naheliegend, sondern zwingend. Nach dem Film „Stadt“, der urbane Räume erforschte, und „Land“, der den Blick auf unsere Nahrungsmittelproduktion und Landschaft richtete, lag es nahe, den industriellen und geschichtsträchtigen Lebensrau m zu erkunden, den ein Fluss wie die Elbe eröffnet. Flüsse sind Verkehrsadern, Arbeitsräume, Erinnerungs räume – sie verbinden Stadt und Land, sie tragen Vergangenheit und Gegenwart gleich ermaßen in sich. In dieser Logik war FLUSS die notwendige Vollendung der Trilogie. Ich selbst bin in Hamburg an diesem Fluss groß geworden. Als Kind stand ich am Ufer und fragte mich, woher das Wasser eigentlich kommt. Erst jetzt durfte ich die Quelle im Riesengebirge besuchen – ein Ort, der zugleich mystisch und erstaunlich banal ist. Diese Ambivalenz hat mich interessiert: das Mythische und das vom Menschen gesetzte Monument.

Sie haben die Elbe als Kind noch als verschmutzten Fluss erlebt. Welche Bedeutung hatte dieser Wandel für den Film?

Großpietsch: In meiner Kindheit war die Elbe ein schmutziger Strom – Baden verboten, Fische voller Geschwüre, Schwermetalle aus dem Osten. Heute ist das Wasser sauberer, man kann wieder baden gehen. Mich hat interessiert: Wie konnte dieser Wandel geschehen? Was ist geblieben, was hat sich verändert? Wir haben deshalb ein Forschungsschiff begleitet, das regelmäßig Wasserproben zieht. Diese Fahrt hat mir gezeigt: Es gibt auch gute Nachrichten. Aber es gibt neue Risiken – Niedrigwasser durch den Klimawandel. Der Fluss bleibt verletzlich.

Die Elbe ist ein vielfach gefilmter Fluss. Welche Bilder wollten Sie unbedingt vermeiden?

Großpietsch: Wir alle tragen die bekannten Postkarten im Kopf – Dresden mit der Frauenkirche, Hamburg mit dem Michel oder der Elbphilharmonie. Solche Bilder brauche ich nicht zu wiederholen. Mich interessierten die Räume, die man nicht kennt: Steinbrüche, in denen der Dresdner Sandstein gebrochen wird, Industrieanlagen, das Innere eines Stahlwerks, die Brücke eines Containerriesen. Arbeitsorte statt Aussichtspunkte. Wir fuhren an den Sehenswürdigkeiten vorbei und hielten davor, daneben, dahinter.

Ein Fluss zwingt eine lineare Dramaturgie. Welche Konsequenzen hatte das für Ihre Arbeit?

Großpietsch: Bei „Stadt“ und „Land“ konnte ich springen, zurückkehren, assoziativ montieren. Beim Fluss geht das nicht. Er fließt – und zwingt den Film mitzuziehen. Montage wird zu Takt und Atem, Rhythmus und Wiederholung. Mit Editor Martin Hüsges haben wir eine Sprache gefunden, die zwischen Ruhe und Verdichtung wechselt, zwischen Echtzeit und Archiv. Orientierung geben der Kilometer-Countdown – von 1094 bis 0 – und die klare Verortung der Orte. So bleibt die Reise nachvollziehbar, auch wenn sie meditativ verläuft.

Welche Rolle spielte das Archiv?

Großpietsch: Die Elbe ist ein Erinnerungsraum. Viele Orte sind geschichtsträchtig – Grenzbrücken, Industrieanlagen, Schleusen. In den Archiven fanden wir Bilder, die wie ein Echo wirken: sie zeigen Anfänge, technische Utopien, auch die Teilung Deutschlands. Oft war erstaunlich, wie wenig sich verändert hat. Maschinen, Prozesse, Materialien wirken über Jahrzehnte gleich. Archiv bedeutet für mich nicht Illustration, sondern Resonanz. Vergangenheit und Gegenwart treten in Dialog.

Ein Erlebnis, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Großpietsch: Die Fahrt auf einem der größten Containerschiffe der Welt. Ein Jahr Genehmigungen, und dann ging plötzlich alles sehr schnell: nachts, auf einer dunklen Brücke, die Lichter aus, ein streng hierarchischer Kosmos, in dem jede Bewegung vorgeschrieben ist. Vier Tage dauerte die Reise nach Antwerpen. Erst diese Zeit machte die Bilder möglich: Maschinenraum, Steuerstand, der Herzschlag einer globalen Logistik.

Im Film sieht man auch die Bundeswehr. Welche Bedeutung hatte dieser Dreh?

Großpietsch: Pioniere üben das Übersetzen schwerer Fahrzeuge über den Fluss. Früh am Morgen, im Nebel, ein Bild, das sich wie von selbst auflädt. Geschichte klingt mit – Torgau, das Zusammentreffen der Alliierten. Und Gegenwart klingt mit – wir sprechen über Aufrüstung, Krieg in Europa, kriegstüchtig werden. In einem Bild verschränken sich Vergangenheit und Jetzt, Übung und Ernstfall, Technik und Bedrohung.

Wie haben Sie die Wahl der Orte getroffen?

Großpietsch: Der Fluss führt ganz natürlich. Sobald man genauer hinsieht, stößt man auf Industrie. Fabriken, Kraftwerke, Steinbrüche – immer wieder Orte, die Wasser brauchen: zum Kühlen, zum Transportieren, zum Verarbeiten. Diese Räume sind schwer zugänglich, aber sie erzählen viel. Und sie erinnern daran, wie sehr wir uns die Flüsse zu eigen gemacht haben.

Welche übergeordnete Idee hat den Film geleitet?

Großpietsch: Vergänglichkeit und Wiederkehr. Der Fluss ist ein Sinnbild dafür: er erneuert sich, wiederholt sich, verändert sich und bleibt doch derselbe. Der Mensch greift ein, baut, lenkt, schützt und gefährdet. Aber am Ende setzt der Fluss die Bedingungen. Das nächste Hochwasser kommt, und es erinnert uns daran, dass unsere Gestaltungsmacht Grenzen hat. Vielleicht ist FLUSS in diesem Sinn der versöhnlichste Teil der Trilogie: ein Film, der die Verletzlichkeit zeigt, aber auch den Zauber des fortwährenden Kreislaufs.

Quelle: Real Fiction Filme

Siehe auch:  FLUSS – kulturexpress.info

Siehe auch:  Interviews mit Vladyslav Sendecki | Martin Hüsges und Marc Brasse – kulturexpress.info